Bandscheibenprothese

Was kann der High-Tech-Bandscheibenersatz aus Polyäthylen?

Eine neuartige Methode zur Behandlung von Bandscheibenschäden ist die Bandscheibenprothese, bei der die früher übliche Versteifung eines Teils der Wirbelsäule vermieden wird. Diese Operation gilt als aufwändig, erhält jedoch dem Patienten weit gehend seine Beweglichkeit. Die holländische Kosmetikerin Gery Cornelissen hat nach ihrer erfolgreich verlaufenen Diskusimplantation einen Erfahrungsbericht geschrieben.

„Guten Tag, ich bin Gery Cornelissen. Ich arbeite als Kosmetikerin in meinem eigenen Salon und als Erzieherin in einem Internat für Jugendliche zwischen 14 und 19 Jahren. Ich bin verheiratet und habe zwei Söhne von 16 und 21 Jahren. Wir wohnen in Wolvega in den Niederlanden. Ich selbst bin 1955 geboren, also schon 45 Jahre alt. Ich hatte schon seit sehr langer Zeit Rückenbeschwerden. Eigentlich gehen sie bis auf mein 16. Lebensjahr zurück. Damals hatte ich einen schweren Sturz von meinem Pferd, direkt auf das Steißbein und auf den Rücken. Ich kann mich noch erinnern, dass ich wochenlang nicht sitzen konnte. Mein Rücken war unten ganz und gar blau und ich hatte starke Schmerzen im Kreuzbeinbereich. Ich konnte anfangs recht gut damit leben, hatte zwar immer Schmerzen im unteren Rücken, aber damals beherrschten sie wenigstens noch nicht mein Leben. Ich habe viel Sport getrieben: Turnen, Eiskunstlauf, Schwimmen, Tennis usw., aber ich stieß immer wieder an die Grenzen meiner Rückenschmerzen. Im Laufe meines Lebens hatte ich regelmäßig immer wieder mit gesundheitlichen Rückschlägen zu kämpfen. Irgendwann weiß man jedoch, wie man damit umzugehen hat. Eine Zeit lang ‘Tempo wegnehmen’, die Haltung anpassen und extreme Bewegungen vermeiden – nach einiger Zeit waren die Schmerzen wieder einigermaßen erträglich. Seit 1985 wurde ein Schmerzrückgang aber immer seltener und die Schmerzen ärger. Ich hatte andauernd schmerzende und müde Beine, dazu wechselnde heftige Schmerzen im unteren Rücken. Bereits einfaches Gehen über längere Zeit war kaum noch möglich, das Einkaufen kein Vergnügen mehr. Auch längere Zeit sitzen konnte ich nicht mehr, bücken oder halbgebückt stehen schon gar nicht. Etwa um 1990 war es dann so schlimm, dass ich mich praktisch gar nicht mehr ohne heftigste Schmerzen bewegen konnte. Mein Physiotherapeut riet zu Bettruhe. In dieser Zeit hatte ich einige Beschwerden mit leichtem Urinabgang, wodurch ich mich einer glücklicherweise erfolgreichen Operation an der Blase unterziehen musste. 

Anfang 1999 bekam ich dann schlagartig noch größere Schmerzen und auch das linke Bein und der linke Fuß gehorchten mir kaum noch. Auch der Hausarzt dachte nun an einen Bandscheibenvorfall. Der hinzugezogene Neurologe fand einen Vorfall auf der untersten Wirbeletage L5-S1 links, mit einer Verengung des Wirbelkanals durch Abnutzung. Am 31. März 1999 fand die Bandscheibenoperation statt. Nach dem Eingriff hatte ich noch immer starke Schmerzen und lag regelmäßig im Bett. Der Neurologe fand diese Situation auch nicht normal, bat mich jedoch um Geduld: ‘Das wird schon wieder’. 

Ich erinnerte mich, dass ich 1993 einmal einen Zeitungsartikel gelesen hatte, über einen Patienten, der eine neue Bandscheibe, eine ‘Diskusprothese’ bekommen hatte. Vielleicht war ich auch ein Kandidat für einen solchen Eingriff? Ich vereinbarte einen Termin für eine Untersuchung. Unter örtlicher Betäubung wurden alle Bandscheiben im unteren Rückenbereich getestet. Die ersten Untersuchungen waren schmerzlos, aber plötzlich trat während der Untersuchung dieser stets brennende Schmerz auf. Dieser deutlich wahrnehmbare Schmerz schien von L5-S1 auszugehen, der untersten Wirbeletage, an der ich bereits operiert war. Der Arzt schlug vor, die verschlissene Bandscheibe zu entfernen und dann eine Diskusprothese zu implantieren. Angesichts der langen Wartelisten in den Niederlanden (Wartezeit bis zum Eingriff länger als ein Jahr) entschloss ich mich zur Operation in Deutschland.

Dieser Eingriff ist nun endlich sehr gut verlaufen. Man bat mich zu versuchen selbst aus der Operationsabteilung in mein Zimmer zu gehen: Eine kaum zu beschreibende Erfahrung: Ich ging seit 15 Jahren zum ers­ten Mal ohne Schmerzen in den Beinen – und zwar nicht nur einen Meter, sondern sicherlich eine Strecke von rund 50 Metern bis in mein Zimmer. Mein Bauch fühlte sich zunächst zwar an wie nach einer Entbindung, aber am nächsten Morgen fühlte ich mich so gut, dass ich bereits duschen wollte. Nachmittags spazierte ich schon beinahe völlig schmerzfrei in der ganzen Abteilung herum, am vierten Tag flog ich in die Niederlande zurück. Die Narbe am Unterbauch ist gut verheilt und bis auf den heutigen Tag bin ich schmerzfrei. Das Stehen in halbgebückter Haltung bei meiner Arbeit als Kosmetikerin ist noch immer problemlos und auch die Arbeit im Internat habe ich kurz nach dem Eingriff wieder aufgenommen. Das Schönste von allem ist aber, dass ich diese ziehenden Schmerzen der vergangenen 15 Jahre endlich los bin, was ich kaum noch zu hoffen gewagt hatte.“

Der niederländische orthopädische Chirurg Willem Zeegers ist vom Erfolg dieser Methode überzeugt: „Die Diskusprothese kann für Patienten mit chronisch invalidierenden Rückenbeschwerden eine Lösung sein, wenn sie durch ihre stetigen Schmerzen kein normales Leben mehr führen können. Es muss allerdings zuerst mit einer Diskographie sichergestellt sein, dass die Schmerzen wirklich von einer verschlissenen Bandscheibe herrühren. Die Implantation erfolgt über den Unterbauch, wobei Rückenmuskulatur und Nervenwurzeln nicht in Mitleidenschaft gezogen werden. Bei der Prothese selbst bewegt sich ein Gleitkern aus Kunststoff (hochwertiges Polyäthylen) frei zwischen zwei Metallplatten, kann aber nicht nach außen treten. Das Implantat wird dauerhaft zwischen zwei Wirbeln positioniert. Unmittelbar nach dem Eingriff ist bereits wieder eine natürliche Beweglichkeit vorhanden und eine dem normalen Bewegungsablauf entsprechende Belastung möglich. Die angrenzenden gesunden Zwischenwirbelscheiben werden nicht überbelastet, wie das bei einer sog. Spondylodese (Versteifungsoperation) der Fall sein kann. Die Genesung erfolgt im Allgemeinen recht schnell. Schon eine Stunde nach der Operation darf man wieder vollständig belastet gehen, zumindest, wenn man von der Narkose kein Schwindelgefühl mehr zurückbehalten hat. Die Entlassung aus der Klinik kann üblicherweise ab dem dritten Tag erfolgen. Die ersten 6 Wochen sollte man es etwas ruhig angehen lassen, aber wenn die Kontroll­aufnahme in Ordnung ist, kann wieder mit intensivem Konditionstraining begonnen und die Arbeit wieder aufgenommen werden. Die Gefahr von Komplikationen und postoperativen Schmerzen ist hier nur gering, insbesondere deshalb, weil die Muskulatur und das die Wirbelsäule umgebende Gewebe nicht traumatisiert werden.“

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 4 | 2000
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

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