Handchirurgie: Das Karpaltunnelsyndrom

Kleiner Eingriff – Große Wirkung

Überall dort, wo Nerven durch Körperengen hindurchmüssen, kann es zu Reizungen kommen, wenn der zur Verfügung stehende Platz einmal nicht mehr ausreicht. Ein häufiges Krankheitsbild ist das Karpaltunnelsyndrom, bei dem der Medianusnerv eingeklemmt ist, welcher an der Halswirbelsäule entspringt und durch die Arme hindurch den Daumen sowie den Zeige- und Mittelfinger mit Gefühl versorgt. Wer am Karpaltunnelsyndrom leidet, der hat nicht selten so starke Schmerzen, dass er nicht einmal mehr eine Kaffeetasse zum Mund führen kann. ORTHOpress sprach mit dem Münchner Orthopäden Dr. Matthias F.-J. Ganser, der als Belegarzt stationäre und ambulante Eingriffe am Bewegungsapparat – darunter rund 110mal im Jahr am Karpaltunnel – durchführt, über die operative Behandlung dieses Nervenkompressionssyndroms.

Herr Dr. Ganser, welche Ursachen hat das Karpaltunnelsyndrom?

Dr. Ganser: Nur bei wenigen Patienten lässt sich die Ursache tatsächlich genau herleiten, etwa bei einer starken Beanspruchung der Handgelenke bei bestimmten Tätigkeiten. Oft ist das Karpaltunnelsyndrom eine Folgeerscheinung von vorangegangenen anderen Erkrankungen. Rheumatische Verdickungen der Sehnenscheiden können dabei genauso ursächlich sein wie knöcherne Auswüchse der Handwurzelknochen, wie sie oft nach der Ausheilung einer Fraktur vorkommen. Auch hormonelle Veränderungen wie sie etwa bei einer Schwangerschaft eintreten, können zu einer Zunahme des Bindegewebes führen. All diesen möglichen Ursachen ist gemeinsam, dass ein bestimmtes Band, das sogenannte Ligamentum Carpi Transversum, welches über dem Handwurzelknochen verläuft, verdickt ist. Dieses drückt auf den Medianusnerv und führt so zu den starken Schmerzen, die im fortgeschrittenen Stadium auch in Ruhe nicht nachlassen.

Muss immer operiert werden, oder gibt es auch die Möglichkeit einer konservativen Behandlung?

Dr. Ganser: In einigen Fällen kann man eine Operation vermeiden oder zumindest hinausschieben. Die Frage, ob ein Eingriff erfolgen muss, kann jedoch nur der Arzt entscheiden, denn es ist wichtig abzuklären, in welchem Stadium sich der Patient befindet. Dabei kann eine neurologische Untersuchung helfen, bei der die Nervenleitgeschwindigkeit des Medianusnervs gemessen wird. Nimmt diese bereits ab, bevor die Nervenbahn den Handwurzelknochen erreicht, liegen die Ursachen der Beschwerden wahrscheinlich schon im Hals- oder Nackenbereich: Es könnte dann auch ein Bandscheibenvorfall vorliegen. Dies muss natürlich ausgeschlossen werden.

Sind die Beschwerden gering, so kann eine konservative Therapie mit Schmerzmitteln, Ruhigstellung oder einer Schiene erfolgversprechend sein. Im fortgeschrittenen Stadium ist damit jedoch keine dauerhafte Besserung zu erwarten; hier sollte – auch wegen der Gefahr drohender Folgeschäden – operiert werden.

Wenn es denn einmal so weit gekommen ist: Wie wird operiert?

Dr. Ganser: Die Operation des Karpaltunnelsyndroms ist ein Eingriff, der unter regionaler Betäubung durchgeführt werden kann: Nach einem Hautschnitt von etwa zweieinhalb Zentimetern Länge schneidet der Arzt das unter der Haut liegende, den Nerv belastende Band einfach durch. Seit einigen Jahren wird diese Operation aus kosmetischen Gründen oft auch endoskopisch vorgenommen. Diese Vorgehensweise hat allerdings den Nachteil, dass man den vom Medianusnerv ausgehenden Thenar-Ast, welcher den Daumenballen versorgt, nicht mitbefreien kann. Wir operieren daher grundsätzlich offen. Da man sich heute bei der Schnittführung an dem Verlauf natürlicher Handlinien orientiert, ist das kosmetische Ergebnis in aller Regel nicht schlechter als beim endoskopischen Eingriff. Beide Operationen können jedoch ambulant vorgenommen werden, so dass der Patient bereits kurz nach dem Eingriff wieder nach Hause gehen kann.

Sie sprachen von den Folgeschäden, die möglicherweise zu erwarten sind, wenn nicht rechtzeitig operiert wird. Worin bestehen diese?

Dr. Ganser: Die Beseitigung des akuten Schmerzes ist nur ein Grund für die Operation. Im fortgeschrittenen Stadium muss das Karpaltunnelsyndrom unbedingt operiert werden, da der eingeklemmte Medianusnerv die notwendigen Impulse zum Erhalt des Muskels am Daumenballen liefert. Werden diese Signale aufgrund der Nervenkompression behindert oder gar nicht mehr ausgesandt, so bildet sich der Muskel zurück. Der Daumenballen wird dann flach oder hohl und besitzt keine Kraft mehr. Ist es einmal so weit gekommen, nützt auch eine Operation praktisch nicht mehr: Der eingetretene Schaden ist bleibend.

In der Operation wird ja wie beschrieben das Band durchtrennt, welches den Nerv behindert. Nun haben die Bänder an unseren Gelenken ja eine Funktion. Ist auch nach dem Eingriff die Stabilität des Handgelenks gleichermaßen gegeben?

Dr. Ganser: Die Durchtrennung des Ligamentum Carpi Transversum beeinträchtigt in keiner Weise Stabilität oder Funktionsfähigkeit der Hand. Der Patient kann also (sofern die Operation rechtzeitig erfolgt ist) davon ausgehen, dass Gefühl und Beweglichkeit nach dem Eingriff wieder der eines Menschen ohne Nerveneinengung entsprechen.

Gibt es bestimmte Kontraindikationen für eine Operation? Wie lange dauert es, bis die ursprüngliche Funktion völlig wiederhergestellt ist?

Dr. Ganser: Nach der Beseitigung der Kompression erholt sich der Nerv normalerweise innerhalb weniger Tage, so dass das Gefühl schnell wiederkehrt. Die Schmerzen durch die Einklemmung des Nervs sind üblicherweise sofort verschwunden: Wenn die Betäubung abgeklungen ist, verspürt der Patient also nur noch eine gewisse Zeit lang den Wundschmerz. Dieser ist aber eher gering – etwa so, wie wenn man sich unbeabsichtigt in den Finger schneidet.

Es gibt nur wenige Vorerkrankungen, die gegen eine Operation des Karpaltunnelsyndroms sprechen. Diese müssen selbstverständlich im Vorfeld vom Narkosearzt entsprechend abgeklärt werden. Generell ist bei gutem Allgemeinzustand keine Sorge angebracht, natürlich ist aber jede – auch die kleinste – Operation mit einem gewissen Minimalrisiko behaftet.

Herr Dr. Ganser, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

 

aus ORTHOpress 04|2002

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