Schulterschmerzen

Die arthroskopische Behandlung – eine aktuelle Standortbestimmung

Wenn das Frisieren oder gar die tägliche Notdurft zum alltäglichen Problemfall werden, der erholsame Schlaf durch kontinuierliche Schmerzen bereits auf das Empfindlichste gestört ist, dann hilft auch kein „Zähne zusammenbeißen“ mehr. – Will der Betroffene seine deutlich eingeschränkte Lebensqualität verbessern, so kommt er nicht umhin, seine Schulter­gelenks­erkrankung behandeln zu lassen.

Erst richtig problematisch und „frustrierend“ aber wird es für den Patienten dann, wenn schließlich auch die Behandlung mit unzähligen, meist kortisonhaltigen Spritzen, Tabletten, Akupunktur, vielleicht auch krankengymnastischer Übungsbehandlung sowie Massagen zu guter Letzt erfolglos bleibt und er vom behandelnden Hausarzt oder gar Orthopäden den bescheidenen Rat erhält, sich mit seiner unbefriedigenden Situation zu arrangieren. „Wir haben alles probiert. Sie müssen leider lernen, mit Ihrem Schmerz zu leben.“ Insbesondere der häufige Hinweis: „Finger weg von einer Operation. Die kann nur alles schlimmer machen“, wirkt hier alles andere als hilfreich. Denn dieser verbreitete, fälschlicherweise gut gemeinte Rat, welcher vielleicht vor 20–30 Jahren eine gewisse Berechtigung hatte, blockiert in vielen Fällen eine rechtzeitig eingeleitete, fundierte und frühzeitig erfolgreiche Behandlung. Der kompetente Rat eines Schulterspezialisten ist jetzt unbedingt gefragt. „Aber auch im chronischen Stadium kann eine gezielte manuelle Dia­gnostik, gepaart mit moderner High-Tech-Dia­gnostik, Entscheidendes dazu beitragen, dass eine dem jeweiligen Patienten entsprechende individuelle Behandlungsstrategie verfolgt und konsequent umgesetzt wird“, betont der Orthopäde und Sportmediziner Dr. Michael Lehmann, von Mai 1997 bis Ende 1999 am Sportmedizinischen Institut Frankfurt am Main als Leiter der Abteilung für arthroskopische und rekonstruktive Sporttraumatologie sowie des Zentrums für Schulterchirurgie, seit Jahresbeginn als leitender Arzt am sog. Athletikum (Gelenk- und Sportchirurgie Rhein-Main) in Hofheim tätig. In vielen Fällen sei auch im chronischen Stadium eine nicht-operative, d.h. konservative Behandlung noch möglich. Sollte hingegen der Punkt bereits überschritten sein, wo eine nicht-operative Behandlung noch zur Beschwerdelinderung oder gar zur Schmerzfreiheit führen kann, so brauche im Zeitalter der rasanten technischen Innovationen glücklicherweise niemand mehr den Kopf – bzw. die Schultern – hängen zu lassen und sich mit seinem Schulterschmerz für den Rest des Lebens abzufinden. „Mit der arthroskopischen Operationstechnik steht der modernen Orthopädie mittlerweile ein minimal­invasives Verfahren zur Verfügung, mit welchem selbst komplexe Schultergelenkserkrankungen des 70-jährigen Patienten bis hin zur Verletzung des Hochleistungssportlers Risiko-minimiert, elegant und erfolgreich behandelt werden können“, fährt der Schulterspezialist fort. „Durch die Arthroskopie haben wir auch viele zuvor unbekannte Krankheitsbilder, Schmerzphänomene und Verletzungsmuster kennen gelernt. Die sukzessive Entwicklung arthroskopischer Operationstechniken hat die traditionelle Schulterchirurgie in den letzten 10–20 Jahren regelrecht revolutioniert.“ Dabei setzen eine kompetente Diagnostik, die Einleitung der individuell optimierten Behandlungsstrategie bis hin zur perfekten operativen oder arthroskopischen Therapie ein großes Maß an Erfahrung im Umgang mit Schultergelenkserkrankungen und -verletzungen voraus.

Was ist eine Arthroskopie?

Bei der Arthroskopie (wörtlich übersetzt: „Gelenkschau“) wird über einen kleinen Einschnitt (etwa 4 mm) auf der Schulter eine kleine Sonde mit Kamera (Endoskop) ins Schultergelenk eingeführt. Über einen mit dieser verbundenen Bildschirm erhält der Arzt einen differenzierten Einblick ins Schultergelenk und seine einzelnen Strukturen. Ausmaß und Qualität von Schäden oder krankhaften Veränderungen lassen sich derart weit genauer beurteilen. Ansonsten dient die Arthroskopie aber weniger diagnostischen Aspekten, sondern wird vielmehr als minimalinvasives „Schlüssellochverfahren“ zur adäquaten Behandlung konservativ nicht therapierbarer Probleme eingesetzt. Durch einen zweiten, ebenso unauffälligen Schnitt werden die feinen Operationsinstrumente ins Gelenk eingeführt. Das Gelenk also wird bei der arthroskopischen Technik nicht geöffnet, und gleichzeitig hat der Operateur über alle erforderlichen Schritte einen genauen Überblick.

Ambulanter oder kurzstationärer Eingriff

Insofern der arthroskopische Eingriff wenig traumatisierend und von daher auch wenig belastend für den Patienten ist, werden „nach amerikanischem Vorbild“, so Dr. Lehmann, 90% der Eingriffe in seinem Zentrum ambulant bzw. kurzstationär (mit in der Regel einer Übernachtung) durchgeführt – je nach Stadium der Schultererkrankung und Konstitution des Patienten. „Internationales Klientel kann auch im nahe gelegenen Hotel untergebracht werden“, berichtet Dr. Lehmann. Des Weiteren besteht für stationäre Eingriffe (Alter, gravierende Vorerkrankungen, Prothetik) eine klinische Anbindung. Die Nachbehandlung setzt bereits ab dem ersten Tag nach der Operation in dafür qualifizierten und auf Schultererkrankungen spezialisierten physiotherapeutischen Zentren ein.

Welche Schulterbeschwerden sind arthroskopisch behandelbar?

Mit der modernen arthroskopischen Operationsmethode lassen sich – außer der Arthrose – nahezu alle Schultererkrankungen behandeln, wie das Impingementsyndrom (Engpasssyndrom), die Kalkschulter, die chronische Schultersteife, die instabile Schulter nach Luxation (Ausrenkung) sowie ggf. eine Rotatorenmanschettenruptur (kleinere Risse der Sehnen der Rotatorenmanschette). „Zudem hat in den letzten Jahren bei der rheumatoiden Arthritis die arthroskopische Synovektomie das offene Verfahren hinsichtlich Präzision, Zugangsmöglichkeiten und Blutungskontrolle deutlich in den Hintergrund gedrängt“, erläutert Dr. Lehmann. „Spezialindikationen ergeben sich bei Verletzungen oder äußerst schmerzhaften Erkrankungen der langen Bizepssehne“, fährt der Schulterspezialist fort. „Nachdem diese in den 50er-Jahren als Schmerzursache bekannt und therapeutisch en vogue war, geriet sie durch die Vorstellung, dass Schulterschmerz meist durch ‘Impingement’ (Einklemmung) bedingt sei, gedanklich in Vergessenheit. Die Gegenwart zeigt jedoch in zunehmendem Maße, dass viele Therapieversager (Impingementtherapie) durch eine adäquate Diagnostik und Behandlung der Bizepssehne lösbar sind.“

Bei einer Vielzahl der Patienten von Dr. Lehmann handelt es sich um Leistungs- und Hochleistungssportler. Diese hinsichtlich Luxation bzw. Schulterinstabilität verletzten Athleten blieben nach einer arthroskopischen Schulterstabilisierung auf unverändertem Niveau sport- und wettbewerbsfähig. Dr. Lehmann: „Die Erkenntnisse, welche wir im Sinne einer zunehmend perfektionierten Operations- und Rehabilitationstechnik aus dem Leistungssport gewonnen haben, können wir zum Wohle aller Patienten auch auf den nicht sportlich ambitionierten Patienten übertragen.“

Die arthroskopische Technik hat die Behandlungsmöglichkeiten der Schulter erheblich verbessert und erweitert. Davon zeugen u.a. auch die kürzeren OP-Zeiten, das geringere Operationstrauma, weniger Schmerzen und ein besseres ästhetisches Ergebnis. Aber nicht nur die Diagnose von Schulterproblemen, auch die den operativen Erfolg stabilisierende Nachbehandlung setzt ein hohes Maß an Teamwork und regelmäßiger Kommunikation zwischen behandelndem Arzt und Physiotherapeuten (sowie ggf. Trainern) voraus. Dr. Lehmann: „Das Anstreben spezialisierter Aus- oder Fortbildungen in nationalen oder internationalen Schulterzentren im Rahmen von ein- oder mehrwöchigen Hospitationen halte ich für unbedingt notwendig, wünscht man eine kompetente und erfolgreiche ärztliche Betreuung. Gefühl und Erfahrung lassen sich häufig eben nur bedingt durch Literatur, Kongresse usw. weitergeben.“

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 2 | 2000

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.