Neue Muskelfunktionsmessung komplettiert diagnostisches Konzept

Bildgebende Verfahren sind heute aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken: Knöcherne Strukturen werden mit Röntgenbildern erfasst, Weichteile per Computertomografie (CT) oder Ultraschall dargestellt. Ohne diese Hilfsmittel wären heute keine eingehende Untersuchung und Operationsplanung mehr denkbar. Dennoch geben auch sie dem Arzt nur eine Teilinformation.

Zwar lassen sich mit ihnen Brüche, Verschleißerscheinungen oder Gewebsveränderungen erkennen – über funktionelle Defizite jedoch geben sie kaum wirklich Aufschluss. Im Zuge der Komplettierung eines diagnostischen Konzeptes hat sich daher neben der Untersuchung von Knochen und Gewebe die Diagnostik der Muskulatur mit Hilfe eines Oberflächen-EMG-Systems etabliert. Dazu der Neurochirurg Drs. Patrick Simons von der Kölner Klinik am Ring: „Diese neurophysiologische Messung erfolgt für den Patienten völlig schmerzfrei und ohne jegliche Strahlenbelastung. Es werden hierbei lediglich kleine Elektroden auf die entsprechende Muskulatur geklebt. Dann werden die elektrischen Potenziale über ein Computersystem aufgezeichnet.“ Die eigentliche Messung erfolgt dabei in drei Schritten. Zunächst wird der Ruhetonus bestimmt: In neutraler Körperhaltung wird die Entspannungsfähigkeit der Muskulatur gemessen und mit Referenzwerten verglichen. Bereits hier können sich muskuläre Dysbalancen und Verspannungen zeigen – ein Muskel, der auch in Ruhehaltung ständig unter Spannung steht, kann nicht ausreichend durchblutet (= mit Sauerstoff versorgt) werden. Die Folge sind das typische Verspannungsgefühl oder sogar schmerzende Gewebsverhärtungen (Myogelosen). Sodann erfolgt eine Messung bei maximaler Anspannung. Hier kann der Arzt die maximale Leistungsfähigkeit der Muskulatur im Links/Rechts-Vergleich beurteilen und Muskelschwächen über den Behandlungsverlauf hinweg kontrollieren. Zuletzt erfolgt ein funktioneller Test: Hier wird der Muskeltonus bei einer bestimmten Bewegung gemessen. So können z.B. Auffälligkeiten bei wiederkehrenden Handlungen (z.B. während der täglichen Arbeit) beurteilt und bei Bedarf entsprechende Maßnahmen ergriffen werden. Da die muskuläre Situation immer auch zeitgleich auf einem Computerbildschirm zu sehen ist (Biofeedback), können so wichtige Hilfestellungen für das Alltagsverhalten gegeben werden.

Drs. Simons: „Sinnvoll ist eine solche Muskelfunktionsdiagnostik bei Kopf-, Schulter- und Rückenschmerzen und nach Verletzungen der Extremitäten, aber auch während der Rehabilitation nach einer Operation.“ Ein weiteres Einsatzgebiet ist die Kontrolle während eines Eingriffs (intraoperatives Monitoring). So können durch die ständige Überwachung des Muskeltonus Nervenverletzungen im Rahmen einer Operation gezielt vermieden werden.

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 3 | 2001
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.