Warum Bewegung heute in den Kinderschuhen stecken bleibt …

Schreiend, brüllend stürmen sie in die Sporthalle. Ausgelassen und mit feuerroten Wangen rennen sie von einer Hallenwand zur anderen – es macht Freude, diesen 23 Kindern der Grundschule in Mettmann beim Aufwärmtraining ihres Sportunterrichts zuzuschauen. Der Spaß an der freien Bewegung ist den Schülerinnen und Schülern der 3. Klasse anzusehen. Denn gerade diese körperliche Ertüchtigung haben sie oft bitter nötig. 

„In der heutigen Zeit kommt die Bewegung im Alltag der Kinder zu kurz“, erklärt Nicole Beaugrand, die verantwortliche Sportlehrerin. 

Das Leben der Kinder in unserem modernen Zeitalter hat sich nämlich verändert: Waren Ballspiele und das Balancieren auf Baumstämmen noch die gängigen Spielarten, die unsere Eltern und Großeltern draußen im Grünen praktizierten, üben Kinder diese Spielformen in unserer Zeit nur noch selten aus. Heute sitzen die Kleinen lieber vor Computern und Fernsehern. Denn in der Zeit hochmoderner Technik sind Internet und Computerspiele „in“, Bewegung in freier Natur ist eher „out“.

Daraus entstehen bei Kindern jedoch eine Reihe von Problemen, vor allem wenn es um die Gesundheit geht. So können Ärzte heute insbesondere eine Zunahme des Krankheitsbildes „Skoliose“ beobachten. Damit ist eine Ausbiegung der Wirbelsäule gemeint, die durch Muskelschwäche entsteht. „Da die Kinder heute zu lange sitzen und sich meist nur einseitig bewegen, ist Skoliose vor allem bei Kindern vermehrt zu verzeichnen“, erklärt dazu der Orthopäde Dr. Ulrich Köster. „Und“, so sagt er weiter, „am häufigsten tritt sie in der Pubertät auf“. 

Aber nicht nur zu wenig Bewegung ist als Ursache für Fehlbildungen zu nennen. Vor allem falsche Bewegungen, die durch ein modernes, jedoch ungesundes „Outfit“ ausgelöst werden, hinterlassen „Spuren“. So sind Senk- und Spreizfüße, Schmerzen in Füßen und Beinen die Folgen, wenn nicht das richtige Schuhwerk getragen wird. Die von weiblichen Teenagern so beliebten Plateauschuhe sind vielleicht schick, gesund jedenfalls nicht. Durch die hohen Absätze kann der Fuß hier nicht mehr abrollen. Darüber hinaus befindet sich in den meisten Schuhen kein Fußbett. Auf diese Weise werden die Füße nicht mehr gleichmäßig belastet. Haltungsschäden und Rückenschmerzen sind das Resultat.

Das lange Sitzen zu Hause vor Computern und Fernsehern hat auch dazu geführt, dass Kinder bestimmte Bewegungsabläufe nicht mehr ausüben können. „Die Kinder haben heute sehr oft ein großes Problem, beim Balancieren das Gleichgewicht zu halten“, erklärt Nicole Beaugrand, die 29-jährige Sportlehrerin aus ihrer Erfahrung mit den Grundschülern. Damit werden außerdem die Möglichkeiten eingeschränkt, solche Sportarten zu betreiben, bei denen es vor allem auf den Gleichgewichtssinn ankommt – wie z.B. das Fahrradfahren. Auch Probleme beim einfachen Werfen von Bällen seien oft zu beobachten. Eine extreme Erfahrung hatte die junge Lehrerin mit Schülerinnen und Schülern der 1. Klasse. Hier gab es sogar einige „I-Dötzchen“, die nicht einmal mehr rückwärts gehen konnten. 

Zu wenig Bewegung, das beeinflusst nicht nur die physische Gesundheit. Auch die Gesamtentwicklung der Kinder – sowohl aus sozialpsychologischer als auch aus pädagogischer Sicht – kann durch unausgewogene körperliche Bewegung beeinträchtigt werden. So gibt es beispielsweise Forschungen, die einen Zusammenhang zwischen mangelnder Bewegung und schlechten schulischen Leistungen nachweisen. Denn: „Tatsache ist, dass die Leistungen der Kinder im Unterricht in der Vergangenheit immer schlechter geworden sind“, erklärt Ulrike Micklitz, Lehrerin und Beauftragte für den Schulsport des Kreises Mettmann dazu. Mit dem Projekt „Bewegte Schule“, das vom Regierungsbezirk Düsseldorf eingeführt wurde, sollen die Lehrkräfte jetzt deshalb mehr Bewegung in alle Bereiche des Unterrichts bringen. Denn nicht nur der Sportunterricht soll für die nötigen Leibesübungen sorgen, auch alle anderen Fächer müssen in Zukunft dem Bewegungsdrang der Kinder gerecht werden. Mit so genannten „Laufdiktaten“ während des Deutschunterrichts sollen die Kinder beispielsweise die Möglichkeit bekommen, sich häufiger vom eigenen Sitzplatz zu erheben. Hier müssen sich die Kinder nämlich Aufgabenstellung und Text an einem anderen Ort im Schulraum durchlesen und dann – wieder zurück an ihrem Sitzplatz – aufschreiben, was sie behalten haben.

Den heutigen Bedürfnissen der Kinder mehr gerecht zu werden, dafür sollen auch die neuen Lehrpläne für den Sportunterricht an den Grund- und weiterführenden Schulen sorgen. War in den früheren Lehrplänen der Unterricht im Fach Sport mehr leistungsorientiert, so geht es bei diesen neuen Richtlinien und Inhalten darum, die Interessen und Ideen der Schüler und Schülerinnen mehr zu berücksichtigen. Miteinander spielen lernen, Bewegungs- und Entspannungsräume entdecken, das sind die Schlagworte dieser Richtlinien. Durch Kinderspiele und das Spielen miteinander soll zum einen mehr Freude geweckt werden, zum anderen gilt es, die Fähigkeiten zu entwickeln, welche die Kinder für den späteren, eigentlichen Sportunterricht erst einmal als Voraussetzung brauchen. Wichtig ist auch, dass die Kinder für sich selbst Verantwortung übernehmen und lernen, eigene Ideen zu entwickeln und Bewegungen zu gestalten. „Denn oft wissen Kinder nicht einmal, wo und wie sie sich bewegen können“, erklärt Rolf-Peter Pack, Ministerialrat und Leiter des Schulsportreferates am Ministerium für Städtebau und Wohnen, Kultur und Sport des Landes Nord­rhein-Westfalen. Dieses Ministerium hatte die neuen Lehrpläne vor rund einem Jahr herausgegeben. 

Mit diesen neuen Richtlinien wurden auch Sportarten wie z.B. der Roll- und Bootssport neu in den Lehrplan aufgenommen. Sie sollen helfen, durch neue Bewegungsabläufe u.a. den Gleichgewichtssinn von Kindern wieder stärker zu entwickeln. Allerdings müssen Lehrerinnen und Lehrer, die solche Sportarten unterrichten wollen, sich erst einmal in speziellen Weiterbildungsseminaren kundig machen. Damit die Sicherheit der Kinder gewährleistet ist, werden hier vor allem Gefahren und Risiken dieser Sportarten aufgezeigt. Angeboten werden diese Weiterbildungsseminare von den jeweiligen Bezirksregierungen.

 

ORTHOpress 4 | 2000

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 4 | 2000

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.