Neue risikoarme Behandlungsmethode aus den USA

Bandscheibenschrumpfung durch Nucleoplastie

Alarmierend ist die weltweite Zunahme der Rückenbeschwerden. Knapp die Hälfte aller Anträge auf eine Berufsunfähigkeitsrente in Deutschland haben hierin ihren Ursprung – über 25% aller Arbeitnehmer suchen heute mindestens einmal im Jahr wegen Rückenschmerzen einen Arzt auf. Oft sind Bandscheibenvorfälle die Ursache für jahrelange Leiden. Sie entstehen, wenn sich der weiche Bandscheibenkern vorwölbt und auf den Nerv drückt. Eine offene Operation erzielt nicht immer den gewünschten Erfolg – viele Bandscheibenvorfälle sind auch mit konservativen Maßnahmen allein nicht zu therapieren.

Was passiert bei einer Bandscheibenoperation?

Bei einer offenen Bandscheibenoperation muss der Operateur den vorgefallenen Teil des Gallertkerns beseitigen und damit den Druck auf den Nerv verringern. Das Risiko eines solchen Vorgehens ist jedoch nicht unerheblich, weil neben der möglichen Verletzung der knöchernen Wirbelsäulenanteile auch Heilungsstörungen wie überschießende Narbenbildung und damit erneute Schmerzen nicht ausgeschlossen werden können. Ein anderes Problem ergibt sich dadurch, dass mit der herkömmlichen Operation die Gefahr eines erneuten Bandscheibenvorfalls an der gleichen Stelle noch nicht gebannt ist: Es besteht die Möglichkeit, dass noch vorhandene Reste des Gallertkerns lange nach dem Eingriff aus dem „undicht“ gewordenen Faserring austreten und wiederum Beschwerden verursachen.

Neues Verfahren lässt äußeren Faserring intakt

„Eine vielversprechende Alternative steht jetzt mit einem Verfahren zur Verfügung, das unter dem Namen ‚Nucleoplastie‘ in den USA entwickelt wurde“, erläutern die Berliner Neurochirurgen Dr. Matthias Lutze und Dr. Josef Ramsbacher. „Dieses Verfahren”, so Dr. Lutze, „kommt ganz ohne Schnitte aus und ermöglicht es, Bandscheibenvorfälle auf besonders schonende Weise zu beseitigen”. Mit Hilfe einer Hohlnadel wird dabei unter der Kontrolle eines Röntgengerätes oder des Computertomographen eine Sonde in die betroffene Bandscheibe eingeführt. Nachdem diese ins Zentrum des Zwischenwirbelraums vorgeschoben worden ist, kann nun mittels Radiofrequenz zum einen Gewebe aus dem Gallertkern verdampft, zum andern die Bandscheibe geschrumpft werden. Dadurch kann sich der Faserring zurückziehen und drückt nicht mehr auf den Nerv im Spinalkanal. Die Spalten im Fasergewebe werden durch die Wärmeenergie „verschweißt“. Da der Eingriff bei rein lokaler Betäubung durchgeführt werden kann, werden die Patienten nur wenig belastet. „Sehr günstig für den Heilungsprozess ist”, so die Berliner Neurochirurgen, „dass nach der Nucleoplastie die Formstabilität der Bandscheibe bestehen bleibt.”

Langfristige Befreiung vom Schmerz ist möglich

Nach einem Bericht des amerikanischen Magazins TIME wurden bereits über 2500 Patienten mit dem Nucleoplastie-Verfahren behandelt.

Zuversichtlich stimmen die Beobachtungen, die aus den bisherigen Folgeuntersuchungen gewonnen werden konnten. US-amerikanische Forscher berichten, dass bis zu 70 Prozent der behandelten Patienten eine erhebliche Schmerzlinderung bis hin zur Schmerzfreiheit erlangen konnten. Längere Rehabilitationszeiten werden vermieden. Bereits nach kurzer Zeit können die meisten Patienten die Klinik wieder verlassen – ein nicht zu unterschätzender Vorteil gegenüber dem langwierigen Heilungsprozess bei einer herkömmlichen Wirbelsäulenoperation. Innerhalb einer Woche können die Patienten mit einem Trainingsprogramm beginnen, mit dessen Hilfe der Behandlungserfolg stabilisiert werden kann.

Trotz der positiven Therapieergebnisse, die mit der Nucleoplastie bereits erzielt wurden, geht Dr. Lutze nicht davon aus, dass diese Behandlungsmethode für alle Patienten mit Bandscheibenvorfällen in Frage kommt. „Wir haben es hier mit einer Therapieform zu tun, die optimal für Menschen geeignet ist, die an schmerzhaften, aber noch nicht ‚geplatzten‘ Vorfällen leiden, die also einen noch weitgehend intakten Faserring haben. Anders sieht es jedoch aus, wenn bereits Bandscheibenabrisse, sogenannte Sequester, in den Wirbelkanal vorgedrungen sind. In diesem Fall ist eine mikrochirurgische Operation zu empfehlen.”

 

aus ORTHOpress 03|2002

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Fragen und Antworten

Was ist Nucleoplastie?

Nucleoplastie ist eine minimalinvasive Behandlungsmethode für Patienten mit Bandscheibenvorfällen, die unter Rückenschmerzen und ausstrahlendem Schmerz in die Beine leiden.

Was passiert beim Bandscheibenvorfall?

Die Bandscheibe fungiert als Stoßdämpfer zwischen den einzelnen Wirbelkörpern. Beim Bandscheibenvorfall drückt der innenliegende Gallertkern durch einen geschwächten Faserring hindurch auf die im Spinalkanal verlaufenden Nerven und verursacht Schmerzen, in schweren Fällen auch sensible und motorische Ausfallerscheinungen, die bis hin zu Lähmungen und Organfunktionsstörungen reichen können.

Wer kommt für eine Nucleoplastie in Frage?

Patienten mit röntgenologisch sichtbarem Bandscheibenvorfall und Rückenschmerzen oder kombinierten Rücken- und Beinschmerzen, welche nach etwa drei Monaten konservativer Therapie immer noch andauern.

Für wen eignet sich die Nucleoplastie nicht?

Patienten mit stark geschädigten Bandscheiben, bei denen der äußere Faserring nicht erhalten werden kann. Patienten mit Vorfällen, die den Spinalkanal so stark (über 30%) einengen, dass eine Operation unumgänglich ist. Patienten, bei denen die Schmerzen eine andere Ursache haben (Wirbelgleiten, Wirbelkörperbrüche, Arthritis, Tumorerkrankungen).