Schlaganfall

VonKlaus Bingler

Schlaganfall

Rehamaßnahmen führen häufig zu nachhaltigen Erfolgen

Bei einem Schlaganfall, auch Hirnschlag, Apoplex oder Insult genannt, wird die Blutzufuhr in bestimmte Gehirn-areale „schlagartig“ unterbrochen. Dies hat zur Folge, dass die entsprechenden Nervenzellen nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden können und daher absterben. Dadurch kommt es zu neurologischen Schädigungen mit oft weitreichenden Folgen. Schlaganfälle gehören zu den häufigsten Erkrankungen mit Todesfolge und sind eine weit verbreitete Ursache für Behinderung und Pflegebedürftigkeit. Betroffen sind nicht nur ältere, sondern auch immer mehr jüngere Menschen.

Man unterscheidet zwischen einem ischämischen und einem hämorrhagischen Schlaganfall. Am häufigsten kommt es zu einem ischämischen Insult. Dieser entsteht als Folge einer Hirnthrombose, also dadurch, dass ein Hirngefäß durch ein Blutgerinnsel verschlossen wird. Eine seltenere Variante ist der hämor-rhagische Schlaganfall, bei welchem ein Aderriss im Gehirn eine Hirnblutung auslöst. Zu den wichtigsten Risikofaktoren für einen Schlaganfall gehören neben höherem Alter und einer erblichen Vorbelastung langjähriger Blut-hochdruck, Herzerkrankungen, Fettstoffwechselstörungen oder Diabetes mellitus. Darüber hinaus spielen auch Stress, Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht eine wichtige Rolle. 

Die Symptomatik hängt von der betroffenen Gehirnregion ab

Die Symptome, die bei einem Schlaganfall auftreten, können im Einzelfall sehr unterschiedlich sein. Entscheidend ist, welche Gehirnregion betroffen ist und zu wenig Sauerstoff erhalten hat. Mögliche Anzeichen sind 

• plötzlicher Funktionsverlust der Muskulatur – vor allem an Schultern, Armen und Füßen – bis hin zur vollständigen Lähmung einer Gesichts- oder Körperhälfte (Hemiplegie)

• akute heftige Kopfschmerzen ohne vordergründig erkennbare Ursache (vor allem bei Hirnblutungen)

• Seh- und Gesichtsfeldstörungen sowie Einschränkungen des räumlichen Sehens und Doppelbildersehen

• Beeinträchtigungen des Sprachvermögens und des Sprachverständnisses

• Lähmungen

• Gestörtes Tast- und Berührungsempfinden sowie Taubheitsgefühle

• Herunterhängende Gliedmaßen (Fallfuß und Fallhand) und Mundwinkel

• Schwindel, Benommenheit und Bewusstlosigkeit, spastische Bewegungsstörungen unterschiedlichen Grades

• Plötzliche Verwirrtheit oder Apathie

Auf die rechtzeitige Notversorgung kommt es an

Jeder Schlaganfall ist ein Notfall. Daher sollte im Verdachtsfall so schnell wie möglich der Rettungsdienst verständigt werden, damit eine genaue Diagnose gestellt und die erforderlichen therapeutischen Maßnahmen eingeleitet werden können. Im Vordergrund steht das Ziel, die Durchblutung und Sauerstoffversorgung der betroffenen Hirnregion rasch wiederherzustellen, damit möglichst wenig Hirngewebe geschädigt wird. Um eine schnellstmögliche intensivmedizinische und interdisziplinäre Akutbehandlung von Schlaganfall-Patienten zu gewährleisten, haben zahlreiche Kliniken spezielle Abteilungen, sogenannte Stroke Units, eingerichtet. Darüber hinaus geht es darum, den Patienten wieder fit für den Alltag zu machen. Dies geschieht mithilfe einer medizinisch-therapeutischen Rehabilitation, welche frühzeitig – also bereits während des stationären Aufenthalts – begonnen und in einer speziellen Reha-Einrichtung fortgesetzt wird. Neben physiotherapeutischen Anwendungen spielen ergotherapeutische und je nach Bedarf auch logopädische Maßnahmen eine zentrale Rolle. 

Physiotherapie. Mithilfe der Physiotherapie lassen sich Muskelaufbau und Körperhaltung sowie Koordination und Gleichgewichtssinn trainieren. Auf diese Weise können die Patienten mobiler und selbstständiger werden.

Ergotherapie. In der Ergotherapie werden wichtige motorisch-funktionelle Fähigkeiten trainiert. Außerdem lernt der Patient, sich auf den Alltag in seinen eigenen vier Wänden vorzubereiten. Dies betrifft Tätigkeiten wie Anziehen, Waschen, Baden oder Zähneputzen, welche oft langsam und systematisch wieder einstudiert werden müssen. Aber auch die Planung einer Handlung selbst bereitet oft Schwierigkeiten. So wissen manche Patienten nicht mehr, ob sie zuerst ihr Unterhemd oder ihren Pullover anziehen müssen. Möglicherweise müssen sie auch wieder lernen, wie man Kaffee oder Essen kocht oder einkauft. Darüber hinaus ist der Ergotherapeut  – unter Umständen in Zusammenarbeit mit dem Physiotherapeuten – dem Patienten dabei behilflich, geeignete Hilfsmittel wie z. B. Rollstühle, Rollatoren oder Badewannenlifter auszuwählen und ihn und seine Angehörigen mit ihrer Anwendung vertraut zu machen. Von mobilisierenden Hilfsmitteln zu unterscheiden sind ergotherapeutische Orthesen. Sie gelten als ergänzende Heilmittel und sollten individuell an die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten angepasst sein. Es gibt Orthesen für Handgelenk, Schulter, Knie und Fuß. Eine spezielle Methode, mit der sich der Fuß aktivieren lässt, ist die funktionelle Elektrostimulation (FES). Damit können Nerven stimuliert werden, die vom zentralen Nervensystem nicht mehr angesteuert werden. 

Logopädie. Viele Menschen leiden nach einem Schlaganfall an einer Sprech- oder Sprachstörung. Sprechstörungen entstehen dadurch, dass die am Sprechen beteiligte Muskulatur gelähmt ist. Bei einer Sprachstörung oder Aphasie ist die Verständigungsfähigkeit beeinträchtigt. Von einer Aphasie ist etwa ein Drittel aller Schlaganfall-Patienten im Anfangsstadium betroffen. In etwa einem Drittel dieser Fälle normalisieren sich die Sprachfunktionen in den ersten vier Wochen weitgehend von alleine. Danach reduziert sich das Verbesserungspotential. Bei Patienten mit einer Aphasie ist eine Sprachtherapie (Logopädie) in jedem Fall sinnvoll. Je früher damit begonnen wird, desto größer sind die Erfolgsaussichten. Wenn Sprachprobleme bestehen, sollte der Logopäde gemeinsam mit dem Patienten Strategien einüben, um sie mithilfe von Gestik, Körpersprache, Zeichnen oder Schreiben zu kompensieren. Dabei können kleine Rollenspiele hilfreich sein, in denen man lernt, in Alltagssituationen zurechtzukommen. Darüber hinaus hilft der Logopäde auch den Angehörigen dabei, besser mit den Sprachproblemen umzugehen. So gibt es ein paar Regeln, die man unbedingt befolgen sollte: 

• Unterbrechen sie Ihren Gesprächspartner nicht und lassen Sie ihn seine Sätze aussprechen. Nehmen Sie seine Gedanken nicht vorweg.

• Konzentrieren Sie sich immer auf den Inhalt des Gesprochenen und nicht etwa auf befremdlich klingende Lautäußerungen.

• Halten Sie immer Blickkontakt mit Ihrem Gegenüber.

• Sprechen Sie in klaren, kurzen, einfachen Sätzen und machen Sie zwischendurch kleine Pausen.

Meist bestehen Reha-Programme für Schlaganfall-Patienten aus einer Kombination unterschiedlicher Verfahren. Dabei gelingt es in vielen Fällen, die alten Fähigkeiten wieder zu erlernen, indem gesunde Gehirnareale die Funktion der erkrankten übernehmen. Günstigenfalls wird das frühere Leistungsvermögen auf diese Weise vollständig wiederhergestellt.

Die häufigste Sprachstörung, die bei einem Schlaganfall auftreten kann, ist die Aphasie 

Eine Aphasie verläuft in der Regel in drei Phasen und erfordert eine stadienspezifische ogopädische Behandlung:

• In den ersten sechs Wochen findet die Aktivierungsphase statt, sodass es zu einer schnellen Verbesserung der Sprachfähigkeit kommen kann. In dieser frühen Phase sollte eine intensive logopädische Therapie durchgeführt werden, damit die Reorganisation des Gehirns angeregt werden kann.

• In der störungsspezifischen Phase zeigen sich klare Störungsprofile. Der Zustand des Patienten verbessert sich deutlich langsamer. Um Erfolge zu erzielen, bedarf es einer gezielten Arbeit mit kleinschrittigem, strukturiertem Vorgehen mit vielen Wiederholungen und Variationen.

• Nach 12 Monaten kann die Konsolidierungsphase eintreten. Dabei geht es um die Erhaltung des Ist-Zustandes und den Umgang mit den vorhandenen Symptomen. Ziel ist es, dem Patienten die bestmögliche Teilhabe am Alltag zu ermöglichen. 

von Klaus Bingler

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