Wenn sich die Schmerzen „steif und fest behaupten“

Die Behandlung der Schultersteife

Der Krankheitsverlauf und die Behandlung des eingesteiften Schultergelenks sind in der Regel langwierig und erfordern auch viel Motivation von den Patienten. Doch: In den allermeisten Fällen kann mit Hilfe der heute zur Verfügung stehenden Behandlungsmaßnahmen viel gegen die schmerzhafte Erkrankung getan werden. Der Kölner Orthopäde Dr. Stefan Preis gibt in unserer heutigen Folge der Schultersprechstunde Auskunft zu den Ursachen, zur Diagnose, Therapie und Nachbehandlung der Schultersteife, der „frozen shoulder“.

Herr Dr. Preis, was bewirkt, dass die Schulter einsteift?

Vereinfacht gesprochen gibt es hierfür drei Ursachen. Die bei weitem häufigste Form ist die schicksalhaft auftretende Schultersteife, die sog. Capsulitis adhaesiva. Es kommt hier ohne äußere Ursache, sozusagen aus dem Nichts, im Rahmen von entzündlichen Prozessen zu Verklebungen und Verwachsungen der Gelenkkapsel, was zu einer Einschränkung der Bewegungsfreiheit führt. Statistisch gesehen tritt diese Erkrankung vor allem beim Erwachsenen im mittleren Lebensalter auf. Eine andere Ursache für die Schultereinsteifung ist die schmerzhafte Schulter: Bewegt ein Patient etwa nach einem Unfall auf Grund von Schmerzen die Schulter längere Zeit nicht, führt dies zu einer Schrumpfung der Gelenkkapsel und der umgebenden Bänder. Folge ist die Einbuße an Bewegungsmöglichkeiten. Eine dritte, jedoch seltene Ursache kann die Arthrose des Schultergelenkes sein. Knochenwülste, die sich im Verlauf des Gelenkverschleißes bilden, stoßen bei Bewegung gegeneinander und schränken diese ein.

Wie äußert sich die Capsulitis adhaesiva als häufigste Form im Einzelnen?

Anfangs, während der etwa sechsmonatigen Entzündungsphase sind vorwiegend Ruheschmerzen, also nächtlicher Schmerz, charakteristisch. Daran anschließend kommt es zu einer zunehmenden Einsteifung, wobei insbesondere die Außendrehbeweglichkeit der Schulter stark eingeschränkt ist. In diesem zweiten Stadium lassen die Schmerzen in aller Regel etwas nach. Theoretisch kann die Krankheit schließlich wieder von selbst verschwinden. Doch kaum ein Patient toleriert so ohne Weiteres die lange Erkrankungsdauer, die zwischen 18 und 24 Monaten beträgt. Vor allem nicht eine extreme Verlaufsform, bei welcher die Patienten heftigen Beschwerden und massiven Einschränkungen ausgesetzt sind.

Wie wird die Erkrankung diagnostiziert?

Sehr wichtig sind hier die detaillierte Krankengeschichte und exakte Untersuchung des Patienten. Sie liefern bereits entscheidende Hinweise. Apparative Untersuchungen wie Ultraschall und ggf. Röntgen oder Kernspintomographie dienen aber zudem dazu, andere Ursachen bzw. Krankheiten auszuschließen.

Wie wird die Schultersteife behandelt?

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Die Behandlung richtet sich nach der Ursache und dem Ausmaß der Bewegungseinschränkung, d.h. letztendlich nach der Beeinträchtigung der Lebensqualität des Patienten. In jedem Fall gilt es eine drohende Schultereinsteifung möglichst früh zu diagnostizieren, um ggf. vorbeugende Maßnahmen ergreifen zu können oder eine zunehmende Bewegungseinschränkung zu verhindern. Dies ist in jedem Falle günstiger, als eine völlig eingesteifte Schulter mobil machen zu müssen. Bei allen Formen der Schultersteife liegt der Schwerpunkt auf der krankengymnastischen Behandlung. Der Arzt sollte nach Möglichkeit mit dem Krankengymnasten die Ursache der Einsteifung und das Konzept der Behandlung besprechen. Unterstützt werden die Therapiebemühungen u.U. durch physikalische Maßnahmen wie Elektrotherapie oder Kältebehandlung. Eine ggf. notwendige medikamentöse Therapie mit Salben, evtl. Tabletten oder Spritzen richtet sich nach der Ursache der Erkrankung. Sie ist beispielsweise bei der Capsulitis adhaesiva in erster Linie entzündungshemmend ausgerichtet.

Und wenn die Schulter trotz aller Therapiebemühungen steif und schmerzhaft bleibt?

In vielen Fällen ist es möglich durch eine arthroskopische Operation die Ursache der Einsteifung zu behandeln. Bei diesem sehr schonenden Operationsverfahren („minimal invasiv“) wird mittels einer in die Schulter eingebrachten Optik die Schulter untersucht. Über einen zweiten, ca. 3 mm kleinen Zugang können dann gezielt feins­te Instrumente in die Schulter eingebracht werden. Unter Sicht werden dann die vorhandenen Verklebungen und Verwachsungen gelöst und es wird, falls erforderlich, die geschrumpfte Gelenkkapsel erweitert. Die früher häufig praktizierte sog. „Narkosemobilisation“, wo in Vollnarkose die Schulter des Patienten gewaltsam mobil gemacht wurde, sollte heute nicht mehr routinemäßig angewandt werden.

Wie sieht die Nachbehandlung aus?

Alles kommt hier auf eine Direktmobilisation an. Sie ist nicht Anhängsel, sondern sozusagen selbst Bestandteil auch der operativen Therapie. Die intensiven Übungen wie die krankengymnastischen und physikalischen Maßnahmen überhaupt finden hier – nach dem Eingriff – natürlich auf einem erheblich verbesserten Level statt.

Herr Dr. Preis, vielen Dank auch für unsere heutige „Sprechstunde“!

von Manon Leistner

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 4 | 2000
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

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