Das Karpaltunnelsyndrom

Überall dort, wo Nerven durch Körperengen hindurch müssen, kann es zu Reizungen kommen, wenn der zur Verfügung stehende Platz für den durchtretenden Nerv nicht ausreicht. Der häufigste Engpass für einen Nerven befindet sich am Handgelenk, in Form des so genannten Karpaltunnels. Er wird durch die Handwurzelknochen und ein überdachendes Band (Retinaculum flexorum) gebildet. Durch ihn verläuft der mittlere große Armnerv (Nervus medianus), gemeinsam mit den Beugesehnen. Frauen im mittleren und höheren Lebensalter sind besonders häufig betroffen, wobei die Ursache nicht immer fassbar ist. Nicht selten liegt eine beidseitige Stenose vor.

Begünstigend für diese Erkrankung sind alle Umstände, die den Nerven bei seinem Durchtritt einengen könnten. Hierzu zählen Schwellungen durch körperliche Überlastung, Sehnenscheidenentzündungen, rheumatische Erkrankungen sowie Stoffwechselerkrankungen, wie Diabetes mellitus, Gicht oder Schilddrüsenfunktionsstörungen. Auch hormonelle Veränderungen in der Schwangerschaft oder Fehlstellungen nach Handgelenksbrüchen können den Nerven komprimieren.

„Die durch die Nerveinengung hervorgerufenen Beschwerden sind oft sehr typisch“, erläutert der Berliner Orthopäde Dr. Andreas Karl. „Die Patienten wachen am Morgen oder in der Nacht mit einer eingeschlafenen Hand auf. Sie berichten häufig über ein unangenehmes Kribbeln in den Fingern. Tagsüber werden die Beschwerden bei bestimmten Tätigkeiten wie Nähen oder Autofahren ausgelöst.“

Die Patienten versuchen durch Ausschütteln der Finger die Missempfindungen zu lindern. In einigen Fällen besteht eine Schmerzausbreitung bis in den Ellenbogen oder die Schulter. Hat der Arzt auf Grund der Beschwerdeschilderung des Patienten den Verdacht auf ein Karpaltunnelsyndrom, so lässt sich dieser durch eine gezielte Diagnostik schnell sichern. Für Dr. Karl sind hier insbesondere die klinischen Zeichen wegweisend: „Da der Nervus medianus die ersten drei Finger der Hand versorgt, werden bei einer Kompression eben an diesen Fingern Störungen der Empfindung oder im fortgeschrittenen Krankheitsfall auch Abschwächungen der Muskelkraft auftreten. Dies kann dazu führen, dass der Daumenballen sich abflacht (atrophiert). Typische Missempfindungen können vom Arzt oft durch Beklopfen (Tintel-Zeichen) oder Druck auf das Retinaculum flexorum ausgelöst werden.“

Da der Medianusnerv auch in anderen Bereichen des Armes eingeengt werden kann und ein Bandscheibenvorfall im Halsbereich zum Teil ähnliche Beschwerden macht, sollte die Diagnose insbesondere vor einer operativen Therapie durch die Messung der Nervenleitgeschwindigkeit gesichert werden. Diese ist beim Karpaltunnelsyndrom in Höhe des eingeengten Nerven deutlich messbar verlangsamt.

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Vor der Therapie des Karpaltunnelsyndroms legt Dr. Karl großen Wert darauf, dass zunächst die Ursache abgeklärt worden ist. Liegt beispielsweise eine schwangerschaftsbedingte hormonelle Umstellung zu Grunde, so kann erwartet werden, dass die Symptomatik nach Beendigung der Schwangerschaft spontan abklingt. Sind Stoffwechselstörungen die Ursache für die Volumenzunahme im Karpaltunnel, so müssen diese vorrangig behandelt werden. Hierbei unterstützend ist, wie auch in Fällen von vorübergehender körperlicher Überlastung des Handgelenks, die entlastende Lagerung auf einer Schiene. Zusätzlich können Eiskompressen und Salbenverbände abschwellend wirken, ebenso die so genannten nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR). Eine Kortison-Injektion in den Karpalkanal bringt meist schnelle, jedoch teilweise nur kurzfristige Linderung. Sie sollte jedoch nur von einem geübten Arzt vorgenommen werden, da bei falscher Technik das Risiko einer Nervenverletzung besteht.

Führen die konservativen Therapiemaßnahmen zu keiner ausreichenden oder nur kurzfristigen Besserung, so ist die operative Entlastung des Nerven angezeigt. Es ließen sich hierdurch sehr gute Langzeitergebnisse erzielen. Die Operation kann offen oder en­doskopisch erfolgen. Dr. Karl bevorzugt wie viele Handchirurgen die offene Operationstechnik mit kurzer Schnittführung in der Hohlhand. Dabei ist es möglich, unter Sicht das einengende Band (Retinaculum flexorum) quer zu durchtrennen und den Medianusnerven mit seinen Abgängen zu inspizieren. Die endoskopische Operationstechnik, die bei vielen Gelenkeingriffen einen erheblichen Fortschritt mit sich gebracht hat, hat sich bei diesem handchirurgischen Eingriff nicht in gleicher Weise durchsetzen können. Die erhofften Vorteile für den Patienten, in Form von kleineren Narben und schnellerer Wiederherstellung der Gebrauchsfähigkeit der Hand, unterscheiden sich bei der endoskopischen Technik nur unwesentlich von der offenen Methode mit kurzer Schnittführung. Auf der anderen Seite birgt das endoskopische Vorgehen die nicht zu unterschätzenden Risiken einer Nervenschädigung oder unvollständigen Durchtrennung des Karpaldaches (Retinaculum flexorum).

Dr. Karl führt den Eingriff ambulant unter Betäubung des betroffenen Armes (intravenöse Anästhesie) und Blutleere durch. Die Patienten erlebten diesen kurzen Eingriff (ca. 15 Minuten) schmerzfrei und nähmen oft interessiert am Operationsablauf teil. „Nach der Operation“, so Dr. Karl abschließend, „tritt häufig eine sofortige Schmerzfreiheit ein. Die Patienten können nachts wieder durchschlafen. Sofern bereits Muskelverschmächtigungen oder Gefühlsstörungen der Finger bestanden hatten, benötigen diese jedoch eine längere Erholungszeit. Die operierte Hand bleibt nach der Operation bis zur Wundheilung auf einer Schiene gelagert. Schwere handwerkliche Belastungen sollten für ca. sechs bis acht Wochen vermieden werden. Die Operationsnarbe ist nach vollständiger Abheilung kaum noch erkennbar.“

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 3 | 2001

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

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