Psyche & Rückenleiden

VonUlrike Pickert

Der Begriff der Psychosomatik besteht aus den Bezeichnungen für die Seele und den Körper und beschreibt in der Medizin die wechselseitigen Beziehungen zwischen diesen Einheiten. Es ist gut, diese beiden Begriffe in einem Wort vereinigt zu haben, denn genauso eng wie die sinngebenden Buchstaben miteinander verbunden sind, so ineinandergreifend ist ihr Einfluss aufeinander. Psychisch- und stressbedingte Rückenschmerzen existieren wirklich und sind kein Mythos. In Wahrheit entfallen recht viele der Beschwerden in diese Kategorie. Doch selbst Schmerzen, für die vermeintliche Gründe auf Röntgen- oder MRT-Bildern gefunden werden, können durch Stress und seelische Belastung beeinflusst sein. Die Gründe dafür liegen zum einen darin, dass die so ermittelten Verschleißerscheinungen auch bei Personen ohne Beschwerden gefunden werden können, also gar nicht zwingend für den Schmerz verantwortlich sein müssen. Zum anderen gehört auch zu den körperlich eindeutig identifizierbaren Rückenschmerzen immer eine psychische Komponente. Einen Rückenschmerz ohne Beteiligung der Psyche (Seele) gibt es also gar nicht.

Bei innerlicher Anspannung machen die Muskeln automatisch mit

Bei Stress und Anspannung, in Situationen psychischer Überbelastung oder bei Angst und Trauer steigt die Muskelspannung unbewusst automatisch an. Dies sei eine Art Urreflex, der körperlich für einen sofortigen Kampf vorbereiten soll, so wird es häufig beschrieben. Sind diese Situationen von längerer Dauer, kann die Muskulatur aufgrund der ständigen An- und der fehlenden Entspannung verkürzen und verhärten. Ihre Durchblutung verringert sich und sie wird anfälliger für Mikroverletzungen und Entzündungen. Schmerzen und Bewegungseinschränkungen entstehen. Zudem erfolgt die erhöhte Muskelanspannung häufig in einer Fehlhaltung: Die Schultern sind hochgezogen, der Rücken gekrümmt. Außerdem wird durch die ständige Muskelarbeit – zusätzlich zu dem stressbedingten erhöhten Bedarf – mehr Energie verbraucht. Die Betroffenen sind schneller erschöpft und damit auch anfälliger für Schmerzen.

Die Empfindung des Schmerzes wird von der Psyche beeinflusst

Wer psychisch belastet ist, empfindet Schmerz unter Umständen anders. Dies hängt einerseits mit dem Hormonhaushalt und andererseits mit der Aufmerksamkeit, die dem Schmerz geschenkt wird, zusammen. In Stresssituationen werden Hormone wie Adrenalin oder Dopamin ausgeschüttet und sorgen neben der besagten Muskelspannung eher für eine verringerte Schmerzempfindung. Kommt der Körper dann aber zur Ruhe und diese Dämpfer entfallen, tritt der Schmerz erst recht auf. Bei einer depressiven Stimmung hingegen kann der Schmerz sofort und stärker empfunden werden, da in diesen Situationen weniger Endorphine ausgeschüttet werden, welche die Schmerzen positiv beeinflussen könnten. Die Schmerzrezeptoren sind dann empfindlicher und können einfacher gereizt werden. Auch die Aufmerksamkeit, die man dem Schmerz entgegenbringen kann, spielt für dessen Empfindung eine Rolle. Lenken Stress und besondere Lebensumstände die Aufmerksamkeit in eine andere Richtung, kann auch der Schmerz als weniger schlimm empfunden oder gar verdrängt werden. Auch hier sind es dann meist die Phasen der Ruhe, die den Beschwerden Raum geben. Und wer sich in einer Situation befindet, in der er das Eintreten von negativen Ereignissen nahezu erwartet, empfindet den Schmerz womöglich sofort und als sehr beeinträchtigend. 

Achtung: Den Teufelskreis nicht in Gang bringen

Ein großes Risiko bei länger bestehenden Schmerzen ist immer deren Chronifizierung bzw. die Ausbildung eines sogenannten Schmerzgedächtnisses. Körperliche Schmerzen, die das Gehirn im Zusammenhang mit seelischem Leiden abspeichert, sind nachhaltiger verankert. Die durch erhöhte Muskelspannung sowie empfindlichere Schmerzrezeptoren bedingten Rückenschmerzen können ihrerseits wiederum für Sorgen und psychisches Leiden verantwortlich sein. Damit kann ein Teufelskreis beginnen, der zu ständigen Schmerzen führt. Dabei läuft sowohl der sogenannte Vermeider-Typ, als auch der Durchhalter-Typ Gefahr, in den Strudel aus Schmerz und Sorgen zu geraten. Wer nämlich zu ängstlich mit seinen Rückenbeschwerden umgeht, Bewegung und Aktivität meidet, erhöht das Risiko, dass die Muskulatur geschwächt wird und dadurch andere Strukturen in Mitleidenschaft gezogen werden. Eine Schonhaltung ist in der Regel eine ungesunde Haltung. Außerdem geht mit der Vermeidung von Aktivität häufig auch ein sozialer Rückzug oder das Ausbleiben schöner Ereignisse einher, was negatives Empfinden fördert. Doch auch wer im Gegensatz dazu immer versucht, durchzuhalten und mit zuviel Aktivität gegensteuern will, tut sich unter Umständen keinen Gefallen. Denn dadurch kommt es zu weiterer Überlastung und Anstrengung. Der Körper braucht zur Heilung eher eine gut ausgewogene Kombination aus Aktivität und Entspannung. 

Verschiedene Therapiemöglichkeiten nutzen

Bei der diagnostischen Einordnung subjektiv unterschiedlich empfundener Schmerzsituationen hilft ein Schmerztagebuch oder die Einstufung der Schmerzintensität auf einer Schmerzskala, sodass der Zusammenhang mit der jeweiligen psychosozialen Situation gesehen wird. Außerdem gibt es spezielle Fragebögen, anhand derer das Schmerzverhalten besser verstanden werden kann, um passende Therapien einzuleiten. Bei psychisch bedingten Rückenschmerzen ist es nämlich sinnvoll, auf multimodale Therapiekonzepte zurückzugreifen, da eine alleinige Behandlung der Schmerzen weitblickend nicht ausreichend ist. Dabei arbeiten verschiedene Fachdisziplinen zusammen. So kann je nach Beschwerdebild und Diagnose neben der konservativen Therapie zur Behandlung der akuten Schmerzen eine Verhaltens- oder Psychotherapie helfen, stressauslösende Muster zu erkennen und zu durchbrechen. Auch Methoden wie Biofeedback können das Bewusstsein für die Zusammenhänge von Körper und Psyche, also in diesem Fall von Stress und zu hoher Muskelanspannung, verbessern. Aktivität und Bewegung in den Alltag zu integrieren und gleichzeitig für Entspannungsmomente, z. B. mithilfe von autogenem Training oder progressiver Muskelentspannung, zu sorgen, ist dann auch wichtig, um präventiv zu wirken und zukünftig Rückenschmerzen zu vermeiden. Außerdem wirken sportliche Aktivitäten vor allem in der freien Natur als natürliche Antidepressiva, sind also sowohl für die Psyche als auch für den Körper (Soma) eine Wohltat. 

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 1/2017

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