Mann hat Schulter Muskelschmerz

Der Riss der Rotatorenmanschette

Im letzten Teil unserer Schulter-Sprechstunde wurde das sog. Impingement-Syndrom vorgestellt. Heute gibt der Schulterexperte Auskunft zu einer weiteren typischen Erkrankung des Schultergelenkes: dem sogenannten Riss der Rotatorenmanschette.

„Riss der Rotatorenmanschette“, das klingt nicht gerade nach Schmerzen, bei denen man sich noch „am Riemen reißen“ könnte?

In der Tat handelt es sich dabei nicht um ein reines Überlastungsphänomen. Man erleidet eine Rotatorenmanschetten-Ruptur nämlich entweder traumatisch, also durch eine plötzliche Krafteinwirkung von außen, oder es kommt in Folge einer chronischen Überlastung bzw. Druckbeanspruchung zum schleichenden Verschleiß der Sehne und ihrer chronischen Schädigung. Eine Alltagsbelastung ist dann ggf. ausreichend dafür, dass die vorgeschädigte Sehne schließlich einreißt und sich die Beschwerden des Patienten akut verschlimmern.

Wie äußern sich insgesamt die Beschwerden beim Riss der Rotatorenmanschette?

Primär – wie gesagt – in Form von Schmerzen. Vor allem, wenn die geschädigten Anteile der Rotatorenmanschette belastet werden, also bei allen Bewegungen des Armes nach oben.

Auf welche Weise stellt der Arzt eine solche Ruptur fest?

Zu Anfang stehen die Anamnese-Erhebung sowie eine klinische Untersuchung, insbesondere standardisierte Untersuchungsverfahren, bei denen spezielle Provokationstests der einzelnen Sehnenabschnitte vorgenommen werden. Eine Kraftminderung etwa kann dabei als relativ eindeutiges Indiz für eine höhergradige Schädigung gelten. Daran schließt sich die gezielte Dia­gnostik an, sprich: die apparativen Untersuchungen, hier bildgebende Verfahren wie Ultraschall zur Sehnendarstellung oder Kernspintomografie.

Hat sich der Verdacht eines bestehenden Risses der Rotatorenmanschette erhärtet – wie wird dann weiter verfahren?

Sämtliche Behandlungsstrategien orientieren sich grundsätzlich an den subjektiven Lebensbedingungen und dem Anspruchsdenken des Patienten, an seinen speziellen Beschwerden und letztlich auch an seinem Alter. Bei einem jungen Patienten etwa mit einer traumatisch bedingten kompletten Ruptur der Rotatorenmanschette, mit mäßigen Schmerzen und einer mäßigen Kraftabschwächung, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich eine schmerzfrei belastbare Schulter hier auf operativem Wege wiederherstellen lässt: Weil von einem guten Sehnengewebe ohne Verschleißerscheinungen auszugehen ist. Beim älteren Patienten mit degenerativ vorgeschädigter Sehne besteht die Gefahr, dass auf Grund der schlechten Sehnenqualität eine Rekonstruktion nicht möglich ist bzw. nicht dauerhaft erfolgreich wäre – vergleichbar einem zigfach gewaschenen Lieblingshemd, das an einer Stelle „geflickt“ wird und an einer anderen wieder einreißt … Im Falle einer nur geringfügigen Beeinträchtigung der Lebensqualität besteht die Möglichkeit zur symptomatischen Behandlung im Rahmen der konservativen Therapie. Prinzipiell ist eine Operation erst bei sehr hohem Leidensdruck zu erwägen und wenn die konservativen Therapiemethoden versagt haben.

Was genau geschieht dann bei einer Operation?

Es gibt Risse, die sich rein arthroskopisch und daher in der Regel ambulant versorgen lassen. Bei anderen wieder muss die Sehne offen rekonstruiert werden. Zur Rekonstruktion werden die abgerissenen Sehnenenden mit Hilfe winziger Titananker in einer zuvor gefrästen Rinne am Knochen wieder fixiert. Ist dies nicht möglich, beschränkt man sich auf die Reduktion der Beschwerden durch die operative Beseitigung der jeweiligen „Störfaktoren“.

Wie wird das operierte Gelenk nachbehandelt?

Damit die Sehne am Knochen festheilen kann, benötigt sie Ruhe. Die Schulter wird mit einer Bandage ruhig gestellt, zugleich aber setzen auch frühzeitig anfangs passive, schließlich aktive Bewegungsübungen ein.

Wie schätzen Sie die Behandlungsaussichten insgesamt ein?

Man muss klar sagen: Es handelt sich um eine ernsthafte Verletzung. Ziel ist es, dass wir einen Zustand erreichen, der dem natürlichen möglichst nahe kommt. Doch gibt es eben auch Fälle, die sich trotz aller zur Verfügung stehender Maßnahmen nur unbefriedigend therapieren lassen. Letztlich kommt es darauf an, dass der Patient realistisch einschätzen kann, was er zu erwarten hat – dann kann er auch aktiv mitentscheiden.

aus OrthoPress 1 | 2000
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