Drum prüfe, wer sich ewig bindet …

Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Langzeitwirkungen von Sprunggelenksbandagen

Wenn Sportler sich etwas ans Bein binden, dann haben sie in der Regel eine funktionelle Sprunggelenkinstabilität. Diese wird meist verursacht durch eine Verletzung der sehnenähnlichen Bänder aus Bindegewebe, die insbesondere in diesem Gelenk für eine Verbindung der beweglichen Teile des Knochensystems Sorge tragen und also für die Beweglichkeit, die Gelenkfunktion im engeren Sinne, wie für die Stabilität des Gelenkes verantwortlich sind. Die ligamentäre (von ligamentum = Band) Verletzung des Sprunggelenkes zählt nach wie vor zur häufigsten in Sport und Freizeit überhaupt. Problematisch vor allem, weil eine Traumatisierung in diesem Bereich oft zu chronischen Problemen führt.

Deshalb sind gerade in diesem Bereich umfangreiche wissenschaftliche Bemühungen über die Akutverletzung hinausgehend zu verzeichnen, deren Ziel es ist, geeignete Maßnahmen der Vorbeugung und Nachbehandlung zu eruieren.

Früher wurde die Wirkung von Sprunggelenks-Orthesen, als externen Stabilisierungshilfen, nur auf mechanischer Basis betrachtet. Dann erkannte man, dass für Funktion und Stabilität des oberen Sprunggelenkes vor allem sog. propriozeptive und koordinative Fähigkeiten verantwortlich sind, für deren Bestimmung nicht allein mechanische, sondern neurophysiologische Zusammenhänge von Bedeutung sind. Verletzungen des Kapsel- und Bandapparates, so nimmt man an, würden diese Propriozeptivität, die aus dem eigenen Körper (z.B. aus Muskeln, Sehnen, Gelenken) vermittelten Wahrnehmungen, beeinträchtigen, denn die geschädigten Rezeptoren stören auch die sog. Afferenz, also die über die Nervenfasern von der Peripherie hin zum Zentralnervensystem führenden Impulse und Informationen. So wurde etwa in verschiedenen Untersuchungen nachgewiesen, dass bei verletzten Sprunggelenken die Standsicherheit (im Einbein-Stand) vermindert und der Stellungssinn beeinträchtigt sei. Hinzu kommt, dass je größer das Bewegungsausmaß ist, etwa bei zunehmendem Anziehen der Fußsohle (Plantarflexionsgrad), umso größer auch die fehlerhafte Gelenkstellung (sog. Winkelreproduktion) werde. Bei Bewegungs- bzw. Stellungsänderungen sei hier zudem die Reflexantwort der Peroneusmuskeln bzw. des M. peronaeus longus verzögert. Andere Tests wiederum haben ergeben, dass die Ergebnisse zur Winkelreproduktion, zum Einbeinstand und Einbeinsprung nicht miteinander übereinstimmen, d.h dass ein und derselbe Patient völlig unterschiedliche propriozeptive Qualitäten aufweisen kann und diese also differenziert behandelt werden müssten. Wieder andere Autoren haben kein derartiges Defizit festgestellt, insofern der Bewegungssinn (aktiver Stellungssinn) von einer anästhetischen Blockade der Rezeptoren des lateralen Bandapparates unbeeinflusst blieb, und gefolgert, dass eine fehlende Afferenz durch Informationen der Rezeptoren in der Unterschenkelmuskulatur ersetzt werden kann. Einig sind sich alle Autoren jedenfalls darin, dass ein vorliegendes propriozeptives Defizit, das traumatisch bedingt ist, auch zur funktionellen Instabilität von Sprunggelenken führen kann und dass zwar auch andere Rezeptoren (der Haut und Muskeln) Informationen über Gelenkstellung und -bewegung liefern, die ausgefallenen Gelenkrezeptoren aber nicht vollständig ersetzen können.

Verschiedenste Untersuchungen sprechen – im Sinne verbesserter propriozeptiver Rückkoppelungsmechanismen – insgesamt für eine neurophysiologisch günstige Beeinflussung durch Orthesen, insbesondere bei Patienten mit instabilen Sprunggelenken. Zwar ist man sich also offenbar darüber einig, dass Bandagen bei Verletzungen wieder „auf die Sprünge helfen“, da aber hier vor allem auch der Prophylaxe eine große Bedeutung zugemessen wird, steht im Brennpunkt der Forschungsdiskussion die Frage nach eventuellen Negativeffekten von Stabilisierungshilfen bei (noch) gesunden Sportlern. Verständlich, denn für Athleten und Trainer stellt sich im Sinne einer Nutzen-Risiko-Abwägung immer das Problem, u.U. eine Einbuße an sportlicher Leistungsfähigkeit in Kauf zu nehmen.

In einer Studie der Klinik und Poliklinik für Allgemeine Orthopädie der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster (Jerosch/Schoppe) nun ging es darum, die langfristigen Auswirkungen von elastischen Sprunggelenksbandagen auf die sensomotorischen und sportspezifischen Fähigkeiten sowie die subjektive Lebensqualität und das Empfinden der Träger zu untersuchen. Hierbei wurden 21 Probanden mit funktionellen Sprunggelenkinstabilitäten, die alle sportlich aktiv waren, über einen Zeitraum von drei Monaten getestet. Die Tests wurden zu unterschiedlichen Zeitpunkten, zu Beginn, nach drei Wochen, nach sechs Wochen und schließlich nach drei Monaten durchgeführt und entsprechend statistisch ausgewertet.

Zu Beginn füllten die Probanden den sog. Weber-Sprunggelenkscore, der Aufschluss über die Situation des verletzten Sprunggelenkes gibt, sowie SF-36 (Short-Form 36) aus, ein standardisierter Gesundheitsfragebogen, mit dem es möglich ist, den Gesundheitszustand des Patienten aus seiner eigenen Sicht, d.h. seine Lebensqualität, zu dokumentieren. Auch am Ende kamen die Probanden wieder „zu Wort“, und zwar mit Hilfe eines Fragebogens, in dem die subjektive Bandagenbeurteilung erhoben wurde.

Den jeweiligen Testverfahren, denen ein standardisiertes Aufwärmprogramm mittels Fahrradergometer vorausging, lag eine Eingangsuntersuchung (Anamnese, Größen-, Gewicht- und Umfangsmessung, Sprunggelenksuntersuchung) zu Grunde.

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Beim Lauftest absolvierten die Probanden jeweils mit und ohne Bandage eine Strecke von 8 Metern hin und zurück mit Side-steps. In allen Testreihen wurde mit der Bandage eine bessere Zeit erzielt, so dass von einer positiven Einflussnahme der hierbei relevanten sportspezifischen Fähigkeiten auszugehen ist.

Im Winkelreproduktionstest wurde mit Hilfe des isokinetischen Test- und Trainingsgerätes Cybex 6000 der aktive Gelenkstellungssinn der Probanden, also ihre propriozeptive Leistungsfähigkeit, getestet. In Bauchlage auf dem Untersuchungssitz dieses Gerätes, mit gestreckten Beinen und fixierter Hüfte, mussten die Probanden jeweils mit und ohne Bandage auf der verletzten Seite und ohne Bandage auf der gesunden Seite drei vorgegebene Gelenkstellungen (30° Plantarflexion, 0° Neutralposition, 10° Extension) nachstellen. Gemessen wurde die Abweichung von der vorgegebenen Gradzahl mit folgenden interessanten Ergebnissen: Die Gelenkstellung bei gestrecktem Fußrücken (Dorsalextension) wird mit Bandage erheblich genauer eingenommen. Auch die vorgegebe Stellung beim Anziehen der Fußsohle (Plantarflexion) gelingt hier gegenüber der ohne Bandage besser. Von Bedeutung für den präventiven Einsatz aber ist vor allem, dass zwischen dem gesunden Sprunggelenk und der verletzten Seite ohne Bandage keine relevanten Unterschiede beobachtet wurden, demgegenüber aber die Winkelreproduktion in der Plantarflexion und teils auch in der Dorsalextension zu Gunsten der Bandagenseite ausfällt, obwohl es sich hier um die verletzte Seite handelt!

Im sog. KAT-2000-Test wurde der „Gleichgewichtssinn“ der Probanden bzw. die Stabilisierungsfähigkeit im Sprunggelenk überprüft. Mit Hilfe eines speziellen Messgerätes (Kinestetic Ability Trainer KAT-2000) wurden ein statischer und ein dynamischer Balanceindex ermittelt. Die Probanden mussten hierbei zum einen unter optischer Kontrolle die runde, instabile Plattform des Gerätes, deren Bewegungsausmaß in Relation zu ihrem Zentrum digital gemessen wird, in Neutrallage halten (statisch), zum anderen einen auf dem Bildschirm kreisenden Punkt mit dem durch die Plattform bewegbaren Positionskreuz verfolgen, und zwar in verschiedenen Testreihen: mit und ohne Bandage beidbeinig dynamisch, mit und ohne Bandage einbeinig statisch und einmal mit der gesunden Seite einbeinig statisch. Ohne Bandage waren auch hier jeweils schlechtere Ergebnisse zu verzeichnen. Beim beidbeinig statisch durchgeführten Test zeigte sich, dass die unverletzte Seite offenbar für einen gewissen Ausgleich sorgt, dass aber hinsichtlich der dynamischen Anforderungen mit angelegter Bandage weit bessere Ergebnisse erzielt wurden.

Im isokinetischen Krafttest wurden schließlich, wiederum am Cybex 6000, mit Hilfe unterschiedlicher Winkelgeschwindigkeiten die Maximalkraft (50°/s) und Schnellkraft (100°/s) beider Sprunggelenke, jeweils ohne Bandage, gemessen. Bei diesen Testergebnissen ging es nicht um einen Vergleich von verletzter und gesunder Seite, sondern darum, unmittelbar Aufschluss über die längerfristige Bandagenanwendung zu gewinnen. Bei der Gegenüberstellung der Eingangs- und Ausgangsuntersuchung ergaben sich keinerlei Einbußen der anhand der Winkelgeschwindigkeit von Plantarflexion und Dorsalextension getesteten Maximal- und Schnellkraft. Das mit dem Cybex 6000 überprüfte aktive Bewegungsausmaß der Probanden hatte während der dreimonatigen Bandagenapplikation ebenfalls keine Beeinträchtigung erfahren. Auf gleiche Weise konnte dies auch für den beim Lauftest ermittelten Gewinn an Schnelligkeit bestätigt werden.

Im Unterschied zum SF-36-Score hatte sich am Studienende der Weber-Sprunggelenkscore, also die Situtation des bei den meisten Probanden chronisch instabilen Sprunggelenkzustandes, entscheidend verbessert. Die subjektive Beurteilung der Bandage zeigte anhand der bisher rückläufigen Fragebögen insgesamt eine sehr positive Einschätzung hinsichtlich Rutschfestigkeit (62,5% rutscht nicht, 37,5% rutscht wenig), Hautfreundlichkeit (75% sehr gut, 25% gut), Wärmeentwicklung (100% angenehm), Faltenbildung (60% keine, 40% gering), Geruchsbildung (60% nein), optischem Eindruck (68,75% sehr gut, 31,25% gut), sportlicher Aktivität mit Bandage (100%), Sporttauglichkeit (50% sehr gut, 50% gut), Zufriedenheit mit medizinischer Wirkung (25% sehr gut, 75% gut) und Weiterempfehlung (100%).

Bereits in verschiedenen anderen Untersuchungen wurde eine auf die Orthesen zurückzuführende neurophysiologische Beeinflussung, d.h. positive Stimulierung von Propriozeptoren, aufgezeigt. In der vorliegenden Studie ließen sich positive sensomotorische Effekte nun auch im Langzeitverlauf nachweisen und zudem war hier jedenfalls kein Leistungsverlust zu beobachten. Vom prophylaktischen Nutzen her gesehen, ist das vorsorgliche Tragen einer Sprunggelenksbandage also durchaus empfehlenswert – um weiter auf den Beinen zu sein.

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 3 | 2000
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

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