Rückenmuskeln bis in die kleinsten Fasern stärken

Medizinische Kräftigungstherapie – ein erfolgreiches Therapieverfahren 


Fitnessstudios boomen, vor allem zu Beginn des neuen Jahres, wenn all die guten Vorsätze noch halten. Aber ob all diese Anstrengungen wirklich der Gesundheit dienen und nicht doch eher aufgrund falscher und einseitiger Belastungen langfristig mehr schaden als nutzen, ist noch nicht ausgemacht. Mit einem unter fachkundiger Anleitung durchgeführten Training erhält man sich sicher eher die Gesundheit als bei Chipsknabbern vor dem heimischen Fernseher. Aber die Gefahr bei allem Einsatz ist, dass gar nicht die entscheidenden Muskeln gestärkt werden. Besonders die tief liegende Rückenmuskulatur ist meist das Stiefkind beim Training. Gerade ihre Vernachlässigung kann langfristig oft zu leidvollen Rückenschmerzen führen. ORTHOpress sprach mit dem Stuttgarter Orthopäden Dr. Frank O. Steeb über ein gezieltes Krafttraining zur Stärkung der so genannten „autochthonen“ Rückenmuskulatur. 


Herr Dr. Steeb, mit Krafttraining verbinden viele Menschen Begriffe wie „Muckibude“, „Bodybuilder“ usw. Sie dagegen empfehlen gesundheitsorientiertes Krafttraining auch Ihren Patienten. Warum? 

Dr. Steeb:Unser Lebensstil ist charakterisiert durch zu wenig Bewegung und Belastung gegen Widerstand. 80 Prozent aller Menschen werden im Laufe ihres Lebens Rückenbeschwerden haben, davon bis zu 20 Prozent chronisch. Gesundheitsorientiertes Krafttraining beugt dem vor. Zudem ist es auch das beste Mittel, die Muskelkraft zu erhalten. Wir bauen ab dem 25. Lebensjahr jährlich ca. 250 g Muskelmasse ab und lagern dafür etwa 750 g Fett ein. Im 6. und 7. Lebensjahrzehnt verlieren wir allein jeweils 15 Prozent unserer Muskelmasse. Durch Krafttraining kann dieser Mechanismus aufgehalten werden. Auch bei einer Gewichtsreduzierung kann es durch Änderung der Körperzusammensetzung einen wichtigen Beitrag leisten, damit nicht – wie normalerweise bei der Gewichtsabnahme – das wertvolle Muskelgewebe zuerst dahinschmilzt. Während des Krafttrainings dagegen wird Fettgewebe abgebaut und durch gesundes Muskelgewebe ersetzt. Ebenfalls bekannt ist der vorbeugende Effekt bei Osteoporose, denn Knochen erhält in dem Maße seine Stabilität, wie er durch kräftige Beanspruchung der entsprechenden Muskulatur gefordert wird.

Sie haben das Problem der Rückenschmerzen angesprochen. Welche positiven Auswirkungen hat hier Krafttraining?

Dr. Steeb: Bei acht von zehn Rückenpatienten liegt die Ursache ihrer Beschwerden in einer zu schwachen Rückenmuskulatur. Natürlich kann man lernen, wie man richtig sitzt, trägt oder geht. Doch wer seine Rückenmuskulatur schont, schwächt sie noch mehr. Dieser Teufelskreis kann durch eine gezielte Kräftigung bestimmter Muskelgruppen unterbrochen werden.

In letzter Zeit hört man zunehmend den Begriff „Medizinische Kräftigungstherapie“. Was versteht man darunter?

Dr. Steeb: 1988 konnte ein Ärzteteam der Universität Florida erstmals die Kraftentwicklung der tief liegenden Wirbelsäulenmuskulatur isoliert messen, ohne dass z.B. die großen Muskelgruppen an Gesäß, Bauch oder Oberschenkeln zur Hilfe mit eingesetzt werden konnten. Sie stellten dabei fest, dass Kreuzschmerzpatienten eine auffallend schwache Muskulatur im Vergleich zu Gesunden zeigten. Untersuchungen bestätigten: Je kräftiger die Lendenstreckmuskeln sind, umso geringer ist das Risiko für Rückenschmerzen. Daraufhin wurde in den USA das MEDX-Therapiekonzept entwickelt. Nur damit ist es möglich, Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer der Rückenstreckmuskulatur an der Hals- und Lendenwirbelsäule exakt zu untersuchen. Liegen die individuellen Messwerte vor, kann für jeden Patienten ein Therapieprogramm zusammengestellt werden, das in 12-18 Sitzungen die zuvor zu niedrigen Kraftwerte wieder normalisiert.

Welche Arten von Rückenschmerzen lassen sich mit der Medizinischen Kräftigungstherapie behandeln?

Dr. Steeb: Mit der Medizinischen Kräftigungstherapie werden Patienten mit altersbedingtem Verschleiß der Wirbelsäule, Bandscheibenvorwölbungen oder -vorfällen, Wirbelgleiten, Fehlhaltungen der Wirbelsäule, Beschwerden nach Unfällen oder Operationen, Instabilitäten mit häufigen Blockierungen der Wirbelgelenke oder Schwäche der Wirbelsäulenmuskulatur behandelt.  Amerikanische Mediziner haben nachgewiesen, dass die Erfolgsquote dieser Therapie bei 80 Prozent liegt und unabhängig von Ausgangsdiagnose, Alter oder Geschlecht der Patienten erreicht wird. Dies können wir auf Grund unserer eigenen Erfahrungen in der täglichen Praxis bestätigen.

Was sollten die Patienten im Anschluss an die Therapie tun, um den Behandlungserfolg zu erhalten?

Dr. Steeb: Hat die Kraft der Rumpfmuskulatur ein normales Niveau erreicht, sollte dieses durch regelmäßiges Krafttraining in einem gut geführten Trainingsbetrieb erhalten werden. Zur Kontrolle der Effektivität dieses Trainings sollte das Kraftniveau in größeren Abständen im MEDX-Testgerät kontrolliert werden.

Herr Dr. Steeb, vielen Dank für das interessante Gespräch.

aus ORTHOpress 1 | 2002

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