Hallux rigidus – Wenn Arthrose den dicken Zeh befällt

Wir benutzen unsere Füße täglich, beschäftigen uns aber in der Regel erst dann mit ihnen, wenn sie ihren Dienst nicht mehr unauffällig und still verrichten, sondern anfangen zu schmerzen. Dabei sind sie das tragende Element unseres Skeletts. Nahezu ein Drittel aller Knochen des menschlichen Skeletts sind in ihnen zu finden. Wenn es in diesem komplizierten Gefüge zu Veränderungen kommt, spüren wir sie im wahrsten Sinne des Wortes „auf Schritt und Tritt“. Bei den Belastungen, denen unsere Füße tagtäglich ausgesetzt sind, ist es nicht verwunderlich, dass sich auch in Fußgelenken nicht selten ein Verschleiß, also eine Arthrose, entwickelt. Meistens ist davon das Großzehengrundgelenk betroffen. ORTHOpress sprach mit dem Kölner Chirurgen Dr. Janucz Pieczykolan und seinem Kollegen Dr. Oliver Tobolski über diesen so genannten Hallux rigidus.

Herr Dr. Pieczykolan, wann entsteht eine Arthrose im Großzehengrundgelenk und wie macht sie sich bemerkbar?

Dr. Pieczykolan: Von einem Hallux rigidus betroffen sind in der Regel Menschen mittleren Alters. Oft spielt eine erbliche Veranlagung mit, was man daran erkennt, dass bei ihnen auch andere Gelenke wie z.B. Knie, Hüfte oder Wirbelsäule arthrotisch verändert sind. Zudem finden sich bei ihnen häufig auch andere Fehlstellungen der Füße wie Spreizfuß, Hallux valgus oder Deformitäten der kleinen Zehen, wie etwa Hammerzehen. Wir finden den Hallux rigidus aber auch isoliert z.B. bei Sportlern, besonders Fußballern, die immer wieder kleinere Verletzungen am Großzehengrundgelenk erleiden. Auf Dauer bleibt so etwas natürlich nicht ohne Folgen. Der Gelenkknorpel wird immer dünner und fasert immer mehr auf, bis kaum noch etwas davon übrig bleibt. Letztendlich reibt Knochen an Knochen. Diese Veränderungen sind – wie man sich gut vorstellen kann – mit nicht unerheblichen Schmerzen verbunden. Hinzu kommt, dass die Großzehe immer schlechter nach oben gezogen und dementsprechend beim Gehen der Fuß nicht mehr richtig abrollen kann. Letztlich können die Veränderungen zu einer fast völligen schmerzhaften Einsteifung des Großzehengrundgelenks führen. Schmerzen und Gangstörung aber bedeuten auf Dauer eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität der Betroffenen.

Herr Dr. Tobolski, erkennt man einen Hallux rigidus eigentlich immer auf Anhieb?

Dr. Tobolski: Nein, es ist eine sehr sorgfältige Diagnostik erforderlich. Neben der gründlichen Untersuchung beider Füße im Seitenvergleich müssen auch die Sprunggelenke und Knie beurteilt werden, weil Veränderungen in diesen entfernt liegenden Gelenken oft auch Auswirkungen auf die Füße haben. Umgekehrt ist es ähnlich. Veränderungen der Fußstatik können sich am ganzen Skelett auswirken. Deswegen empfiehlt sich in solchen Fällen eine 3D-Darstellung der Wirbelsäule, bei der eventuelle Asymmetrien des Achsenskeletts sichtbar gemacht werden können. Diese müssen natürlich korrigiert werden, wenn eine Therapie des Hallux rigidus erfolgreich sein soll. Unerlässlich für die Diagnose ist weiterhin die Analyse des Gangbildes, bei der die eingeschränkte Beweglichkeit der Großzehe deutlich wird. Unterstützt wird die Diagnose von Fall zu Fall durch bildgebende Verfahren wie Röntgen, Kernspintomographie oder auch eine Ultraschalluntersuchung. Manchmal muss auch zur Differenzialdiagnose die Pedographie eingesetzt werden, bei der über spezielle Sensoren die Druckverteilung im Fuß gemessen wird. In einigen Fällen, wenn z.B. noch andere Diagnosen wie eine diabetische Erkrankung mit im Raum stehen, müssen auch die Nervenversorgung und die Durchblutung des Fußes überprüft werden.

Dr. Pieczykolan, wie kann Betroffenen denn nun effektiv und schnell geholfen werden?

Dr. Pieczykolan: Uns steht eine Reihe konservativer Maßnahmen zur Verfügung, um den Patienten die Schmerzen zu lindern. Basis ist immer eine gute Krankengymnastik und Zehenmassage zur Kräftigung der Zehenmuskulatur und zur Beibehaltung der Beweglichkeit. Injektionen in den Gelenkspalt mit entzündungshemmenden und schmerzstillenden Substanzen erleichtern unter Umständen zu Beginn diese Behandlung. Manchmal bringen aber auch Einlagen mit besonderen Abrollhilfen Erleichterung und ermöglichen wieder ein flüssigeres Gehen. Eine sehr Erfolg versprechende Maßnahme ist die Versorgung der Patienten mit kinesiologischen Einlagen. Sie werden auf Grund der 3D-Vermessung speziell angefertigt und sollen dafür sorgen, dass die bei dem jeweiligen Patienten besonders anzusprechenden Rezeptoren für die Tiefensensibilität angeregt werden.

Dr. Tobolski, was kann man tun, wenn all diese Maßnahmen nicht helfen?

Dr. Tobolski: In der Regel schreitet die Arthrose ja trotz aller Therapie fort, so dass die Beschwerden zunehmend mit konservativen Maßnahmen nicht mehr beherrschbar sind. Die Symptomatik erzwingt dann eine Operation. Ziel des operativen Eingriffs ist eine Schmerzreduktion und die Verbesserung der Beweglichkeit im Großzehengrundgelenk. Wichtig für die Operationsplanung sind dabei auch Informationen über den Lebensstil der Betroffenen wie z.B. körperliche Aktivität, berufliche Belastung oder bevorzugtes Schuhwerk. Uns stehen heute mehrere Verfahren zur Verfügung, unter denen wir – je nach individueller Ausgangslage – auswählen. In manchen Fällen genügt es, wenn Knochenauswüchse im Gelenk, so genannte Osteophyten, abgetragen werden. Bei älteren Menschen, die nicht mehr sehr hohe Ansprüche an längeres Laufen stellen, kann man das Gelenk in einer physiologischen Stellung versteifen, nachdem die krankhaft veränderten, schmerzhaften Gelenkanteile entfernt worden sind. Kombiniert man diese so genannte Arthrodese mit guten Einlagen, sind mit einem relativ kleinen Eingriff recht gute Ergebnisse – vor allem Schmerzfreiheit – zu erzielen. Damit sind aber jüngere Menschen, die ja in der Regel noch aktiver sind und sich unter Umständen auch noch weiter sportlich betätigen wollen, oft nicht zufrieden. Für sie kommt eine so genannte Endoprothese in Frage, bei der das zerstörte Gelenk durch ein neues ersetzt wird. Inzwischen gibt es nämlich solche künstlichen Gelenke nicht nur für Hüften und Knie, sondern auch für die kleineren Gelenke. Entscheidend ist – egal, welche Methode gewählt wird –, dass die Schmerzen beseitigt werden und die Statik des Fußes erhalten bzw. wiederhergestellt wird. Dies kommt nicht nur den Füßen zugute, sondern verbessert die Lebensqualität insgesamt ganz entscheidend.

Dr. Pieczykolan, Dr. Tobolski, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 1 | 2002
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.