Das Lymphsystem

VonUlrike Pickert

Das Lymphsystem

Reinigung und Immunabwehr unseres Körpers

Welche Aufgabe das Lymphsystem in unserem Körper hat, ist auch medizinisch Interessierten oft nicht klar. Zwar kennen viele den Begriff der „Lymphdrainage“ aus der Krankengymnastik und wissen, dass bei Infektionskrankheiten die Lymphknoten anschwellen – aber was genau verbirgt sich hinter diesem Regelungskreislauf?

Das Lymphsystem ist in erster Linie ein wichtiger Teil unserer Versorgung mit lebenswichtigen Nährstoffen. Nährstoffe wie Salze, Enzyme oder auch Vitamine diffundieren durch die Wände der feinsten Verästelungen der Blutgefäße – der Blutkapillaren – in die wässrige Lösung des umgebenden Bindegewebes. Hier, im sogenannten „Interstitium“, liegt der Ursprung des Lymphsystems, welches wie der Blutkreislauf seinerseits aus einem Netz von Gefäßen besteht. 

Abtransport von Stoffwechselprodukten und Giftstoffen

Die Lymphgefäße versorgen aber nicht nur die Zellen, sie übernehmen auch die Entsorgung der Abfallstoffe, die aus verschiedensten Gründen nicht über die Blutkapillaren ausgeschieden werden können. Zu diesen Stoffen zählen beispielsweise Eiweißmoleküle und Zellreste, aber auch Fettmoleküle, die zu groß sind, um wieder den Blutkreislauf zu passieren. Diese Stoffe sammeln sich im Zwischenzellraum an, sodass dort der Druck ansteigt, woraufhin sich die feinen Lymphgefäße öffnen, um sie aufzunehmen. Diese kleinen Kapillaren führen über größere Lymphgefäße letztendlich zu den Hauptlymphstämmen, die oberhalb der Schlüsselbeine im sogenannten „Venenwinkel“ in die obere Hohlvene münden. Dies macht bereits deutlich, dass der Abtransport der Lymphflüssigkeit nach oben, also gegen die Schwerkraft, erfolgen muss. Möglich machen diesen Pumpvorgang die Lymphherzen, bestimmte Bereiche in den Lymphgefäßen, die sich zusammenziehen und dadurch die Lymphe weitertransportieren. Ein Rückfluss wird – ähnlich wie bei den Venen – durch Klappen verhindert.

Lymphknoten und Antikörper

Dort, wo die Lymphbahnen zusammenfließen, liegen die Lymphknoten. Sie sind unterschiedlich groß und filtern die Lymphe – d. h. sie reinigen sie von Zelltrümmern, Fremdkörpern und Krankheitserregern. Dabei spielen neben Fress- und Killerzellen die Lymphozyten eine wichtige Rolle. Die im Knochenmark gebildeten B-Lymphozyten produzieren bei Kontakt mit fremden Stoffen Antikörper, die sich spezifisch gegen diese Stoffe richten und sie binden. Auch die T-Lymphozyten werden im Knochenmark gebildet, reifen aber erst in der Thymusdrüse aus. Ihre Aufgabe ist die Zerstörung der Eindringlinge. Über die Lymphe werden diese Zellen im ganzen Körper verteilt, sodass sie innerhalb kürzester Zeit an ihren Einsatzort gelangen können. Dort, wo gerade besonders viele Lymphozyten benötigt werden, schwellen die Lymphknoten tastbar an – so wie wir dies von einem Infekt kennen.

Wird der Abfluss behindert, kommt es zum Lymphödem

Ist aus irgendeinem Grund der Abfluss der Lymphe behindert, so kommt es zu einem Flüssigkeitsstau, dem „Lymph-ödem“. Das Gewebe wirkt durch die vermehrte Wasseransammlung dann dick und aufgeschwemmt. Meistens findet sich ein Lymphödem an den Ex-tremitäten, aber auch an Kopf, Hals und Leiste. Dabei unterscheidet man primäre und sekundäre Lymphödeme. Beim primären Lymphödem liegt die Ursache der Stauung in den Lymphgefäßen oder Lymphknoten selbst begründet, die meist von Geburt an zu klein oder nicht ausgebildet sind. Darüber hinaus können auch Verwachsungen des Bindegewebes zu primären Lymphödemen führen. Sekundäre Lymphödeme sind in der Regel die Folge einer Infektion, einer Krebserkrankung oder einer Thrombose. Besonders schwere Verläufe sind auch bei parasitären Erkrankungen, wie z. B. der durch tropische Süßwasseregel hervorgerufenen Bilharziose, bekannt. Lymphödeme sollten immer behandelt werden, denn der Flüssigkeitsstau schädigt das Gewebe durch den erhöhten Druck und behindert die Ernährung der Zellen und den Abtransport von Stoffwechselprodukten. esonders aber leidet unter einem Lymphstau die Immunabwehr: So können die Immunzellen sich nicht mehr frei in den Lymphbahnen bewegen, und auch die Filterfunktion der Lymphknoten ist gestört. Die Folge können zunächst lokale Hauterscheinungen wie Entzündungen und Wundrosen sein, später auch Fibrosen im betroffenen Gewebe oder auch systemische Erkrankungen durch den schlechten Stoffaustausch. 

Den Lymphstau schnell beheben

Ist es zu einem Lymphstau gekommen, so sollte dieser so schnell wie möglich behoben werden. Dazu stehen verschiedene Methoden zur Verfügung, die entweder einzeln oder in Kombination angewandt werden können. Die erste Maßnahme ist üblicherweise die manuelle Lymphdrainage, ein massageartiges Ausstreichen des Gewebes, mit welchem der Flüssigkeitstransport unterstützt und das Gewebe entlastet wird. Die in den 1930er-Jahren entwickelte manuelle Lymphdrainage besteht aus rhythmischen, kreis- und spiralförmig ausgeführten Griffen, welche den Lymphbahnen folgen. Als wohltuend empfinden sie insbesondere Tumorpatienten, bei denen im Rahmen der Diagnostik oder Therapie Lymphknoten entfernt wurden, wodurch häufig eine andauernde Störung des Lymphabflusses besteht. Als weitere Maßnahme kann eine Kompressionstherapie (etwa durch entsprechende Strümpfe oder Bandagen) erfolgen, welche durch ständigen Druck von außen den Transport der Lymphe zusätzlich fördert. Eine weitere Möglichkeit, den Gewebsstoffwechsel zu verbessern, ist der Einsatz der Magnetfeld-therapie. Durch die Verbesserung der Mikrozirkulation und den erhöhten Sauerstoffpartialdruck in den Gefäßen kann sie auch einen positiven Einfluss auf das Lymphsystem ausüben. 

Lymphgefäßtransplantation

Manchmal ist es jedoch nicht möglich, eine wirksame Entstauung durchzuführen. Dies betrifft insbesondere solche Fälle, bei denen einer Operation größere Teile der Lymphbahnen zum Opfer gefallen sind. In bestimmten Fällen gibt es hier die Möglichkeit, den Abfluss durch eine mikrochirurgische Verpflanzung von Lymphgefäßen wiederherzustellen. Häufige Anwendung dieser Technik ist die Rekonstruktion der Lymphbahn in der Achselhöhle, wenn – etwa bei einer Brustkrebs-Operation – die Achseldrüse weiträumig reseziert wurde. Voraussetzung für den Eingriff ist allerdings das Vorhandensein geeigneter Lymphbahnen an der Innenseite des Oberschenkels, die als Spenderimplantate herangezogen werden können. Die Erfolgsquote des Eingriffs ist dann mit rund 80 Prozent sehr hoch, d. h. es erfolgt ein für den Lymphabfluss dauerhaft ausreichender Anschluss an die bestehenden Lymphgefäße des Halses und des Oberarms. 

Unsere Lymphorgane

Neben den Lymphknoten und Lymphgefäßen besteht das Lymphsystem aus den lymphatischen Organen. Primäre lymphatische Organe sind das Knochenmark und die Thymusdrüse, in denen die Lymphozyten gebildet werden. Sekundäre lymphatische Organe sind neben den Lymphknoten die Milz, der lymphatische Rachenring mit Gaumen-, Zungen- und Rachenmandeln und das lymphatische Gewebe des Darms, die sogenannten Peyer-Plaques. Diese sitzen hauptsächlich im Dünndarm und im Blinddarmfortsatz. Da ein Großteil der Krankheitserreger über die Magen-Darm-Passage in den Körper gelangt, sind sie für die Immunabwehr besonders wichtig. 

von Arne Wondracek

aus ORTHOpress 3/16

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