Homöopathie: Verstärken durch Verdünnen

Der Wunsch nach sanfter Medizin wird bei vielen Menschen immer größer. Deshalb findet auch die Homöopathie mehr und mehr Anhänger. Anstatt die chemische Keule auf Krankheitserreger abzufeuern, mobilisieren homöopathische Arzneien gezielt die Selbstheilungskräfte des Körpers. 

In der Homöopathie zählt die Einheit von Körper, Geist und Seele. Sie betrachtet die Krankheit nicht als Störung eines einzelnen Organs, sondern als Störung des ganzen Körpers. Der homöopathische Arzt kümmert sich nicht nur um die Leber, die Lunge oder das Herz seiner Patienten. Er interessiert sich auch für ihre soziale Umwelt, ihre Lebenssituation und ihr seelisches Befinden. In der homöopathischen Praxis spielt das Gespräch mit dem Kranken noch eine gewichtige Rolle. Durchschnittlich anderthalb Stunden dauert ein medizinisches Erstgespräch nach den Regeln der Homöopathie. Dabei fragt der Arzt nicht nur akute Symptome ab, sondern auch, wie und wann die Beschwerden aufgetreten sind. Hat ein Patient einen fieberhaften, grippalen Infekt, kommt es für die Mittelwahl zum Beispiel darauf an, ob der Infekt langsam oder plötzlich begann. Auf Grund detaillierter Informationen kann der Arzt die notwendige Arznei auswählen. Das erfordert viel Wissen, Erfahrung und Fingerspitzengefühl. Jeder Mensch ist ein Individuum und reagiert auf Krankheitserreger unterschiedlich. Deshalb benötigt er oder sie auch jeweils ein individuelles Mittel.

Abgrenzung zur Phytotherapie

Laien werfen die Homöopathie und die pflanzliche Heilkunde (Phytotherapie) oft in einen Topf. Obwohl beide Therapien den Kranken ganzheitlich heilen wollen und zu den Naturheilmethoden zählen, handelt es sich doch um zwei unterschiedliche Dinge. Heilmittel der Phytotherapie stammen ausschließlich aus dem Pflanzenreich und werden in Form von Tees, Tinkturen, Dragees oder Extrakten angeboten. Bekannte Beispiele sind Baldrian gegen Schlafstörungen oder Johanniskraut, um die Stimmung aufzuhellen.

Zu 80 Prozent kommen auch die Ausgangsstoffe für homöopathische Mittel aus dem Reich der Pflanzen. Daneben gibt es aber auch Medikamente, die Tiere (z.B. Biene, Tarantel, Kobra) als Ausgangsstoff besitzen oder Mineralien wie Gold, Kupfer, Platin oder sogar Krankheitserreger wie Eiter. Pflanzliche Präparate und Tees werden aus Wurzeln, Blättern, Blüten und Samen, aus der Rinde oder den Früchten hergestellt. Sie können aus der frischen oder der getrockneten Pflanze stammen. Die Mittel eignen sich vor allem zur Vorbeugung von Krankheiten und Linderung von Alltagsbeschwerden (z.B. Husten, Schnupfen, Magenverstimmung). Auch bei der Langzeitbehandlung chronischer Beschwerden, wie z.B. Blasenentzündung, Zyklusstörungen oder nervöse Herzbeschwerden, erzielen pflanzliche Arzneien beachtliche Erfolge. Inzwischen ist die Wirksamkeit vieler Mittel durch Studien auch wissenschaftlich bewiesen.

Der Glaube zählt

Anders bei der Homöopathie: Die Ausgangssubstanzen sind teilweise so stark verdünnt, dass nach physikalischen Gesetzen kein Molekül der ursprünglichen Zutat mehr enthalten sein kann. Das Medikament besteht – nach Ansicht eines Schulmediziners – dann nur noch aus Verdünnungsmittel. Wirken tut es trotzdem, das zeigen Erfahrungswerte. Warum, konnte bisher noch niemand klären, zumindest nicht wissenschaftlich. Homöopathen gehen davon aus, dass die Energie der Ausgangssubstanz trotz großer Verdünnung erhalten bleibt. Ein Glaube, der mit den zur Verfügung stehenden Methoden (noch) nicht bewiesen werden kann. Doch der Erfolg ist sowohl vielen Patienten als auch Medizinern Beweis genug. Obwohl nur ein Prozent der praktizierenden Ärzte eine Zusatzausbildung als Homöopath hat, verschreiben doch drei von vier Doktoren homöopathische Mittel. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der Zeitschrift „Ärztliche Allgemeine“. Allerdings handelt es sich dabei um Arzneien, die nicht individuell verschrieben werden, sondern nach Symptomen wie z.B. Schnupfen oder Magen-Darmbeschwerden.

200 Jahre Erfahrung

Die Homöopathie wurde vor etwa 200 Jahren von dem Arzt Samuel Hahnemann (1755–1843) erfunden. „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“ ist das Prinzip der sanften Therapie. Wer zum Beispiel unter Fieber leidet, bekommt ein Mittel, das beim Gesunden Fieber auslösen würde (z.B. Belladonna). Nach Einnahme der Arznei verschlimmern sich die Symptome beim Kranken oft zunächst einmal. Doch danach tritt – bei richtiger Wahl des Mittels – die wundersame Besserung ein. 

Im Selbstversuch zum Ziel

Samuel Hahnemann stellte dieses Phänomen im Selbstversuch fest. Er nahm Chinarinde ein, die schon damals als Malariamittel bekannt war und bekam prompt Symptome, als wenn er sich das gefährliche Fieber eingefangen hätte. Diese sensationelle Entdeckung spornte den Arzt an, weiter an sich zu forschen. Um die hundert Arzneiprüfungen führte er an sich selbst durch. Nach Hahnemann entwickelten diverse Generationen von Homöopathen das Wissen um die sanfte Medizin weiter. Derzeit gibt es an die 4500 homöopathische Medikamente.

Durch Schütteln zu mehr Energie

Das zweite Prinzip der von Hahnemann begründeten „klassischen Homöopathie“ ist die systematische Verdünnung der ursprünglichen Substanz. Ist sie löslich, stellt man daraus zunächst einen alkoholischen Auszug her, die Urtinktur. Hahnemann kam zu dem Ergebnis, dass mit steigender Verdünnung die Wirkung der gegebenen Arznei nicht nachließ. Im Gegenteil: Je höher verdünnt, desto durchschlagender war der Erfolg. Aber nicht nur die Verdünnung allein zählt. Ebenso wichtig ist die Anzahl und Art der Schüttelschläge, mit denen Ursubstanz und Lösung gemischt werden. Dabei findet nach Meinung der Homöopathen ein Informationsaustausch statt. Die zwei Verarbeitungsschritte, Verdünnen und Verschütteln, nennen Fachleute Potenzieren.

Es gibt drei verschiedene Potenzen. D-Potenzen werden im Verhältnis 1:10 verdünnt. Bei der Urtinktur von Belladonna sieht das zum Beispiel wie folgt aus: Ein Tropfen der Ausgangssubstanz wird mit neun Tropfen Alkohol gemischt und zehnmal geschüttelt. Auf diese Weise erhält man Belladonna in der Potenz D1. Wiederum ein Tropfen von D1 auf neun Tropfen Alkohol, zehnmal geschüttelt ergibt die Potenz D2. Dieses Spiel kann nach den homöopathischen Regeln immer so weitergehen. Nach dem gleichen Prinzip können auch Feststoffe mit potenzierten Wirkstoffen versetzt werden. Hier mischt man einen Teil der Ursubstanz (bzw. der potenzierten Ursubstanz) mit neun Teilen Milchzucker. 

Bei C-Potenzen funktioniert das Prinzip gleichermaßen. Mit dem Unterschied, dass das Mischverhältnis nun 1:100 beträgt. Bei den selten verordneten LM- oder Q-Potenzen handelt es sich um eine Verdünnung im Verhältnis 1:50 000. Ab der Potenz von D 23 ist in der Regel naturwissenschaftlich gesehen keine Ausgangssubstanz mehr in der Lösung nachweisbar.

Möglichkeiten und Grenzen

Homöopathische Arzneien sind als Tropfen, Tabletten, Cremes oder Salben erhältlich. Die Tropfen enthalten über 40 % Alkohol, was Eltern und Alkoholkranke bedenken sollten.

Viele Menschen glauben, dass Homöopathie nur bei chronischen Leiden greift. Das stimmt nicht. Auch bei akuten Symptomen wie einer Mittelohrentzündung oder Durchfall kann die richtig gewählte Arznei helfen. Der behandelnde Arzt wird seinen Patienten dann genauestens im Auge behalten und gegebenenfalls nach einigen Stunden fragen, ob das Mittel wirkt. Ist das nicht der Fall, muss die akute Gefahr eventuell doch durch „normale Schulmedizin“ (z.B. Antibiotika) gebannt werden.

Ein verantwortungsvoller Homöopath kennt die Grenzen seiner Behandlung. Wer Krebs oder Aids ausschließlich mit homöopathischen Mitteln kurieren will, vor dem sei gewarnt.

Einen Versuch wert

Homöopathische Mittel greifen in der Regel sofort – oder aber der Arzt hat noch nicht das richtige Mittel gefunden. Betroffene nehmen immer nur eine Arznei zur selben Zeit, eventuell sogar nur einmal. Es ist empfehlenswert, sich immer vor dem Arztbesuch bei der jeweiligen Kasse zu erkundigen, weil die Kostenerstattung sehr unterschiedlich gehandhabt wird. Private Kassen übernehmen in den meisten Fällen die ge­samten Kosten, egal ob beim Arzt oder Heilpraktiker.

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 2 | 2001
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.