Muskelverletzungen

VonStefanie Zerres

Über 300 verschiedene Muskeln befinden sich insgesamt in unserem Körper. Der wichtigste Muskel ist unser Herz, das durch Kontraktion das Blut in unserem Körper zirkulieren lässt. Das Muskelgewebe besteht aus vielen einzelnen Fasern, zwischen denen sich Blutgefäße befinden. Die Faserbündel werden über kollagenes Bindegewebe, die sogenannten Faszien, stabilisiert und miteinander verbunden. Im Bewegungsapparat verbinden Muskeln einzelne Knochen miteinander und sorgen beispielsweise dafür, dass der Unterarm bei Muskelkontraktion angehoben und bei Entspannung wieder losgelassen wird. An den Knochenenden befestigt sind die Muskelstränge durch starke Sehnen, die bei einer Verletzung natürlich mit beeinträchtigt werden können. 

Sportler gefährdet

Fehl- oder Überbelastungen spielen bei der Entstehung von Muskelverletzungen die größte Rolle. Eine Ausnahme bilden Prellungen, bei denen eine Krafteinwirkung von außen für die Verletzung verantwortlich ist. Ein bekanntes Beispiel dafür kommt aus der Kontaktsportart Fußball: Beim Foul entsteht oftmals der sogenannte Pferdekuss am Oberschenkel, wenn Spieler zusammenprallen. Das Muskelgewebe wird dabei gegen den Knochen gedrückt und kann gequetscht werden oder einreißen, es kommt zu Schwellungen oder Eindellungen sowie Blutergüssen.

Beim Fußball, aber auch bei vielen anderen Sportarten, treten jedoch viel häufiger überlastungsbedingte Muskelverletzungen auf, die meisten davon an den unteren Extremitäten. Anfälliger für Schäden ist die Muskulatur immer dann, wenn sie nicht ausreichend durchblutet ist. Das kann der Fall sein, wenn ein Sportler allgemein untrainiert ist oder sich vor dem Training nicht ausreichend aufgewärmt hat. Die Muskulatur ist dann nicht elastisch genug, um der Dehnung genügend standzuhalten und es kann zu Verletzungen kommen. Wie groß diese sind, ist entscheidend für die Klassifizierung und Behandlung der Verletzung. Es gibt verschiedene Klassifikationssysteme, die meist zwischen ein und vier Graden unterscheiden, von denen der höchste Grad einen vollständigen Riss und damit einen kompletten Funktionsverlust des Muskels beschreibt. Je nach zugrunde gelegtem Klassifikationssystem wird auch der Zustand von Sehnen und Faszien nach der Verletzung mitbetrachtet.

Häufig wird Muskelverletzungen – besonders im Vergleich zu Knochenbrüchen – zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sie sind jedoch nicht immer nur harmlos und sollten genügend Zeit zur Regeneration bekommen, bevor weiter traininert wird. Ansonsten erhöht sich das Risiko für erneute Verletzungen und Folgeschäden. Viele schwerere Muskelverletzungen sind die Folgen einer früheren, nicht ausgeheilten Verletzung. Zusätzlich bestehen weitere Faktoren, die das Risiko einer Folgeverletzung verstärken können: so beispielsweise, wenn die gesamte Fitness nach der notwendigen Pause in der Heilungsphase abgenommen hat und dann beim Wiedereinstieg zu stark belastet wird. Außerdem kann sich je nach Art der Muskelverletzung Narbengewebe bilden, welches dann zukünftig eine Schwachstelle darstellt.  

In vielen Fällen können Muskelverletzungen konservativ gut behandelt werden. Bei größerflächigen Schäden kann ein operativer Eingriff notwendig werden.

Muskelkater

Wenn die Beine am Tag nach dem Lauftraining schmerzen und Treppensteigen unangenehm wird, hält so manch einer den Schmerz sogar zufrieden aus, da er den Muskelkater als Beweis für seine sportliche Leistung sieht. Außerdem ist ja bekannt, dass das Problem in wenigen Tagen nicht mehr spürbar sein wird. Den Muskelkater als Verletzung sehen? Das wird wenigen in den Sinn kommen. Doch es handelt sich um viele kleine Mikroverletzungen des Gewebes, durch die es zu den Schmerzen kommt. In der Regel heilen sie von selbst wieder aus und es bedarf keiner speziellen Therapie. Unterstützend können höchstens entspannende Wärmeanwendungen sein. Trotzdem sollte versucht werden, diesen Zustand mit entsprechenden Aufwärmphasen, Dehnungsübungen oder dem Vermeiden plötzlicher ungewohnter Bewegungsabläufe zu verhindern.

Muskelzerrung

Jeder Muskel unterliegt gewissen Grenzen, was die Dehnbarkeit angeht. Bei einer Muskelzerrung ist diese Grenze erreicht, jedoch nicht überschritten. Im Gegensatz zum Muskelkater, der meist nicht sofort spürbar ist, wird eine Muskelzerrung sofort und mitunter stark schmerzen. Der betroffene Muskel ist dann so überdehnt, dass er seine Funktion kaum mehr erfüllen kann und eine absichtliche Dehnung sehr schmerzhaft ist. Unmittelbar nach dem Unfallgeschehen hilft meist Kühlung. Eine Trainingspause sollte in jedem Fall im Anschluss eingehalten werden, um nach Abklingen der Beschwerden mit dosierten Dehnungsübungen wieder einzusteigen.

Muskelfaserriss und Muskelriss

Im Gegensatz zur Zerrung wurde bei Rissen der Muskulatur die Dehnungsgrenze des Gewebes überschritten. Entweder reißen einzelne Fasern oder gar die ganze Muskelpartie bei einer plötzlichen Anspannung oder einer abrupten Bewegung. Insbesondere Sprinter oder Sportler, die häufige Sprünge durchführen, sollten daher immer ausreichend aufgewärmt und trainiert mit ihrem Sport beginnen. Risse in der Muskulatur sind sofort schmerzhaft und, abhängig vom Umfang der Verletzung, mit starken Bewegungseinschränkungen verbunden. Äußerlich sichtbar sind solche Verletzungen meist durch Eindellungen und Hämatome. Des Weiteren kann es zu Entzündungen der betroffenen Stelle kommen. 

Bei stärkeren Muskelverletzungen kommen diagnostisch neben der Anamnese und Palpation bildgebende Verfahren wie Ultraschall oder MRT zur Anwendung. Ergibt sich daraus, dass der Muskel so stark gerissen und die Rissenden unter Umständen so weit auseinander liegen, dass eine Bandagenbehandlung allein nicht zur Heilung ausreichend ist, kann hier eine Operation anberaumt werden, um den Muskel zu vernähen. Therapeutisch können außerdem entzündungshemmende Medikamente oder Salben verabreicht werden. Völlig unbehandelt kann es durch solche Verletzungen zu Vernarbungen des Gewebes oder zur Knochenspornbildung und schließlich zu Funktionsverlust kommen. Ein Beispiel für einen Muskelriss ist die sogenannte Rotatorenmanschettenruptur im Schulterbereich, die unbehandelt das Risiko einer Schultergelenksarthrose verstärkt.

Nicht zu früh wieder trainieren

Nach einer Muskelverletzung beginnt oft eine Gratwanderung zwischen einem zu frühen Wiedereinstieg in den Sport und einer zu langen Schonungszeit. Ersteres kann bedeuten, dass die unter Umständen noch nicht völlig ausgeheilte Verletzung als Schwachstelle schnell erneut geschädigt wird. Letzteres birgt zwar die Gefahr, dass die Muskulatur durch den fehlenden Bewegungsreiz schwächer wird, ist aber „das kleinere Übel“, da man nach völliger Genesung wieder mit einer gesunden Muskulatur trainieren kann. Es ist daher immer empfehlenswert, sich nach einer Muskelverletzung an die Ruheempfehlungen des Arztes, die im Idealfall sportartspezifisch sind, zu halten. Bei Spitzen- und Leistungssportlern, besonders im Bereich der Kontaktsportarten, unterscheidet man auch noch, ob der Spieler wieder trainineren darf („return to training“) oder wieder zurück auf das Spielfeld bzw. in den Wettkampf geschickt werden kann („return to play / competition“).

Risikofaktoren für Muskelverletzungen

  • muskuläre Dysbalancen (z. B. durch Fehlstellungen der Füße oder Beine)
  • untrainierte Muskulatur
  • Training ohne Aufwärmphase am Anfang und / oder Dehnungsübungen am Ende
  • Sport bei kalten Temperaturen ohne entsprechende Kleidung
  • Muskelübermüdung
  • Überschreiten der körperlichen Belastungsgrenze
  • bereits früher bestehende und nicht komplett ausgeheilte Muskelverletzungen

Muskelfunktionstests

Zu prüfen, welche Leistungen ein Muskelstrang (noch) erbringen kann, ist wichtiger diagnostischer Bestandteil nach einer Verletzung. Verschiedene manuelle Funktionstests, in denen der Arzt den Patienten bestimmte Bewegungsabläufe durchführen lässt (wie z. B. Druck gegen einen Widerstand auszuüben), können dazu Auskunft geben. Außerdem können in manchen Fällen apparative Untersuchungen wie die Elekromyografie (EMG) zur Beurteilung hinzugezogen werden. Damit kann die Aktivität des Muskels gemessen und differenziert werden, ob es sich um eine Nerven- oder Muskelschädigung handelt. Die Messung erfolgt mittels Elektroden, die entweder in Form von dünnen Nadeln direkt im Muskel platziert werden oder als Oberflächenelektroden auf die Haut, wenn der zu analysierende Muskel direkt darunter liegt.

Die PECH-Regel

Bei einem Unfall mit Muskelverletzung sollte die soeben ausgeführte Aktivität sofort unterbrochen werden. Hilfreich als Erstversorgung ist dann das Vorgehen nach dem sogenannten PECH-Schema. Pausieren (P), Kühlung zur Abschwellung, z. B. mit Eiswasserumschlägen (E), Kompression (C) mittels Verbänden und Hochlagern (H) bei betroffenen Extremitäten, um weitere Einblutungen und Schwellungen zu verhindern. 

Muskeltrigger

Sogenannte Triggerpunkte in der Muskulatur entstehen auch durch Überlastung, sind aber nicht direkt verletzungsbedingt – höchstens sekundär, wenn durch eine andere frühere Verletzung lange eine ungesunde Schonhaltung eingenommen wurde. Es handelt sich dabei um punktuelle Verhärtungen der Muskulatur, die in manchen Fällen tief im Gewebe liegen können. Sie lösen Schmerzen aus, die sich auch an anderen Körperstellen als dort, wo sich der Trigger befindet, bemerkbar machen können. Diagnostiziert werden können sie manuell durch Tastuntersuchungen, anhand von Testungen mit Stoßwellengeräten und mittels eines speziellen bildgebenden Verfahrens, der Elastografie. Um die Verhärtungen aufzulösen, kommen entweder manuelle Techniken oder die Behandlung mit Stoßwellen zum Einsatz.

 

 

von Stefanie Zerres aus ORTHOpress 1/16

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