Konservative Therapien in der Orthopädie

VonStefanie Zerres

Konservativ therapiert zu werden bedeutet, sich keiner invasiven Maßnahme, also Operation im weiten Sinne zu unterziehen. Da die Gabe von schmerz- und entzündungslindernden Medikamenten ein wichtiger Stützpfeiler des konservativen Behandlungsspektrums ist und diese in manchen Fällen zur besseren Wirksamkeit als Injektion verabreicht werden, sind hier die Übergänge zwischen den Begrifflichkeiten „invasiv“ und „nichtinvasiv“ manchmal nicht klar zu differenzieren. So spricht man besser von „konservativ“ im Gegensatz zu „operativ“. Nicht nur der Schnitt mit dem Skalpell und die Traumatisierung unterscheiden die operativen von den konservativen Behandlungen. Letztere sind immer weniger belastend als ein chirurgischer Eingriff und helfen dem Körper, die eigene Regenerationsfähigkeit anzukurbeln.

Alles zu seiner Zeit 

Dabei kann die Dauer bis zu dem gewünschten Ergebnis bei einer konservativen Therapie, die in der Regel ambulant durchgeführt wird, durchaus länger sein als bei einer Operation. Dennoch lohnt es sich sehr oft, diese Zeit zu investieren. So sind Rückenschmerzen klassischerweise häufig Folge einer Fehlstatik: Einseitige Bewegungsmuster, z. B. durch sitzende Tätigkeiten ohne entsprechenden Ausgleich, können eine unausgeglichene Muskelausprägung und damit Fehlhaltungen bedingen. Dadurch können sich Wirbel einander zu sehr nähern und Druck auf Bandscheiben ausüben. Wer zunächst einmal schmerzlindernde Maßnahmen ergreift, um dann die Muskulatur mit speziellem Training aufzubauen, braucht unter Umständen keine Operation. Außerdem konnte festgestellt werden, dass Operationen in manchen Fällen nicht zwingend bessere Ergebnisse liefern als konservative Maßnahmen. Das hat bei bestimmten Indikationen gar zum Paradigmenwechsel geführt. So bei Bandscheibenerkrankungen, bei denen früher noch weitaus schneller operiert wurde als heute. Hier stellen mittlerweile erst schwere neurologische Ausfälle Operationsindikationen dar.

Natürlich bleibt die Operation als (spätere) Möglichkeit immer noch bestehen. Dann hat man durch die vorhergehende Therapie wertvolle Zeit – sofern sinnvoll und gewissenhaft genutzt – gewonnen. Wer beispielsweise gelenkstützende Muskulatur aufgebaut hat, profitiert davon auch beim künstlichen Gelenkersatz, auch das neue Gelenk braucht starke Muskeln. 

Schmerzen bekämpfen, um aktiv werden zu können

Konservative Therapien greifen oftmals nicht an die Ursache des Schmerzes. Sie behandeln eher die Symptome. Doch das ist manchmal gar nicht so uneffektiv: Wenn der Körper erst einmal wieder Schmerzlinderung erfährt, kann der Patient auch aktiver werden, z. B. ein stützendes Muskelkorsett mittels Training aufbauen. Außerdem ist es wichtig, den Schmerzkreislauf zu durchbrechen, damit sich kein Schmerzgedächtnis ausbilden und der Schmerz chronifizieren kann. Laut der Gesundheitsberichterstattung des Bundes zum Thema Arthrose erfordert „die optimale konservative Arthrosebehandlung (…) die Kombination aus medikamentösen sowie nichtmedikamentösen Therapieverfahren“. Dies gilt auch für andere Erkrankungen des Bewegungsapparates, sodass man das nichtoperative Therapiespektrum in medikamentöse und physikalische Maßnahmen unterteilen kann, wobei beide meist miteinander kombiniert werden.

Zu den häufig verwendeten Schmerzmedikamenten gehören die sogenannten nichtsteroidalen Antirheumatika, die sowohl schmerzlindernd als auch entzündungshemmend wirken. Sie gehören zu den Empfehlungen erster Stufe des von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgestellten Stufenschemas, das leichte, mittlere und starke Schmerzmittel unterscheidet. Jegliche Schmerztherapie sollte von einem Experten konzipiert sein und Neben- bzw. Wechselwirkungen berücksichtigen.

Parallel zur Schmerztherapie oder nachdem erste Erfolge zu spüren sind, können weitere Maßnahmen aus dem Bereich der physikalischen Medizin ergriffen werden. Dazu gehören passive und aktive Behandlungsformen. Die Thermotherapie, bei der entweder Wärme zur Verbesserung der Muskeldurchblutung oder Kälte zur Schmerzlinderung genutzt wird, ist ein Beispiel für eine passive Anwendung. Des Weiteren gehören unter anderem Massagen, Elektro- oder Ultraschalltherapie sowie das Muskeltraining mit Bewegungsschienen dazu. Auch die Nutzung von orthopädischen Hilfsmitteln wie Schuheinlagen, Orthesen oder Gehhilfen sind passiver Natur und unterstützen den Patienten gemäß der jeweiligen Erkrankung.

Ein großer Bereich der Physiotherapie erfordert jedoch aktive Mitarbeit vom Patienten: Im Rahmen von Krankengymnastik, Ergotherapie oder Rückenschule lernt er, wie er die Muskulatur stärken kann und falsche Bewegungsmuster im Alltag verhindert. Der Muskelaufbau muss auch außerhalb der Physiotherapiepraxis zu Hause oder in speziellen Sportstudios fortgeführt werden, damit es nicht zu einer erneuten Erkrankung kommt. Aktuell ist im Gespräch, dass Patienten – wie in anderen Ländern – den direkten Zugang, also ohne vorherige Überweisung durch den Arzt, zur Physiotherapie bekommen sollen. Dies wird aber von Ärztevertretern derzeit abgelehnt und kontrovers diskutiert.

Besonders im Bereich der konservativen Therapien gibt es in Deutschland einige, die nicht von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt werden, die sogenannten IGeL-Leistungen (individuelle Gesundheitsleistungen). Dazu sollte man sich als Patient gut beraten lassen, um die für die jeweilige Erkrankung passende Leistung in Anspruch zu nehmen.

Über die eigentliche Therapie hinaus ist in vielen Fällen auch eine Anpassung der Lebensumstände wie Gewichtsreduktion oder Stressbewältigung notwendig. Gerade Rückenschmerzen können auch psychosomatisch bedingt sein, weshalb manchmal auch psychologische Therapien hinzugezogen werden können.

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 4/15

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