Epidurales Katheterverfahren: Neue Studie zeigt Überlegenheit

Seit 40 Jahren wird bei therapieresistenten Bandscheibenschmerzen das epidurale Katheterverfahren angewendet – auch wir haben in den vergangenen Jahrzehnten häufig darüber berichtet. Das Therapieprinzip und der Einsatzbereich der vom ungarisch-amerikanischen Anästhesisten Dr. Gabor Racz perfektionierten Methode wurden oft diskutiert. Doch auf lange Sicht können sich die Ergebnisse mehr als sehen lassen, wie eine Studie* jetzt zeigte

Untersucht wurden 381 Patienten mit chronischen radikulären Schmerzen, die länger als vier Monate andauerten und bei denen konservative Behandlungen versagt hatten. Insgesamt wurden 90 Patienten in die Studie aufgenommen. Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip einer epiduralen Katheterbehandlung oder aber einer Placebobehandlung unterzogen. Dabei zeigte sich, dass die ODI- und VAS-Scores der mit dem Epiduralkatheter behandelten Patienten nach einem und nach 10 Jahren signifikant besser als in der Kontrollgruppe waren. Der ODI verbesserte sich in der Kathetergruppe von 55,3 ± 11,6 auf 9,6 ± 9,3 nach einem Jahr und auf 11,7 ± 14,2 nach 10 Jahren. In der Placebogruppe verbesserte sich der Wert nur von 55,4 ± 11,5 auf 30,7 ± 14,2 nach einem Jahr und auf 24,8 ± 12,0 nach 10 Jahren. Die VAS verbesserte sich in der Kathetergruppe von 6,7 ± 1,1 auf 1,2 ± 1,1 nach einem Jahr und auf 1,5 ± 1,4 nach 10 Jahren und in der Placebo-Gruppe von 6,7 ± 1,1 auf 2,8 ± 1,5 nach einem Jahr und auf 2,9 ± 1,3 nach 10 Jahren. Innerhalb von 10 Jahren traten keine behandlungsbedingten schwerwiegenden unerwünschten Wirkungen auf, nur unmittelbar nach der Intervention wurden geringfügige vorübergehende neurologische Wirkungen beobachtet.

Verklebungen durch Bandscheibenvorfälle

Ziel bei der Entwicklung des Katheterverfahrens war es, die bei einem Bandscheibenvorfall ausgelösten lokalen Entzündungen und Narbenbildungen auch ohne Operation beseitigen zu können. Ein Bandscheibenvorfall entsteht, wenn durch Alterung und Degenerationserscheinungen der Bandscheibenkern mit der Zeit immer stärker auf den äußeren Faserring drückt. Schließlich tritt Bandscheibengewebe aus und gelangt in den Epiduralraum. Dort verursacht es Verklebungen und engt die im Wirbelkanal verlaufenden Nerven und das stark innervierte hintere Längsband ein. Es kommt zu einer Zunahme des Drucks und einer lokalen Entzündungsreaktion. Gleichzeitig verhindern die Verklebungen, dass injizierte Medikamente an den Ort gelangen, an dem sie wirken können.

Ablauf der Behandlung  

Der für das Verfahren verwendete Sprungfederkatheter ist mit einer kleinen Sonde ausgestattet, die über eine natürliche Öffnung am Steißbein eingeführt wird. Im Gegensatz zur Operation ist daher auch lediglich eine Lokalanästhesie im Bereich des Steißbeins erforderlich. Es sind weder Schnitte noch andere gewebezerstörende Maßnahmen erforderlich, weshalb auch kein Risiko für eine Narbenbildung wie bei einer Operation besteht. Unter Bildwandlerkontrolle kann die Sonde dann zielgenau im rückenmarksnahen Bereich der Wirbelsäule platziert werden, was eine exakte Behandlung der betroffenen Nervenwurzeln und der schmerzerzeugenden Bandscheiben erlaubt. Nach ausgiebiger Spülung erfolgt die mechanische Adhäsiolyse der entzündeten Nervenwurzeln, d. h. die Verklebungen können mit der Sondenspitze gelöst werden. Anschließend werden antiphlogistische Enzyme sowie eine hoch konzentrierte Kochsalzlösung injiziert, welche zu einer osmotischen Schrumpfung des Gewebes führen. Während der 3-tägigen stationären Behandlung werden an den beiden postoperativen Tagen je 2 weitere Injektionen im Abstand von 8-10 Stunden durchgeführt. Dann wird der Katheter entfernt und am Folgetag kann der Patient die Klinik verlassen. Schlussfolgerung: Dies ist der erste 10-Jahres-Nachverfolgungsbericht einer placebokontrollierten RCT-Studie, welche die Wirksamkeit des minimalinvasiven perkutanen Adhäsiolyseverfahrens bei Patienten mit chronischen lumbosakralen radikulären Schmerzen belegt. Keine alternative evidenzbasierte Behandlungsmodalität mit 10-jähriger Nachbeobachtung ist verfügbar, die empfohlen werden könnte. Dieses Verfahren sollte als erste Behandlungsoption für Patienten mit chronischen lumbosakralen radikulären Schmerzen in Betracht gezogen werden.

von Michael Reuß

 

*Long-term Efficacy of Percutaneous Epidural Neurolysis of Adhesions in Chronic Lumbar Radicular Pain: 10 Year Follow-up of a Randomized Controlled Trial Ludger Gerdesmeyer, MD, PhD1,2, Carl Noe, MD3, Alexander Prehn-Kristensen, MD4, Norbert Harrasser, MD3, Munjed Al Muderis, MD6, Matthias Weuster, MD1,5, and Tim Klueter, MD1. Pain Physician 2021; 24:359 – 367.

 

 

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