Muskelverkrampfungen und ihre Folgen erfolgreich behandeln

Neue Therapieansätze mit Botulinum-Toxin

Muskeln wollen bewegt werden um funktionsfähig zu bleiben. Aber manchmal zwingen uns bestimmte Abläufe im Beruf oder auch in der Freizeit zu Dauerhaltungen, die dann mit der Zeit zu chronischen Verkrampfungen der Muskeln führen. Anfangs lassen diese sich ja noch in einem warmen Bad lösen – wenn wir sie denn in den frühen Stadien überhaupt bemerken. Doch oft erstarren die Muskeln in der Verkrampfung und bilden harte, deutlich tastbare Knoten, so genannte Myogelosen, aus. Aber nicht nur einzelne Muskelfasern können so verhärten, manchmal ist sogar ein ganzer Muskel hart wie Stein.

„Bislang bestand in solchen Fällen die Therapie aus Krankengymnastik, Wärmeanwendung und dem Versuch, die verhärtete Muskulatur manuell oder mittels Schröpfglasbehandlung zu lösen. Diese Behandlungen sind bisweilen mit erheblichen Schmerzen für die Patienten verbunden. Oft treten dabei mitunter großflächige Blutergüsse auf und der Erfolg oder Misserfolg der Therapie kann unter Umständen erst nach Wochen beurteilt werden. Auch die Einnahme von muskelentspannenden Medikamenten ist wegen der damit verbundenen Müdigkeit nur begrenzt möglich. Heute steht uns eine neue Therapie zur Verfügung, um Muskelverhärtungen sehr elegant zu lösen. Es handelt sich dabei um die Injektion von Botulinum-Toxin direkt in den schmerzenden Muskel. Diese Spritzen wirken innerhalb kurzer Zeit und sind oft sehr viel wirksamer als die Versuche der manuellen Lösung“, erklärt der Berliner Orthopäde Dr. Detlef Kaleth.

Bei der Botulinum-Therapie reichen winzige Mengen

Beim Botulinum-Toxin handelt es sich eigentlich um ein Bakteriengift, das seit über 150 Jahren bekannt ist. Früher kam es manchmal in hohen Konzentrationen in verdorbenen Lebensmitteln vor und war Ursache für Lebensmittelvergiftungen. Aber schon der schwäbische Arzt und Naturforscher des 16. Jahrhunderts Paracelsus wusste: „All Ding ist Gift, allein die Dosis macht’s, ob’s wohl ist oder weh.“ So werden bei einer Botulinum-Toxin-Therapie ganz gezielt nur wenige Milliardstel Gramm des Stoffes eingesetzt, das heißt in einer Konzentration als würde man einen Teelöffel Zucker im Bodensee auflösen. Dies ist dann nur ein Bruchteil der Dosierung, die einem Menschen gefährlich werden könnte. Zudem verbleibt das Botulinum-Toxin am Injektionsort und kann nicht an den inneren Organen zu Lähmungen führen. Als Medikament wurde es zum ersten Mal 1980 in den USA eingesetzt, und zwar in der Augenheilkunde, um schielenden Kinder wieder zu einem normalen Sehen zu verhelfen. Die Indikationen wurden nach und nach ausgeweitet, so dass heute Botulinum-Toxin bei etlichen Erkrankungen eingesetzt wird, besonders bei solchen, die mit spastischen Muskelverkrampfungen einhergehen, wie etwa der Schiefhals oder der Spitzfuß bei Kindern.

Die Übertragung von Nervenimpulsen wird blockiert

„Die Botulinum-Toxin-Therapie hat sich als sehr wirksam bei den verschiedensten krampfartigen Muskelverspannungen erwiesen, besonders auch bei Rücken- und Nackenverspannungen. Eine frühzeitige Therapie ist auch deshalb wichtig, weil auf Dauer so ein Muskelhartspann auch zu fortgeleiteten Schmerzen z.B. im Bereich der Schulter oder zu Nackenbeschwerden mit Kopfschmerzen führen kann“, weiß Dr. Detlef Kaleth.

Das Bakteriengift wird mit Hilfe ganz dünner Nadeln – wie sie üblicherweise von Diabetikern für die Insulinspritzen verwendet werden – direkt in die verkrampften und verspannten Muskel injiziert. Der Stoff wandert durch das Gewebe zu den dort liegenden Nervenenden, dringt in sie ein und blockiert dauerhaft die Freisetzung bestimmter Botenstoffe. Dadurch können keine Impulse mehr aus den Nerven in der entsprechenden Muskulatur ankommen, sie wird gewissermaßen gelähmt und kann nicht mehr verkrampfen. Die quälenden Schmerzen lassen nach, weil der verhängnisvolle Teufelskreis zwischen Verkrampfung und Schmerz wirksam durchbrochen wird. Die Maximalwirkung tritt in der Regel nach einigen Tagen ein und hält meistens für etliche Monate an. Dann sprossen neue Nervenendigungen aus bzw. die blockierten Stoffe werden wieder neu gebildet und stellen die Verbindung zwischen Muskel und Nerven wieder her. Man kann dann – falls die Schmerzen wieder auftreten sollten – die Botulinum-Toxin-Injektion wiederholen.

Botulinum-Toxin bei muskulär ausgelösten Kopfschmerzen

„Sehr viel versprechend ist die Verabreichung von Botulinum-Toxin auch bei Kopfschmerzen, die mit Muskelverspannungen einhergehen und bei denen andere Medikamente schlecht wirken oder zu starke Nebenwirkungen haben. Manche Patienten können ja die Muskelverspannungen genau lokalisieren, die ihre Kopfschmerzen auslösen oder einer Kopfschmerzattacke vorausgehen. Länger andauernde, ungünstige Kopfhaltungen mit einer Fehlbelastung bestimmter Muskeln, aber auch unterschiedlichste Stressfaktoren können zu Verspannungen im Nacken oder Gesicht führen und Kopfschmerzen verursachen oder verstärken. Muskulär bedingte Kopfschmerzen sind zwar als Indikation für die Botulinum-Therapie noch nicht offiziell zugelassen, aber die Erfolge sprechen für sich“, erklärt Dr. Kaleth. „Allerdings müssen die Patienten gründlich über diese neue Therapiemethode aufgeklärt werden. Selbstverständlich hat vor Einleitung der Therapie eine sorgfältige Diagnostik zu erfolgen, um andere Schmerzursachen auszuschließen.“

Neben der Erhebung der Krankengeschichte und apparativen Untersuchungen wie Röntgen, Computer- oder manchmal auch Kernspintomographie, ist die gründliche manuelle Abtastung der betroffenen Muskel sowohl für die Diagnose als auch für die Therapieplanung unverzichtbar. Die Stellen, an denen das Botulinum-Toxin gespritzt wird, werden nämlich für jeden Patieneeten individuell bestimmt und festgelegt.

Auch Falten können geglättet werden

Bei Injektionen in einige Gesichtsmuskeln stellte man fest, dass nicht nur die Kopfschmerzen verschwanden, sondern auch bestimmte – durch dauernd verspannte Muskeln besonders hervortretende – Falten im Gesichtsbereich. Vor allem die tiefen Mimikfalten wie die senkrechten „Zorn“-Falten zwischen den Augenbrauen, aber auch die waagerechten „Denker“-furchen an der Stirn und die so genannten Krähenfüße um die Augen herum, lassen sich durch Injektionen von Botulinum-Toxin wie wegretuschieren. Die Wirkung tritt allmählich im Laufe von zwei bis drei Tagen ein und hält zwischen vier und acht Monaten an. Dr. Kaleth hat die Erfahrung gemacht, dass die Patienten an dieser Methode besonders den entstehenden freundlichen und ausgeruhten Gesichtsausdruck schätzen.

Die Behandlung mit Botulinum-Toxin wird nur in bestimmten Fällen von einigen Krankenkassen übernommen. Die Anwendung im Bereich der kosmetischen Medizin zur Glättung von Falten ist selbstverständlich keine Leistung der Krankenkassen.

 

Aus ORTHOpress 1 | 2002

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