Alles über die Bandscheiben

VonStefanie Zerres

Von den Bandscheiben hört man häufig, wenn es um Rückenschmerzen geht. Doch zum Übeltäter werden sie erst dann, wenn die zwischen den einzelnen Wirbeln liegenden Scheiben ihre Funktion nicht mehr vollständig erfüllen können und negativen Einfluss auf umliegende Strukturen ausüben.

Die Bandscheiben, auch Zwischenwirbelscheiben genannt, sind ein wahres Evolutionswunder und für eine wesentliche menschliche Eigenschaft verantwortlich: einen aufrechten und beweglichen Gang! Zwischen fast allen Wirbeln – die Ausnahmen bilden die Schädel-Atlas- und die Atlas-Axis-Verbindung – liegen Bandscheiben, insgesamt sind es 23. Durch ihre Elastizität und Flexibilität bilden sie zusammen mit den Wirbeln die Wirbelsäule, von der sie ca. 25 Prozent der Länge ausmachen und sie ermöglichen Beugung, Rotation und viele andere Bewegungen. Die Bandscheiben sorgen außerdem für Abstand zwischen den Wirbeln und verhindern, dass diese aneinanderreiben. Tatsächlich schaffen die Bandscheiben nicht nur die Möglichkeit für die Beweglichkeit der Wirbelsäule, sie limitieren sie gleichzeitig auch. Denn durch ihre Verbindung mit den Wirbeln sind beispielsweise Rotationsbewegungen nur bis zu einem gewissen Grad möglich. Die Einschränkung verhindert, dass sich die Wirbelköper gegeneinander verschieben und verkanten.

Zusammensetzung und Stoffwechsel

Im Gegensatz zu den Wirbelkörpern selbst bestehen die Bandscheiben nicht aus Knochensubstanz, sondern zählen im Grunde zu den knorpeligen Geweben. Jede Bandscheibe besteht dabei aus zwei Komponenten: dem Faserring und dem darin eingeschlossenen Gallertkern (Nucleus). Ein gesunder Faserring, der oben und unten an jeweils einem Wirbel anhaftet, besteht aus widerstandsfähigem Kollagengewebe und Faserknorpel. Der Gallertkern befindet sich im Inneren und setzt sich aus zell-armem, weichem Gewebe zusammen. Dieses hat im Idealfall einen hohen Wasseranteil, dem es zu verdanken ist, dass die Bandscheiben wie ein Kissen federnd und stoßdämpfend wirken. Da die Bandscheiben eines Erwachsenen kaum Blutgefäße (nur in den Randbereichen des Faserrings) enthalten, sind sie auf Bewegung und Entlastung angewiesen, um diesen wichtigen Flüssigkeitsgehalt aufrechtzuerhalten. Per Diffusion erfolgt dessen Austausch aus dem umliegenden Gewebe und damit der Bandscheibenstoffwechsel. Das heißt durch Druck auf die Bandscheiben tritt Flüssigkeit aus, bei Entlastung füllt sich das Innere wieder. Ein prall gefüllter Nucleus setzt den umgebenden Faser-ring unter Spannung. Natürlicherweise besteht im Wachzustand mehr Druck und die Bandscheiben verlieren an Höhe, was den Menschen über den Tag sogar messbar schrumpfen lässt. In den Nacht bzw. in der Ruhephase während des Schlafens regenerieren sich die Zwischenwirbelscheiben dann wieder. Ebenso natürlich ist es, dass im Alter die Höhe der Wirbelsäule durch Flüssigkeitsverlust der einzelnen Bandscheiben dauerhaft abnimmt und man kleiner wird.

Zu viel Druck richtet Schaden an

Besteht allerdings abgesehen von den beschriebenen natürlichen Schwankungen permanent mehr Druck als Entlastung, wirkt sich dies negativ auf die Bandscheiben und damit die Rückengesundheit aus. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn Fehlhaltungen bestehen oder zu einer permanent sitzenden Tätigkeit kein Bewegungsausgleich erfolgt. Außerdem können Entwicklungsstörungen wie Morbus Scheuermann (verlangsamtes Wachstum der Wirbelsäule) oder Skoliose (fehlerhafte Krümmung der Wirbelsäule) zu viel Druck auf die Bandscheiben ausüben.

Die Folgen: Das Gewebe wird spröde, ist anfälliger für Verletzungen und Degeneration und die Bandscheiben können ihre Pufferfunktion nicht mehr ausreichend erfüllen. An der Stelle kommen dann die Rückenschmerzen ins Spiel und die Bandscheiben werden zu Übeltätern. Dabei schmerzen niemals die Bandscheiben selbst, da sie keine Nerven besitzen. Vielmehr kommen sie in Kontakt mit schmerzleitenden Nerven. Ein Kontakt, der im gesunden Zustand nicht bestehen sollte. Er kann auf verschiedene Weise zustande kommen: Bei einer Bandscheibenvorwölbung dehnt sich die Bandscheibe durch Druck des inneren Kerns über ihre normale Position hinaus aus und kann dann umliegende Nerven reizen. Davon gibt es in der Bandscheibenumgebung aufgrund der anatomischen Lage neben dem Rückenmarkskanal einige, auch solche, die für die Weiterleitung motorischer Reize zuständig sind. Daher kann es auch beispielsweise zu Kribbeln in Beinen und Armen oder gar Lähmungs- oder Ausfallerscheinungen kommen.

Derselbe Vorgang wie bei der Vorwölbung kann zu einem Bandscheibenvorfall führen, wenn durch den Druck der Faserring einreißt und der Nucleus teilweise oder vollständig austritt. Auch hierbei können Nerven beeinträchtigt werden. Sowohl die Vorwölbung (Protru-sion) als auch der Vorfall (Prolaps) einer Bandscheibe kann prinzipiell in jedem Wirbelsäulenabschnitt vorkommen. Aufgrund der Belastungs- und Verschleißsituation ist jedoch am häufigsten der untere Rückenabschnitt, also die Lendenwirbelsäule, betroffen. Am zweithäufigsten kommt es an der Halswirbelsäule und am seltensten an der Brustwirbelsäule dazu. 

Zu den Folgen von Bandscheibenschäden, die Rückenschmerzen auslösen können, gehören auch arthrotische Veränderungen der kleinen Wirbelgelenke. Diese sogenannten Facettengelenke verbinden zwei Wirbel mitein-ander und sind durch die Pufferung der Bandscheiben ausreichend vonein-ander entfernt. Vermindert sich die Bandscheibenhöhe, können die Gelenkpartner jedoch aneinanderreiben und vorzeitig abnutzen. Eine mitunter schmerzhafte Arthrose entsteht. Außerdem kann es durch eingesunkene Bandscheiben zu störenden Knochenanbauten an den Wirbeln kommen. Dies ist der Versuch des Körpers, die Fläche für die Druckverteilung zu vergrößern.

Neben diesen weit verbreiteten Erkrankungen der Bandscheiben gibt es weitere, die vergleichsweise eher seltener vorkommen. So beispielsweise Entzündungen bei Autoimmunerkrankungen wie Polyarthritis oder durch den Befall von Bakterien (z. B. Tuberkulose), Pilzen oder Parasiten. Patienten, die einer längeren oder dauerhaften Immobilität ausgesetzt sind, können an Verkalkungen der Bandscheiben leiden. Unfälle, bei denen es zu starken Verdrehungen oder Stauchungen der Wirbelsäule kommt, können zu Verletzungen der Bandscheiben führen.

Diagnose: sehen und verstehen

Die Symptombeschreibung der Rückenschmerzen bei Bandscheibenproblemen sagt zusammen mit der klinischen Untersuchung beim Arzt meist schon viel aus. Sogar oft darüber, welche Bandscheibe betroffen ist, da die Reizung bestimmter Nerven ganz bestimmte Symptome auslöst. So kommt es bei einer Veränderung des fünften Lendenwirbelsäulenabschnittes (L5) beispielsweise häufig zu Beeinträchtigungen der Füße, z. B. zu Fußheberschwächen. Sogar Organtätigkeiten können durch bandscheibenbedingte ervenreizungen beeinträchtigt sein: Wenn die Blasen- oder Mastdarmfunktion eingeschränkt ist, besteht meist – im Gegensatz zu vielen anderen Situationen – die Notwendigkeit zur Operation. 

Bei Bedarf können mittels Nervenleittests Veränderungen der Nerven sehr genau ermittelt werden. Außerdem geben verschiedene Funktionstests Aufschluss über Beeinträchtigungen durch die Bandscheiben. Eindeutig feststellen und wirklich sehen kann der Arzt eine pathologische Veränderung der Bandscheiben mittels Magnetresonanz- oder Computertomografie. Sie zeigen die Veränderung in ihrem Ausmaß auf. Doch hier ist insofern Vorsicht geboten, als man heute weiß, dass nicht jeder Bandscheibenvorfall auch gleich Schmerzen verursacht. Die abgebildete Pathologie muss klinisch nicht relevant sein. Daher spielt beim Verdacht auf eine Bandscheibenerkrankung die Differenzialdiagnostik eine wichtige Rolle.

Therapie: Oft geht’s konservativ

Bandscheiben haben die Fähigkeit, sich bis zu einem gewissen Grad zu regenieren, wenn die Ursachen beseitigt werden. Wenn die Ernährung des Gewebes mittels Diffusion verbessert wird, können Regenerationsprozesse in Gang kommen. Der Flüssigkeitsgehalt des Nucleus kann sich wieder erhöhen und die Bandscheibe wird elastischer. Um diesen Zustand zu erreichen, helfen verschiedene konservative Therapiemethoden und nicht-operativ zu behandeln ist in der Mehrzahl der Fälle der erste Schritt. Hauptbestandteil dieser Methoden ist in der Regel gezielte Bewegung, oft unter Anleitung eines Physiotherapeuten. Damit werden verschiedene Ziele verfolgt: Erstens sollen die stützende Muskulatur gestärkt und damit auch gegebenenfalls vorhandene Dysbalancen ausgeglichen werden. Zweitens verringern starke Muskeln den schädlichen Druck auf die Bandscheiben. Und drittens wird das Prinzip der Be- und Entlastung, das für die Stoffwechselvorgänge der Bandscheiben wesentlich ist, bedient. Weitere, individuell verschiedene Maßnahmen können beispielsweise Wärmeanwendungen, Distraktionstherapien oder auch Taping sein. Bei starken Schmerzen werden begleitend immer schmerzlindernde Medikamente verordnet, beispielsweise sogenannte nichtsteroidale Antirheumatika, damit der Patient aktiv werden kann und nicht in einer zusätzlich ungesunden Schonhaltung ausharrt. Selbst Bandscheibenvorfälle, bei denen Teile des Kerns ausgetreten sind, können konservativ behandelt werden. Das Bandscheibenmaterial wird nach einer gewissen Zeit natürlicherweise vom Körper abgebaut.

Sind alle konservativen Möglichkeiten ausgeschöpft, steht ein breites Spek-trum aus dem Bereich der Chirurgie für die weitere Behandlung zur Verfügung. Dieses reicht von minimalinvasiven kleinsten Eingriffen – z. B. zur Betäubung der gereizten Nerven – bis hin zum kompletten Ersatz der erkrankten Bandscheibe. Einige Beispiele: Endo-skopisch können bei einem Prolaps störendes, hervorstehendes oder auch ausgetretenes Gewebe entfernt und so die Nerven entlastet sowie ein gerissener Faserring genäht werden. Wird es dabei notwendig, den gesamten Kern zu entfernen, spricht man von einer Nukleotomie. In manchen Fällen bleibt dann nur der Faserring bestehen. Oder aber es wird ein Ersatzstoff anstelle des natürlichen Gallertkerns eingebracht. Dabei kann es sich um künstliche, z. B. gelartige, oder auch körpereigene Bestandteile, wie bei dem sogenannten ADCT-Verfahren (autologe Diskus Chrondrozyten-Transplantation), handeln. In manchen Fällen muss wirklich die gesamte Bandscheibe entfernt werden. Dann spricht man von einer Diskektomie. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn es sich um eine sogenannte „black disc“ handelt. Diese Bandscheibe ist völlig degeneriert und ausgetrocknet, sie erscheint schwarz in der Bildgebung. Eine entfernte Bandscheibe kann entweder durch ein Implantat ersetzt werden oder der gesamte betroffene Wirbelabschnitt wird versteift.

Egal ob nach Beseitigung einer Bandscheibenproblematik mittels konservativer oder chirurgischer Therapieverfahren, allerspätestens jetzt sollte es für jeden Betroffenen an der Zeit sein, die stützende Rückenmuskulatur mehr zu beachten und zu trainieren, nicht zuletzt aufgrund der möglicherweise bekannten Schwachstelle – häufig haben Betroffene immer wieder mit derselben Bandscheibe zu tun. Wer bereits Probleme mit den Bandscheiben hatte, sollte sich Trainingsempfehlungen bei dem behandelnden Arzt einholen. Auch allen anderen sei eine starke Muskulatur (vor allem von Rücken und Bauch) und ein Alltag mit ausreichend Bewegung zur Prävention vor Bandscheibenerkrankungen angeraten.

von Stefanie Zerres

aus ORTHOpress 1/16

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