Eine künstliche Schulter – wer kennt die schon?

Schulterendoprothetik ins rechte Licht gerückt

Der Ersatz zerstörter Gelenke durch eine künstliche Endoprothese gehört heute zum Alltag in chirurgischen und orthopädischen Krankenhausabteilungen. Tausende von Patienten können davon berichten, wie sie nach einer Hüft- oder Kniegelenksoperation plötzlich wieder schmerzfrei gehen und sich bewegen können. Von einer künstlichen Schulter hört man dagegen sehr viel seltener. Dabei war das Schultergelenk historisch gesehen eines der ersten die endoprothetisch versorgt wurden. Schon in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden erfolgreich künstliche Schultergelenke eingesetzt. 

„Seit der Zeit hat sich natürlich viel getan, sowohl in Bezug auf die Kenntnisse der Biomechanik und des Zusammenspiels zwischen Muskulatur und Knochensystem, als auch hinsichtlich der Protheseneigenschaften und der Möglichkeiten der individuellen Anpassung“, erklärt Dr. Andreas Werner, Orthopäde und Schulterspezialist an der Düsseldorfer Universitätsklinik. „Heute stehen uns ausgereifte Systeme zur Verfügung, mit denen eine schmerzfreie Beweglichkeit im Schultergelenk erreicht werden kann.

Wann wird eine künstliche Schulter eingesetzt?

Bei den Gründen, die einen künstlichen Gelenkersatz erfordern, denkt man in der Regel in erster Linie an schwer arthrotisch veränderte Gelenke. Diese durch Verschleiß bedingten Gelenkzerstörungen können in der Tat ein solches Ausmaß annehmen, dass nach ausgeschöpfter konservativer Therapie, nur noch der Gelenkersatz zu einer Schmerzfreiheit führt. Dies betrifft in der Regel ältere Menschen. Während man früher mit dem Ersatz des zerstörten Gelenks aus Furcht vor Komplikationen sehr lange, wenn nicht zu lange gewartet hat, kann man heute die Indikation für einen Gelenkersatz auf Grund der modernen Entwicklungen großzügiger stellen. 

Eine zweite wichtige Gruppe, bei denen ein künstlicher Ersatz des Schultergelenks erforderlich wird, stellen – vorwiegend jüngere Menschen – dar, bei denen es auf Grund von Unfällen zu einer irreparablen Verletzung der Schulter gekommen ist. Typisch sind solche Verletzungen bei Ski- oder Motorradunfällen. Selbst bei ausgedehnten Zerstörungen auch der Muskulatur sind mit einer Endoprothese heute gute und funktionell befriedigende Lösungen möglich. 

Individuelle Lösungen anstreben

Dr. Werner: „Auf Grund der großen Beweglichkeit der Schulter müssen beim Einbau eines künstlichen Gelenks die im Einzelfall vorliegenden anatomischen Gegebenheiten ganz besonders berücksichtigt werden. Inzwischen gibt es auch Prothesen, die diese Bedingung in hervorragender Weise erfüllen. Durch diese Anpassung an die individuelle Anatomie konnte erreicht werden, dass die Ergebnisse weiter verbessert, die Komplikationsrate erniedrigt und die Haltbarkeit der Prothesen wesentlich erhöht werden konnte.“ 

Es ist an der Zeit, dass die Furcht vor dem künstlichen Gelenk, ähnlich wie bei Hüfte und Knien, auch bei der Schulter einer realistischen Einschätzung der Situation weicht, damit Betroffene nicht unnötig lange Schmerzen ausgesetzt sind, die mit dem Gelenkersatz vermieden werden könnten. Die Endoprothetik der Schulter stellt heute in der Hand des erfahrenen Schulterchirurgen ein Operationsverfahren dar, das den Patienten langfristig Schmerzfreiheit und Beweglichkeit ermöglicht. 

 

aus ORTHOpress 4 | 2002

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