Moderne Endoprothetik in der Praxis

Der Einsatz eines künstlichen Hüftgelenkes gilt heutzutage in Deutschland als Routineoperation und wird inzwischen mehr als 150.000-mal durchgeführt. Über 800.000 Menschen erhalten weltweit Jahr für Jahr ein künstliches Hüftgelenk, wenn der natürliche Gelenkknorpel verschlissen ist.

Dabei kann sich eine solche Hüftarthrose aus den verschiedensten Gründen ausbilden und nicht immer ist ein Altersverschleiß dafür verantwortlich. Starke Beanspruchung durch extreme Sportarten, insbesondere aber auch Übergewicht können dazu führen, dass die Hüftgelenke bereits in jungen Jahren einer hohen Belastung ausgesetzt sind. Am Ende einer solchen Entwicklung bilden sich dann auf dem natürlichen Hüftgelenk ausgeprägte Knorpelglatzen: Der Hüftkopf scheuert ohne eine schützende Knorpeloberfläche in der Hüftpfanne. Einziger Ausweg aus dieser mit erheblicher Bewegungseinschränkung und starken Schmerzen verbundenen Situation ist eine Prothese, welche die Funktion eines gesunden Hüftgelenkes so weit wie möglich nachbildet und dadurch die verloren gegangene Beweglichkeit wiederherstellt und die Schmerzen beseitigt.

Neben der rein funktionellen Wiederherstellung des Gelenks liegt heute nach wie vor das Hauptaugenmerk auf der Lebensdauer einer Totalendoprothese. Obwohl diese in den letzten Jahrzehnten beständig gesteigert werden konnte, hat die Frage nach der zu erwartenden Dauer der prothetischen Versorgung weiter an Wichtigkeit gewonnen: „Wurde eine Hüftprothese früher selten vor dem 50. Lebensjahr implantiert, so ist zu beobachten, dass die Patienten immer jünger werden“, erläutert der Kölner Orthopäde Prof. Dr. Heinz Gierse. Jüngeres Lebensalter der Patienten mit gleichzeitig steigender Lebenserwartung sowie die grundsätzlich größere Aktivität bis ins hohe Lebensalter aber bedeuten, dass die Anforderungen an die Haltbarkeit der Prothese viel höher sind als noch vor etwa 30 Jahren. Zwar kann man heute im Ideal­fall davon ausgehen, dass der Empfänger einer Hüftprothese etwa 20 beschwerdefreie Jahre vor sich hat – dennoch bedeutet dies für einen 40-jährigen Menschen mit ansonsten guter Gesundheit, dass mindestens einmal in seinem Leben eine zweite Operation, ein so genannter „Revisionseingriff“, vorgenommen werden muss. Bei den früheren Prothesengenerationen gestaltete sich dies nicht selten problematisch. Prof. Gierse: „Die ‘klassische’ Endoprothese besteht aus einer Hüftpfanne, welche in den Beckenknochen einzementiert wird, und einem Kugelgelenk, das mit einem etwa 15–20 cm langen Stiel in den Oberschenkelknochen (Femur) versenkt wird. Daraus folgt zwangsläufig, dass sehr viel Knochenmasse aus dem Oberschenkel ausgefräst werden muss, um genügend Platz für den Prothesenstiel zu schaffen.“ Lockert die solcherart eingebrachte Prothese dann nach Jahren durch eine natürliche Knochenrückbildung, eine Entzündung oder auch durch Osteoporose aus, ist unter Umständen nicht mehr genügend Knochenmasse vorhanden, um eine neue Prothese zufrieden stellend und belastbar verankern zu können.

Um dieses Problem zu umgehen, sind in der jüngsten Vergangenheit zahlreiche Versuche unternommen worden die umfassende Resektion des Femur zu vermeiden. So entstanden z.B. mehrere Modelle einer Minimalprothese, bei der nicht ein komplettes Kugelgelenk implantiert, sondern lediglich eine Art „Kappe“ auf den verschlissenen Hüftkopf aufgesetzt wurde. „Leider zeigte sich jedoch in der Praxis schnell“, so Prof. Gierse, „dass die Kappen leicht verrutschen und deshalb nicht die gewohnte Stabilität gewährleisten konnten“. Eine andere Methode, die hauptsächlich auf die Verlängerung der Lebensdauer des Implantats abzielte, war den Raum für den Prothesenstiel computergenau mittels eines Roboters auszufräsen, um die genaue „Passform“ zu erhalten. Obwohl dieses Verfahren vielfach als besonders erfolgreich dargestellt wurde, hat es sich ebenfalls nicht durchsetzen können, da die Risiken durch die erheblich längere Operationsdauer und den hohen Blutverlust während des Eingriffs in keinem Vergleich zu den erzielbaren Vorteilen standen. Wie Prof. Gierse erklärt, geht man heute einen anderen Weg, der sowohl eine Verbesserung für den Patienten als auch für den Operationsverlauf darstellt: „Unabhängig von aufwändigen und kostspieligen Operationsverfahren hat sich in der letzten Zeit ein anderer Trend entwickelt, weg vom langen Prothesenstiel, der in den Oberschenkelknochen eingesetzt werden muss. Diese neuen Implantate münden in einen kleinen Schaft, der nur mehr im Schenkelhals verankert wird.“ Diese neuen Prothesen haben gleich mehrere Vorteile. Zum einen wird die Operationszeit verkürzt, zum anderen ist die Traumatisierung von Knochen und umliegendem Gewebe erheblich geringer als bei den Langschaftprothesen. Daraus folgt nicht nur ein insgesamt kürzerer Krankenhausaufenthalt: Auch die Rehabilitation geht schneller vonstatten, was die Gesamtkosten des Eingriffs deutlich vermindert und die Nachbehandlung des Patienten erleichtert.

„Der größte Gewinn ist jedoch die Erleichterung einer späteren Revisionsoperation“, fährt Prof. Gierse fort. „Durch die sparsame Knochenresektion kann in späteren Lebensjahren problemlos noch einmal eine herkömmliche Prothese eingesetzt werden. Deswegen eignet sich diese Art des Implantats besonders für junge Patienten, deren Lebenserwartung über der des durchschnittlichen Materialverschleißes liegt und bei denen die Notwendigkeit eines Prothesenwechsels in fortgeschrittenem Alter auf der Hand liegt.“

Wie sieht nun der Ablauf eines solchen Eingriffs aus? Prof. Gierse: „Zunächst wird der durch die Arthrose zerstörte Hüftkopf entfernt. Anschließend wird die künstliche Hüftpfanne implantiert. Dann wird die eigentliche Prothese in den vorbereiteten Oberschenkelhals eingesetzt und das Kugelgelenk aufgesetzt. Zum Schluss wird der so entstandene Hüftkopf wieder eingerenkt.“ Bereits am Tag nach der Operation kann sich der Patient mit Gehhilfen wieder selbstständig bewegen. Bis die Prothese vollkommen eingeheilt ist, vergehen noch einmal etwa 6 Wochen.

Es folgt eine krankengymnastische Nachbehandlung und Mobilisierung, die – je nach Allgemeinzustand und Mobilität des Patienten – in der Regel etwa 3 Monate dauert.

 

ORTHOpress 3 | 2001

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