Neue Hüfte – neues Leben?

VonLena Krieger

Neue Hüfte – neues Leben?

Möglichkeiten moderner Hüftendoprothetik

Versuche, erkrankte und funktionsunfähige Gelenke durch eingepflanzte Prothesen zu ersetzen, wurden schon vor über 100 Jahren durchgeführt. Die ersten künstlichen Gelenke waren aus Elfenbein und konnten die in sie gesetzten Hoffnungen natürlich nicht erfüllen. Erst die Entwicklung neuer Materialien und Operationstechniken in den letzten Jahrzehnten führte dazu, dass heute praktisch für alle Gelenke ein funktionsfähiger, gewebefreundlicher Ersatz zur Verfügung steht. In den meisten Fällen ist heutzutage die Einsetzung eines künstlichen Gelenks ein unkomplizierter Eingriff. An der Hüfte kann er sogar als Routineoperation bezeichnet werden. Über 165.000 neue Hüften werden pro Jahr in Deutschland eingesetzt – zum Wohle der Patienten. Denn es gibt kaum glücklichere und dankbarere Patienten als die, die nach manchmal jahrelanger Leidenszeit wieder schmerzfrei gehen und die alltäglichen Verrichtungen ausführen können. 

Schmerzhafte Hüftgelenksveränderungen sind meistens durch eine Abnutzung bedingt, die vorwiegend ältere Menschen betrifft. „Verursacht wird eine Arthrose in der Regel durch angeborene Fehlbildungen des Hüftgelenks oder durch langjährige Über- und Fehlbelastungen des Gelenks“, weiß der Münchener Orthopäde Dr. Eckhard Schmidt-Ramsin. „Aber auch bei jüngeren Menschen kann sich – z.B. bedingt durch einen Unfall – frühzeitig eine Arthrose ausbilden.“ Es kommt dabei zu einer fortschreitenden Knorpelzerstörung. In den Anfangsstadien können die damit verbundenen Schmerzen noch relativ gut mit Schmerzmitteln oder Krankengymnastik beherrscht werden. Da aber eine Arthrose des Knorpels (noch) nicht heilbar ist, kommt es früher oder später zu einem vollständigen Verlust des Knorpels im Gelenk, so dass der blanke Knochen des Hüftkopfes in der Gelenkpfanne reibt. Dementsprechend nehmen auch die Beschwerden zu bis hin zu einer massiv eingeschränkten Gehfähigkeit. Dr. Schmidt-Ramsin: „Wenn ein Patient mit einer Hüftarthrose sich trotz intensiv durchgeführter krankengymnastischer Therapie in seiner Lebensführung wesentlich eingeschränkt fühlt, ist die Indikation zum Gelenkersatz gegeben.“ 

Viele verschiedene Modelle stehen zur Verfügung

„Solche Prothesen gibt es inzwischen in den verschiedensten Formen, Größen, Materialien und Befestigungstechniken, so dass für jeden Patienten die genau für ihn passende Prothese ausgesucht werden kann.“ In der Regel werden heute komplette Gelenke, also Gelenkkopf und -pfanne, eingesetzt. Dabei muss das Material haltbar, belastbar und gut verträglich sein. Außerdem dürfen keine schädlichen Stoffe in den Körper abgegeben werden. Diese Bedingungen erfüllen heute sowohl die verwendeten Metalle (Kobalt- oder Titan-Legierungen) und die Bio-Keramiken als auch die Kunststoffe, die manchmal für die Gelenkpfanne verwendet werden. Von besonderer Bedeutung für die Lebensdauer der Prothesen ist der Materialabrieb, der bei den Bewegungen zwischen Kopf und Pfanne erfolgt. Er sollte möglichst gering sein, denn das umgebende Gewebe kann die beim Abrieb entstehenden kleinsten Partikel nur in begrenzter Menge aufnehmen und abtransportieren. Fallen zu viele dieser Partikel an, kann es zu einer Entzündung kommen, welche die Ursache für eine Lockerung der Prothese sein kann. 

Vor einigen Jahren noch war die Frage, ob die Prothese einzementiert oder zementfrei befestigt werden sollte, fast zu einem Glaubenskrieg geworden. Da man aber nicht allen individuellen Problemstellungen auf dieselbe Art und Weise gerecht werden kann, entscheidet heute jeder Operateur von Fall zu Fall, welche Befestigungsmethode die optimale ist. Die neueste Entwicklung sind so genannte modulare Prothesen, bei denen die einzelnen Komponenten Schaft, Hals und Kopf individuell nach den anatomischen Bedingungen ausgesucht und zusammengesteckt werden können. Es können so wirklich individuelle Lösungen gewählt werden. „Es liegt an der persönlichen Erfahrung des Operateurs, welches Modell aus welchem Material er einsetzt. Ziel der Operation ist neben Passgenauigkeit ja auch eine lange Haltbarkeit. Für die Patienten entscheidend sind zudem Schmerzfreiheit und gute Funktionalität“, so Dr. Schmidt-Ramsin. 

Haltbarkeit – die Gretchenfrage bei den Hüftprothesen

Die durchschnittliche Haltbarkeit moderner Hüftprothesen aus Titan oder Keramik liegt heute eher in der Größenordnung von Jahrzehnten als von Jahren. So erfreulich das auch ist, macht es aber die Beurteilung von neuen Prothesenformen und Materialien problematisch. Ihre Wirksamkeit muss an der langen Lebensdauer der bisher bekannten Modelle gemessen werden. „Vor allem für jüngere Menschen, die einen Hüftersatz benötigen, spielt die Frage nach der Lebensdauer eine große Rolle“, erklärt Dr. Schmidt-Ramsin. „Zwar sind die Zweiteingriffe nicht mehr so gefürchtet wie noch vor einigen Jahren, weil neuere Techniken und Materialien zur Verfügung stehen, dennoch möchte niemand öfters als unbedingt nötig operiert werden.“ 

Auch wenn Hüftgelenksoperationen routinemäßig durchgeführt werden, kann man sie dennoch nicht als kleine Eingriffe bezeichnen. Mit einer Operationsdauer von etwa ein bis zu zwei Stunden muss man schon rechnen. Zudem kann es unter Umständen zu einem erheblichen Blutverlust kommen. Damit man im Fall des Falles nicht auf Fremdblut angewiesen ist, können – bei längerfristig geplanten Eingriffen – die Patienten einige Zeit vor der Operation Eigenblut spenden. Falls es dann während der Operation zu etwas stärkeren Blutungen kommt, kann der Kreislauf mit dem eigenen – zuvor gespendeten – Blut aufgefüllt werden. Die Gefahr, sich bei einer Bluttransfusion mit irgendwelchen gefährlichen Krankheiten zu infizieren – so gering diese Möglichkeit auch ist –, wird damit gänzlich ausgeschlossen. 

Das A und O: Bewegung der neuen Hüfte

„Von großer Bedeutung für den Erfolg einer Hüftgelenksoperation ist die Zeit unmittelbar nach der Operation. Je nach angewandter Technik kann nämlich die Prothese schon kurz nach der Operation belastet werden. Die Patienten können mit einem konsequenten Trainingsprogramm viel dazu beitragen, wieder auf die Beine zu kommen. Besonders für die manchmal doch schon recht alten Patienten ist es wichtig, dass sie so schnell wie möglich wieder ans Laufen kommen. Einige müssen regelrecht üben, um das Hinken wieder zu verlernen“, erläutert Dr. Schmidt-Ramsin die Bedeutung der postoperativen Nachsorgebehandlung. Die Frührehabilitation und krankengymnastische Übungen beginnen also schon in der Klinik und werden dann anschließend bei einer meist dreiwöchigen ambulanten oder stationären Reha-Maßnahme fortgeführt. Ziele dieser Anschlussheilbehandlung sind Förderung von Muskelkraft und Koordination, um die Patienten wieder fit zu machen für den Alltag. 

Dies ist aber vielen – vor allem jüngeren Patienten – zu wenig. Sie wollen nicht nur im Alltag fit sein, sondern oft auch wieder ihrem geliebten Sport nachgehen. „Wenn es sich nicht gerade um alpine Skirennen oder Hochgebirgsklettern handelt, ist dagegen auch gar nichts einzuwenden“, beruhigt Dr. Schmidt-Ramsin die Betroffenen. „Vor allem Schwimmen, Laufen, Gymnastik oder Radfahren empfehle ich meinen Patienten sogar. Selbst Tennisspielen – wenn auch moderat und ohne Wettkämpfe – ist bei entsprechend trainierter Muskulatur wieder möglich. Eine Hüftgelenksprothese soll ja gerade den Ruhestand im Sessel verhindern und wieder ein aktives Leben voller Bewegung ermöglichen.“ 

 

aus ORTHOpress 1 | 2002

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