Sport auf Krankenschein?

Zu Inhalten und Zielen der Sporttherapie

Otto und Ottilie Normalverbraucher mussten sich bisher nach einem Unfall, einem Knochenbruch oder einer Gelenkverletzung auf eine Ausfallzeit von Wochen bzw. Monaten einstellen. Spitzensportler dagegen — insbesondere die hoch bezahlten Profis der Bundesliga — stehen schon ganz kurze Zeit nach ihren Verletzungen — oft sogar nach operativen Eingriffen — wieder auf dem Platz, können dem Ball nachjagen und viel umjubelte Tore erzielen. Man fragt sich: Verfügen Beckenbauer und Co. über „besseres Heilfleisch“ oder warum sind bei ihnen die Heilungsvorgänge so deutlich beschleunigt?

Inzwischen weiß man, dass schnelle Genesungen nach Verletzungen keine Frage des „Heilfleisches“ und auch keine des Geldbeutels sind. Sie sind vielmehr abhängig von der Art und Weise der Nachbehandlung. Früher war oberste therapeutische Maxime die Forderung nach Ruhigstellung und Schonung. Gelenkverletzungen und Knochenbrüche sollten erst einmal in Ruhe und ohne Belastung ausheilen können, bevor ganz vorsichtig und langsam wieder mit dem Kraftaufbau begonnen wurde. Der wiederum dauerte sehr lange, denn durch die lange Ruhigstellung war es zwischenzeitlich zu einem deutlichen Abbau an Muskel- und Knochenmasse und damit zu einem Kraftverlust gekommen.

Ambulante Rehabilitation — schnell und effektiv

Kern der neuen Behandlungsstrategie ist ein genau abgestuftes Konzept für Übungsbehandlungen, die unmittelbar nach der Akutbehandlung einsetzen. In der Regel umfassen sie physikalische Anwendungen, krankengymnastische Therapien und ein auf den Einzelfall abgestimmtes sportmedizinisches Training, das bisher einen stationären Aufenthalt in einer Reha-Klinik erforderte. Seit einigen Jahren aber werden solche intensiven Behandlungen als ambulante Maßnahmen vor allem von den Berufsgenossenschaften gefördert. Diese so genannte Erweiterte Ambulante Physiotherapie (EAP) ermöglicht eine ambulante Rehabilitation in einer Intensität, für die bisher stationäre Maßnahmen erforderlich waren. Inzwischen unterstützen auch Gesetzliche Krankenkassen diese deutlich preiswertere Form der Rehabilitation. Die damit erreichbaren Ziele — verkürzte Rehabilitationszeit bei gutem funktionellen Ergebnis — stehen längst außer Zweifel. Dabei sind gute funktionelle Ergebnisse natürlich nicht zu erreichen, wenn die Patienten einmal pro Woche für eine Stunde ins Fitness-Studio gehen. Bei der EAP handelt es sich um eine Komplextherapie, die für die Dauer der Maßnahme täglich mindestens zwei Stunden angewendet wird und die intensive Mitarbeit der Betroffenen erfordert. Spitzensportler trainieren während dieser Rehabilitationsphase sogar bis zu fünf Stunden am Tag.

Sporttherapie — nicht nur bei Störungen des Bewegungsapparates

Der Deutsche Verband für Gesundheitssport und Sporttherapie e.V. definiert Sporttherapie als „eine bewegungstherapeutische Maßnahme, die mit geeigneten Mitteln des Sports gestörte körperliche, psychische und soziale Funktionen kompensiert, regeneriert, Sekundärschäden vorbeugt und gesundheitlich orientiertes Verhalten fördert. Sie beruht auf biologischen Gesetzmäßigkeiten und bezieht besonders trainingswissenschaftliche, medizinische, pädagogische, psychologische und sozialtherapeutische Verfahren ein und versucht, eine überdauernde Gesundheitskompetenz zu erzielen.“

Sporttherapie ist also mehr als die konservative oder postoperative Versorgung von Verletzungen des Bewegungsapparates und umfasst auch mehr als die Behandlung von degenerativen Veränderungen an den Gelenken speziell der Wirbelsäule. Sportliche Aktivitäten sprechen den Menschen in seiner Ganzheit an und werden demzufolge immer öfter im Sinne einer ganzheitlichen Behandlung eingesetzt. Sporttherapie kann — richtig angewendet — einen wichtigen Beitrag zur Beseitigung bzw. zur Kompensation von vielerlei körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen leisten.

Sport als Therapie bei psychischen Erkrankungen

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Gerade bei Menschen mit Depressionen eröffnen sich durch die Sporttherapie oftmals Möglichkeiten, die mit den klassischen Psychotherapien nicht zu erreichen sind. Durch das Training mit kompetenten Betreuern wird die Wahrnehmung des eigenen Körpers, die bei den meisten Depressiven gestört ist, wieder eingeübt. Die Erfahrung der körperlichen Leistungsfähigkeit ermöglicht die Entwicklung eines ganz neuen Selbst(wert)gefühls. Über die Bewegung des Körpers kommt zudem nicht selten auch Psychisches wieder in Fluss, Sperren können sich lösen und Vertrauen wieder einstellen. Ferner werden bei sportlicher Aktivität in einer Trainingsgruppe oft lange vernachlässigte soziale Kontakte und Beziehungen wieder ermöglicht und eingeübt. So gibt es inzwischen Versuche einer „ambulanten psychosomatischen Rehabilitation“, bei der die Sporttherapie eine tragende Säule der Behandlung darstellt.

Koronarsport — seit langem etabliert

Als schon klassisch kann der Einsatz der Sporttherapie bei Patienten mit koronaren Herzerkrankungen gelten. Es gibt inzwischen zahlreiche Untersuchungen, die die Bedeutung des gezielten, individuell angepassten sportlichen Engagements bei der Therapie nach Herzinfarkten belegen. Durch die wohl dosierten, ärztlich betreuten sportlichen Aktivitäten können sowohl die Lebensdauer als auch die Lebensqualität deutlich erhöht werden. Dabei entspricht der gesundheitliche Effekt der körperlichen Aktivität der des Nichtrauchens. Aber nicht nur in der Sekundär- und Tertiärprävention nach eingetretenem Infarkt spielt die Sporttherapie eine zunehmende Rolle. Gerade auch in der Primärprävention — also zur Vorbeugung bei Herz-Kreislauf-Gefährdeten — kommt der regelmäßigen moderaten sportlichen Betätigung eine immer größere Bedeutung zu. Auch die oft mit einem Herzinfarktrisiko verbundenen Gefährdungen für Schlaganfall und Bluthochdruck lassen sich genau wie Übergewicht durch Sport positiv beeinflussen.

Die Liste der Erkrankungen, deren Symptome und Auswirkungen durch körperliche Bewegung günstig verändert werden können, ist beinahe beliebig fortzusetzen. So lassen sich sowohl bei Typ II Diabetes, Asthma, Osteoporose, Arthritis als auch bei bestimmten Krebserkrankungen und Aids durch eine Sporttherapie Verbesserungen des körperlichen und psychischen Wohlbefindens erzielen, die mit den normalen Standardtherapien in der Regel nicht zu erreichen sind. In diesem Sinn kann man Sporttherapie mit Fug und Recht als Heilmittel bezeichnen.

Sport bremst Alterungsprozesse

Eine besondere Rolle spielt körperliche Aktivität beim Alterungsprozess. Sie ist nach einer Veröffentlichung zum Gesundheitstag 2002 die einzige wissenschaftlich abgesicherte Methode, den funktionellen Abbau der Organe und des Halte- und Bewegungsapparates sowie der psycho-physischen Leistungsfähigkeit aufzuhalten. Selbst Hochbetagte und Menschen, die nie in ihrem Leben sportlich aktiv waren, zeigen bei einem regelmäßigen Ausdauertraining schon nach kurzer Zeit deutliche Gesundheitsgewinne. Nicht nur Herz und Kreislauf profitieren, auch Reaktions- und Kurzzeitgedächtnis verbessern sich signifikant und die Lebensqualität im Alter wird durch Bewegung deutlich erhöht.

Aber für Indikationen, bei denen Bewegung vorwiegend als Gesundheitssport eingesetzt wird, um körperlichen und seelischen Beeinträchtigungen vorzubeugen, gibt es Sport noch nicht auf Krankenschein. Sporttherapie im engeren Sinn ist aber inzwischen eine anerkannte Heilmaßnahme zur Rehabilitation bei vielen Erkrankungen und gehört heute schon — zumindest teilweise — zum Leistungskatalog unseres Gesundheitssystems.

 

aus ORTHOpress 03|2002
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