Steißbein und Iliosakralgelenk

VonStefanie Zerres

Steißbein und Iliosakralgelenk

Die Wirbelsäule (lat. Columna vertebralis) hält unseren Körper aufrecht  und ist in allen Richtungen beweglich. Außerdem dient sie als Schutz für das im Wirbelkanal verlaufende Rückenmark. Von der Seite aus betrachtet besitzt sie eine doppelte S-Form. Dadurch ist sie in der Lage, Erschütterungen abzufedern. Da die Wirbelsäule an einem großen Teil unserer Bewegungen in irgendeiner Form beteiligt ist und im Laufe des Lebens einer Fülle unterschiedlichster Belastungen ausgesetzt wird, ist sie anfällig für Erkrankungen und Verletzungen vielfältiger Art. 

Unsere Wirbelsäule setzt sich aus 33 bis 34 Wirbeln zusammen. Davon sind 24 gelenkig miteinander verbunden: sieben Wirbel in der Halswirbelsäule, zwölf in der Brustwirbelsäule und fünf in der Lendenwirbelsäule. Die fünf Wirbel des Kreuzbeins und die vier bis fünf verkümmerten Wirbel des Steißbeins sind zusammengewachsen. Jeder Wirbel besteht aus einem festen Wirbelkörper, an welchen sich ein knöcherner Wirbelbogen anschließt, dessen Mitte einen Hohlraum bildet. Diese Hohlräume ergeben zusammen den Wirbelkanal, den Sitz des Rückenmarks. Aus der Rückseite der Wirbelbögen gehen die Dornfortsätze hervor, welche in ihrer Gesamtheit das Rückgrat bilden und mit der Hand zu ertasten sind. Außerdem entspringt an jeder Seite eines Wirbelbogens jeweils ein Querfortsatz. Die seitwärts liegenden Zwischenwirbellöcher (Foramina intervertebralia) dienen als Austrittsstellen für die Spinalnerven, welche jeweils zwischen zwei Wirbeln den Wirbelkanal verlassen. 

Je größer die Abweichung von der Lotlinie, desto stärker die Belastung

Eine stabile und zugleich gesunde Körperhaltung zeichnet sich dadurch aus, dass sich der Körperschwerpunkt entlang der Lotlinie im unteren Bereich der Lendenwirbelsäule befindet. Je weiter ein Körperteil von der Lotlinie entfernt ist, desto größer wird die Belastung für Knochen, Bandscheiben, Bänder, Sehnen und Muskulatur. Andererseits kann jede Körperhaltung, die eine längere Zeit eingenommen wird – wie z. B. stundenlanges Sitzen oder Stehen –, auf Dauer zu Belastungen und Muskelverspannungen führen. Zu den Problemzonen der Wirbelsäule gehören vor allem die Bereiche, in denen ein beweglicher und weniger beweglicher Abschnitt zusammentreffen. Hier entsteht die Gefahr, dass hohe mechanische Belastungen und Fehlhaltungen zu Abnutzungs- und Verschleißprozessen führen. Dazu gehört der Übergang zwischen Halswirbelsäule und Brustwirbelsäule, Brustwirbelsäule und Lendenwirbelsäule sowie Lendenwirbelsäule und Kreuz-bein. Anfällig für Beschwerden sind auch die Gelenke der zwei obersten Halswirbel, die den Kopf tragen.

Steißbeinschmerzen (Kokzygodynien)

Das Steißbein (lat. Os coccygis) ist der unterste Abschnitt der Wirbelsäule. Es grenzt an das Kreuzbein und besteht aus vier bis fünf kleinen Wirbeln, die in der Regel zu einem einheitlichen Knochen zusammengewachsen sind. Man nimmt an, dass es sich um ein Rudiment der Schwanzwirbel handelt, die sich im Laufe der letzten Millionen Jahre zurückgebildet haben. Heute hat das Steißbein vor allem die Funktion, verschiedenen Bändern und Sehnen des Beckenbodens und der Hüfte als Ansatzpunkt zu dienen. Schmerzen im Steißbein sind zwar relativ selten, können aber im Einzelfall sehr unangenehm für die Betroffenen sein.

Steißbeinschmerzen werden meist als stechend oder ziehend empfunden und treten vor allem dann in Erscheinung, wenn das Steißbein durch gezielten Druck von außen belastet wird. Manchmal strahlen die Beschwerden auch in andere Bereiche des Rückens oder in Gesäß und Oberschenkel aus. Akute, heftige Steißbeinschmerzen entstehen häufig, wenn man nach langem Sitzen aufsteht. Zu Schmerzen dauerhafterer, aber milderer Art kann es beim Stehen oder Gehen kommen. Unter Umständen wirken sich die Beschwerden auch auf den Enddarm aus. In zahlreichen Fällen gehen die Schmerzen nach wenigen Tagen oder Wochen wieder zurück, manchmal jedoch werden sie chronisch.

Das Nervengeflecht um das Steißbein herum ist sehr schmerzempfindlich

Einen gewissen Einfluss auf die Entstehung von Steißbeinschmerzen spielt der Umstand, dass das als Plexus coccygeus bezeichnete Nervengeflecht, das die Region des Steißbeins versorgt, sehr schmerzempfindlich ist. Daher kann es z. B. nach langem Sitzen – vor allem auf harten Stühlen – dazu kommen, dass das Steißbein gereizt wird. Gravierender können die Folgen sein, wenn Sehnen, Bänder oder Knochen aufgrund chronischer Belastungen entzündet sind. Auch Schädigungen in anderen Bereichen des Bewegungsapparates, wie beispielsweise Fehlstellungen des Beckens oder Bandscheibenvorfälle im Lendenwirbelbereich, führen zu Schmerzen. Außerdem können Tumorerkrankungen eine Rolle spielen. Am häufigsten jedoch dürften Verletzungen – z. B. infolge eines Sturzes – als Ursache infrage kommen. Da die Polsterung des Steißbeinknochens verhältnismäßig gering ist, kann es dadurch leicht zu einer Prellung oder einem Bruch kommen. Die Folgen sind für die Betroffenen in der Regel äußerst schmerzhaft. Insgesamt leiden Frauen deutlich häufiger an Steißbeinschmerzen als Männer. Dies hat vor allem damit zu tun, dass ihr Becken während der Schwangerschaft stark beansprucht wird. Je größer die Gebärmutter wird und je stärker sie nach unten drückt, desto mehr werden das Steißbein und die umliegenden Nerven eingeengt. 

Andere Erkrankungen müssen ausgeschlossen werden

Besonders bei länger andauernden Steißbeinschmerzen ist eine gründliche Diagnose erforderlich. Zunächst befragt der Arzt den Patienten nach Art, Ort, Umfang und möglicher Ursache der Beschwerden. Um zu überprüfen, ob tatsächlich ein Steißbeinschmerz vorliegt, drückt er auf das Steißbein. Bei einer neurologischen Erkrankung wie einem Bandscheibenvorfall, einer Ischiasneuralgie oder einer Nervenreizung wird dadurch, auch wenn es generell zu chronischen Schmerzen kommen kann, keine Schmerzreaktion ausgelöst. Ob eine solche Ursache vorliegt, muss gegebenenfalls durch eine Ultraschalluntersuchung, eine Computertomografie oder eine Magnetresonanztomografie abgeklärt werden. Besteht der Verdacht auf eine Tumorerkrankung, kann dies auch durch diese Untersuchungen abgeklärt werden.

Hilfreich kann ein spezielles Sitzkissen sein

Bei der Behandlung von Steißbeinschmerzen geht es vor allem um die Linderung der Symptome. Dies kann durch entzündungshemmmende Schmerzmedikamente wie Ibuprofen, Aspirin oder unter Umständen auch Kortisoninjektionen geschehen. Daneben helfen auch physiotherapeutische Maßnahmen wie Mobilisationen des Steißbeins oder Wärmebehandlungen. Bei akuten Beschwerden bieten sich spezielle Sitzkissen in Form von hinten offenen Ringen als Ausweg an. Um einen Steißbeinbruch zu therapieren, ist Schonung, in manchen Fällen auch Bettruhe unerlässlich. Operationen werden nur selten durchgeführt, da sie mit der Gefahr verbunden sind, dass es aufgrund der Narben zu chronischen Schmerzen kommt. Im Allgemeinen heilt eine Steißbeinfraktur gut ab, wenn sich die Bruchenden in der richtigen Lage befinden. 

Schmerzen im Iliosakralgelenk

Das Iliosakralgelenk (ISG) stellt die Verbindung zwischen dem Kreuzbein und den Darmbeinschaufeln her. Aufgrund unserer aufrechten Körperhaltung ist es das wohl am meisten belastete Gelenk. Auch wenn die starken Bänder, durch die es geführt wird, nur eine geringe Bewegung erlauben, ist es dennoch sehr häufig von Schmerzen betroffen. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel aller Rückenschmerzen auf funktionelle Störungen des ISG zurückzuführen sind.

Die Ursachen für Schmerzen im Iliosakralgelenk können recht unterschiedlicher Natur sein. Neben Fehlhaltungen und Beinlängendifferenzen können entzündliche rheumatische Erkrankungen wie Morbus Bechterew, altersbedingter Gelenkverschleiß oder Erkrankungen des Magen-Darm-Trakts dafür verantwortlich sein. Bei Stürzen, ruckartigen Bewegungen und Verrenkungen des Beckens kann es zu Brüchen und Prellungen des Kreuz-Darmbein-Gelenks kommen. 

Die Schmerzen werden durch bestimmte Bewegungen verstärkt

Wenn sich die Gelenkflächen gegeneinander verschieben oder verkanten, spricht man von einem ISG-Syndrom oder einer ISG-Blockade. Betroffen sind häufig Frauen während der Schwangerschaft, da die Muskeln und Bänder im Bereich der unteren Wirbelsäule in dieser Zeit besonders stark beansprucht werden. In Verbindung mit einer hormonell bedingten Lockerung der Bänder führt dies besonders zum Ende der Schwangerschaft hin oft zu unangenehmen Rückenschmerzen. Im Anfangsstadium lässt sich ein ISG-Syndrom oft nur schwer erkennen, da die Beschwerden zunächst eher unspezifischer Natur sind. Zu eindeutigeren Symptomen kommt es meist erst im weiteren Krankheitsverlauf. Diese bestehen häufig in tiefliegenden, meist einseitigen Schmerzen im Gesäßbereich, welche bis in Oberschenkel und Wade ausstrahlen können. In der Regel wird der Schmerz durch bestimmte Bewegungen wie Beinheben, Rumpfdrehen oder -beugen, manchmal auch durch längeres Sitzen weiter verstärkt. Die Beschwerden treten oft nur für eine kurze Zeit auf, in etwa einem Drittel der Fälle chronisch. In diesem Fall ist nicht auszuschließen, dass sie im Laufe der Zeit auch auf Hüfte und Lendenwirbelsäule übergreifen. 

Nachweis durch klinische Tests

Der Nachweis eines ISG-Syndroms erfolgt mithilfe klinischer Tests. Bei der körperlichen Untersuchung wird der Patient auf folgende Anzeichen hin untersucht:

• Vorlaufphänomen: Der Arzt legt seine Daumen auf die beiden Iliosakralgelenke. Dann beugt sich der Patient nach vorn. Wird der Daumen auf der einen früher als auf der anderen Seite mit in die Beugung gezogen, ist dies ein Hinweis auf eine ISG-Reizung. 

• Mennell-Zeichen: Während der Patient auf dem Bauch liegt, fixiert der Arzt mit der Hand eines seiner ISG-Gelenke. Dann hebt er mit der anderen Hand ein Bein an. Empfindet der Patient einen Schmerz im Gelenk, deutet dies auf ein ISG-Syndrom hin. 

• Viererzeichen (Patrick-Test): Der Patient liegt auf dem Rücken und führt die rechte Ferse zum linken Knie. Von oben betrachtet ergibt sich so die Zahl vier. Im Anschluss wird der Test auf der Gegenseite durchgeführt. Falls Schmerzen auftreten oder die Beweglichkeit eingeschränkt ist, besteht der Verdacht auf eine Beteiligung des Hüft- oder Iliosakralgelenks.

Bildgebende Verfahren dienen dazu, andere Erkrankungen und Verletzungen an der Wirbelsäule auszuschließen. Mithilfe einer Blutuntersuchung kann man überprüfen, ob eine entzündliche Erkrankung wie z. B. Morbus Bechterew vorliegt. Wenn der Knochen betroffen ist, lässt sich dies durch ein Knochenszintigramm sichtbar machen.

Physio- und schmerztherapeutische Maßnahmen

Bei der Behandlung eines ISG-Syndroms stehen zunächst physiotherapeutische und schmerztherapeutische Maßnahmen im Vordergrund. Wärmeanwendungen, Reizstrombehandlungen sowie krankengymnastische und ergotherapeutische Übungen können dazu beitragen, die Schmerzen zu verringern und die Beweglichkeit wiederherzustellen. Außerdem besteht die Möglichkeit, die Blockade des Gelenks mithilfe der manuellen Therapie zu lösen. Wenn eine Infektion vorliegt, werden Antibiotika verabreicht. Sind die Beschwerden Folge einer rheumatischen Erkrankung, können Kortisonpräparate für einen begrenzten Zeitraum hilfreich sein. Um Schmerzen gezielt auszuschalten, nutzt man inzwischen auch minimalinvasive Methoden. Dazu gehören z. B. die Radiofrequenzneurotomie, mit der sich schmerzleitende Nerven ausschalten lassen, oder die Infiltrationstherapie, mit der man versuchen kann, den Schmerzkreislauf zumindest für eine gewisse Zeit zu unterbrechen.  

Während sich ein akutes ISG-Syndrom sehr oft recht gut behandeln lässt, ist die Therapie einer chronischen Verlaufsform häufig schwieriger. Umso wichtiger ist es, vorbeugend zu wirken. Um das Auftreten von Schmerzen im Iliosakralgelenk zu vermeiden, sollte man Fehlbelastungen und Übergewicht vermeiden und sich ausreichend sportlich betätigen.

Wodurch wird die Wirbelsäule beweglich?

Die Beweglichkeit der Wirbel wird zum einen durch die kleinen Zwischenwirbelgelenke ermöglicht, zum anderen durch Muskeln, Bänder und Bandscheiben. Letztere befinden sich jeweils zwischen zwei freien Wirbeln – außer zwischen dem ersten und zweiten Halswirbel – und besitzen einen zugleich festen und elastischen Ring sowie einen weichen inneren Kern. Ihre Aufgabe ist es, Erschütterungen und Stöße abzufedern. Der einzige Weg für die Bandscheiben, sich mit Nährstoffen zu versorgen, besteht darin, Flüssigkeit aufzusaugen und wieder abzugeben. Ohne den Wechsel von Belastung und Entlastung der Wirbelsäule ist der Stoffwechsel einer Bandscheibe daher nicht möglich. Eine ständige Über- oder Unterbelastung führt dementsprechend zu einer Unterversorgung. Der Stabilisierung der Wirbelkörper dienen das vordere Längsband, das sich über die Vorderseiten der Wirbelkörper zieht, und das hintere Längsband, welches an der hinteren Fläche der Wirbelkörper verläuft. Die sogenannten gelben Bänder befinden sich zwischen den einzelnen Wirbelbögen.

von Klaus Bingler

aus ORTHOpress 2/17

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