Die Behandlung der Spinalstenose

Insbesondere ältere Menschen können unter einer Verengung des Wirbelkanals, der so genannten »Spinalstenose« leiden. Bis vor wenigen Jahren wurde die erst 1976 als Erkrankungsbild definierte Verengung des Rückenmarkskanals nur selten diagnostiziert – mit der Folge, dass nach heutiger Sicht notwendige Behandlungen entweder unterblieben oder aber unspezifisch therapiert wurde. Dennoch ist das Krankheitsbild »Spinalstenose« ein Sammelbegriff für Beschwerden, welche durchaus unterschiedlicher Genese sein können. ORTHOpress sprach in Köln mit Dr. Ringo Möder und Dr. Kamran Minaian von der Klinik am Ring über die verschiedenen Ursachen und Therapiemöglichkeiten der Spinalstenose.

Dr. Möder, Dr. Minaian, worin kann neben der von Prof Richter-Turtur genannten Arthrose der Wirbelgelenke noch die Ursache einer Spinalstenose liegen? 

Dr. Möder: Zum Beispiel kann eine Spondylose für das Auftreten von Knochenanbauten (Osteophyten) an den Wirbelrändern verantwortlich sein. Aber man kennt auch eine primäre angeborene Wirbelkanalenge, die schon früh zu Beschwerden führen kann.

Wie häufig treten die einzelnen Arten der Spinalstenose auf?

Dr. Minaian: Eine primäre Stenose ist relativ selten: Sie löst bereits in jugendlichem Alter Beschwerden aus. Wesentlich häufiger ist aber die sekundäre oder »erworbene« Stenose, die kaum vor dem 50. Lebensjahr auftritt. Hier ist dann meist eine Wirbelgelenksarthrose oder Spondylose die Ursache, häufig auch eine Kombination aus beidem.

Wann spricht man von einer lumbalen Stenose?

Dr. Möder: Man geht davon aus, dass ab einer Verengung des Spinalkanals auf 10-12 mm bereits nach längeren Gehstrecken Beschwerden auftreten. Bei noch größerer Einengung sind dann auch bei kurzer Gehstrecke oder gar im Ruhezustand Stenosesymptome zu verzeichnen.

Was für Beschwerden treten auf?

Dr. Möder: Etwa 80-90 Prozent der oft schon älteren Patienten haben seit langen Jahren Rückenschmerzen, später tritt dann mehr oder weniger ausgeprägt eine »Beinsymptomatik« hinzu, welches von der so genannten »Claudicatio spinalis« gekennzeichnet ist – das sind Schweregefühl, subjektive Schwäche und Sensibilitätsstörungen der Beine. Die zunehmenden Schmerzen in den Beinen bei Belastung (Spazierengehen, Treppensteigen, Sitzen) sind es dann meist, welche den Patienten zwingen, sich in ärztliche Behandlung zu begeben.

Wie wird eine solche Spinalstenose diagnostiziert?

Dr. Möder: In erster Linie verwendet man dazu heutzutage die ohne Röntgenstrahlen auskommende Kernspintomographie, welche die Lendenwirbelsäule im Ganzen oder auch teilweise in verschiedenen Ebenen darstellt. An zweiter Stelle folgt eine Computertomographie, die eine noch genauere Abbildung der Knochenstrukturen erlaubt. Eine »Myelographie«, das ist eine Röntgenuntersuchung der Lendenwirbelsäule mit einem Kontrastmittel, das mit einer Kanüle in den Nervenwassersack zwischen zwei Wirbel eingeleitet wird, benötigt man heutzutage nur noch selten – z.B. zur Planung einer zusätzlichen Wirbelfusion nach einer Stenoseoperation bei Lockerung der Wirbelverbindungen untereinander oder bei einer Skoliose.

Welche konservativen Therapiemaßnahmen gibt es?

Dr. Minaian: Bei leichteren Verläufen kann es für den Patienten durchaus ausreichend sein, ein Mieder für eine leichte Rückstellung der Lendenwirbelsäule zu tragen. Auch sog. Epidurale Injektionen in den Wirbelkanal mit lokalen Betäubungsmitteln und Cortisonpräparaten können hier Abhilfe schaffen. In den meisten Fällen wird durch eine konservative Therapie jedoch nur eine mittelfristige Besserung erreicht, denn es ist ja keine »kurative« Therapie – die Ursachen der Stenose können durch diese Maßnahmen nicht beseitigt werden.

Wann muss eine Spinalstenose operiert werden?

Dr. Möder: Unerlässlich ist ein operativer Eingriff, wenn bereits neurologische Ausfälle mit Sensibilitätsstörungen und Lähmungserscheinungen auftreten. Oft wird aber auch dann operiert, wenn der Patient die starke Beeinträchtigung der Lebensqualität in Bezug auf Mobilität, mögliche Gehstrecke und Stehzeit nicht mehr hinnehmen möchte.

Welche Verfahren gibt es, um die Ursachen zu beseitigen?

Dr. Minaian: Üblicherweise erfolgt eine mikrochirurgische Dekompression der Stenose, d.h. bei kleinstmöglichem Hautschnitt und sparsamem Abschieben der Muskulatur unter dem Stereo-3D-Mikroskop werden die einengenden überstehenden Anbauten der Wirbelgelenke, Wirbelbögen und verdickten Bänder entfernt. Eine komplette Wirbelbogenentfernung (Laminektomie) ist heutzutage nur noch selten notwendig, da mit der vorgenannten Methode auch eine Dekompression der Gegenseite (Over-the-Top) mit bestimmten Instrumenten zum abschrägenden Knochenschneiden (Undercutting) möglich ist. Weiterhin ist es im Verlauf eines solchen Eingriffs auch möglich, schmerzhafte Verwachsungen und Narbenbildungen um die Nervenwurzeln herum zu lösen. Am Ende der Operation kann auf Wunsch dann auch ein Anti-Narben-Gel auf die Nervenwurzeln aufgetragen werden, um einer eventuell überschießenden Narbenbildung vorzubeugen, die später ihrerseits wieder zu einer Bedrängung der Nervenwurzeln führen könnte.

Wie sind die Ergebnisse eines solchen Eingriffs?

Dr. Möder: Die Ergebnisse sind insgesamt recht gut, so dass in den meisten Fällen bei Übereinstimmung der Beschwerden des Patienten mit den Ergebnissen der bildgebenden Diagnostik die entsprechende Operation sehr sinnvoll ist. Es sind dadurch eine signifikant deutliche Zunahme der Gehstrecke und Stehzeit und oft auch eine Rückbildung der neurologischen Ausfälle und der Rückenschmerzen möglich. Insgesamt lässt sich durch die mikrochirurgische Operation die Gelenkfunktion bei relativ geringer Ablösung der Muskulatur erhalten, so dass noch am Tag der Operation eine Mobilisierung des Patienten erfolgen kann.

Dr. Möder, Dr. Minaian, wir danken Ihnen für Ihre Ausführungen!

 

aus ORTHOpress 2 | 2002

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