„Vorbeugen statt Verbiegen“

Gesundheitsvorsorge am Beispiel der Kinderorthopädie

Die Kinderorthopädie hat in der Orthopädie einen sehr hohen Stellenwert – und sie ist mehr als die Orthopädie des kleinen Patienten. Sie beschäftigt sich mit Wachstum und Reifung, einem äußerst empfindlichen Zusammenspiel, bei dessen Störung lebenslange Einschränkungen die Folge sein können. Dementsprechend handelt es sich nicht einfach um „Kinderkrankheiten“, sondern um oftmals unterschätzte Ursachen von Arthrosen, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen des Erwachsenen. In diesem Sinne spielt die Kinderorthopädie auch bei der Prävention von zivilisationsbedingten Erkrankungen, z.B. Haltungsschwächen der Wirbelsäule, eine besondere Rolle. – Orthopress sprach mit den Orthopäden Steffen Zenta, Gregor Pfaff und Christian Jessel, die in ihren Münchner Praxen die Kinderorthopädie im Rahmen eines ganzheitlichen Gesundheitskonzeptes als Schwerpunkt ausüben.

Worin unterscheidet sich die Kinderorthopädie von der Orthopädie?

Durch die Fortschritte der Medizin kommt es in der Orthopädie zunehmend zur Bildung von Untergruppierungen, wie z.B. Sportorthopädie, Hüftchirurgie, Rehabilitation usw. Eine ganzheitliche Anschauung des Patienten wird zu Gunsten der Spezialisierung zunehmend vernachlässigt.
Die Kinderorthopädie dagegen verlangt von uns eine integrierende Untersuchungsweise. Am wachsenden Skelett begreifen wir den Zusammenhang von Form und Funktion als Voraussetzung für Beschwerde- und Schmerzfreiheit. Im Unterschied zu Erwachsenen führen z.B. Wirbelsäulenverkrümmungen, Bein­achsenfehler und Fußdeformierungen bei Kindern nicht zu Schmerzen, da beim heran­wach­senden Menschen noch keine Abnutzungserscheinungen eingetreten sind. Gerade zur Vermeidung von Abnutzung ist deswegen eine frühzeitige Behandlung von Fehlstatik und Gelenksfehlstellungen erforderlich.

Was können Eltern und Kinder von Ihrer kinderorthopädischen Spezialuntersuchung erwarten?

Über die übliche Säuglingsuntersuchung der Hüftgelenke, den allgemeinen orthopädischen Status und die Beachtung der physiologischen Beinachsen und Haltungsvarianten hinaus achten wir im besonderen Maße auf die Zusammenhänge zwischen ausgeprägten Knick-Senk-Spreizfußbildungen/Plattfüßen, Wirbelsäulenverkrümmungen und Kiefergelenks- und Zahnkontaktfehlstellungen.

Welche besonderen Erkenntnisse liegen dieser unkonventionellen bzw. wenig verbreiteten Anschauung zu Grunde?

Wenn man die Aufrichtung des Menschen, ob jung oder alt, als Muskel- und Koordinationsleistung betrachtet, so muss man erkennen, dass der Fußsohle als statisches und dynamisches Fundament des hoch aufgerichteten Körpers eine besondere Bedeutung zukommt. Eine Rückenverkrümmung und Wirbelsäulenfehlhaltung kann von einer schwachen Ausbildung der Fußgewölbe verursacht sein. Wenn die Fußstabilität geschwächt ist, kann die Aufrichtung nur in einer abgeschwächten, sprich fehlerhaften Form gelingen. Wenn die Fußgewölbe dagegen intakt sind, stützt sich der Körper im Wesentlichen auf drei Zonen am Fuß ab; dabei kann die Elastizität und Kraft der fußeigenen Muskulatur die Aufrichtung des Körpers bestens koordinieren und stabilisieren.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von den üblichen, für diese Zwecke verordneten Schuheinlagen?

Die bisherigen Schuheinlagen sind nach unseren Erkenntnissen in ihrer Gestaltung meistens hinderlich. Im Besonderen sind die meisten Schuh­einlagen zu hart, sie erlauben dem Fuß weder elastisch auf Druckbelastungen noch auf Biegebelastungen im physiologischen Abrollverhalten zu reagieren. Durch die passive Stützung der Fußgewölbe wird die Ausbildung einer kräftigen Fußmuskulatur verhindert. Dementsprechend geschwächt bleibt die auf dem geschwächten Fuß aufbauende Aufrichtung des gesamten Bewegungsapparates des Kindes. Diesen Effekt kann man u.a. durch dreidimensionale Wirbelsäulenvermessungen beweisen.

Welche Konsequenz ziehen Sie daraus und welche Form der Einlagenversorgung bevorzugen Sie?

Aus der ganzheitlichen Anschauung heraus ist uns die Bedeutung der Fußsohle als Basis der körperlichen Aufrichtung bei jungen und älteren Patienten deutlich geworden. Zum Beispiel ist die Auswirkung eines passiven Beinlängenausgleichs oder einer Einlagenversorgung nicht allein auf die Füße oder die Beinlänge selbst beschränkt. Vielmehr erreicht man über die Änderung der Statik am Fuß eine Beeinflussung des gesamten Haltungs- und Bewegungssystems. Aus diesem Grunde bevorzugen wir eine Aktivierung der körpereigenen Systeme, wie z.B. der Fußgewölbemuskulatur, der Nervenrezeptoren zur Steuerung von Bewegungsabläufen sowie der Drucksensoren der Fußsohle selbst. Bei diesem Konzept vermeiden wir, so weit wie möglich, passive Elemente, wie z.B. fixierende Gewölbestützen und Beinlängenausgleiche.

Verzichten Sie deswegen komplett auf Einlagenversorgung, bzw. welche Alternative zu herkömmlichen Einlagen gibt es?

Da es im Körper ein komplexes System von Muskelketten, motorischen und sensorischen Nervenrezeptoren etc. gibt, versuchen wir hier aktivierend am Fuß selbst anzusetzen. Voraussetzung dafür ist, dass durch eine komplexe Haltungs- und Ganganalyse, einschließlich Gleichgewichtstest, Tes­tung der Muskelfunktion der Füße, Augen und Kiefergelenke, ein energetischer orthopädischer Ganzkörperstatus erstellt wird. Daraufhin lässt sich eine aktivierende, mit prall elastischen Kammern versehene Spezialeinlage (z.B. Attivo-KS-medical) anfertigen, welche eine Besserstellung der Fußgewölbe, Beinachsen, Beckenschiefstände, Wirbelsäulenverkrümmungen und Kiefergelenksfehlstellungen verursacht.

Welche Bedeutung kommt dabei den Kiefergelenken zu?

Bei heranwachsenden Kindern zwischen dem 9. und 14. Lebensjahr beobachtet man im Rahmen des Zahnwechsels und der Kieferentwicklung eine gehäufte Behandlung mit Zahnspangen. Wenn man bedenkt, welch große Kraft beim Kauen und Beißen aufgebracht werden kann, kann man sich vorstellen, dass eine asymmetrische Gelenks- oder Zahnstellung eine unterschiedliche Druckbelastung zwischen links und rechts zur Folge haben kann. Dies beeinflusst sowohl die Drucksensoren am Schädel als auch in den angrenzenden Muskulaturen und Gelenken und kann damit auch zum Störfeld für den gesamten Bewegungsapparat werden. Dies gilt natürlich gleichermaßen auch bei Erwachsenen.

Neben der kinesiologischen Muskelfunktionstestung erwähnten Sie, quasi als bildgebende Dokumentation Ihrer Befunde, die dreidimensionale Vermessung. Welche Bedeutung hat dieses Verfahren in Ihrem Behandlungskonzept?

Die dreidimensionale Wirbelsäulenvermessung ist vor allem für Kinder geeignet, da hier keine Röntgenstrahlenbelastung anfällt. Dabei steht der Patient auf einem höhenregulierbaren Podest, auf den Rücken des Patienten wird ein Lichtraster projiziert, dieses Bild wird über eine Videokamera aufgenommen und mit einem speziellen Computerprogramm anschließend berechnet. Die dabei anfallenden Daten beschreiben die Oberflächenverkrümmungen des gesamten Rückens, die exakte Position des 7. Halswirbels, der Dornfortsatzreihe der Wirbel und den Stand der Beckenknochen. Daraus wird dann eine exakte statische Beschreibung des jeweiligen Patienten erarbeitet; hierbei können Fehlrotationen der Wirbelsäule, Seitabweichung, Lotabweichung und Beckenschiefstände einschließlich der Beinlängendifferenzen festgestellt werden.
In den Kontrolluntersuchungen unserer Patienten zeigt sich durch die Spezialeinlagenversorgung in der Regel eine Besserung der ursprünglich bestehenden Fehlstatik. Dies ist gerade bei Kindern eine wesentliche Voraussetzung zur Vermeidung von Haltungsfehlern bzw. Spätfolgen, wie z.B. Kniegelenksarthrosen, Bandscheiben- und Wirbelgelenksabnutzungen, chronischen Muskelverspannungen bis hin zu Spannungskopfschmerzen. Deswegen ist unsere Behandlungsweise nicht nur für Kinder zur Wachstumsbeeinflussung, sondern auch für erwachsene Patienten geeignet.

Herr Dr. Jessel, Herr Dr. Pfaff, Herr Dr. Zenta, wir danken Ihnen für das Gespräch!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 2 | 2000

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.