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Den Schmerz „leise drehen“: Hochfrequente Rückenmarkstimulation mit dem HFX-System

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Den Schmerz „leise drehen“: Hochfrequente Rückenmarkstimulation mit dem HFX-System

Dr. Bartolomäus Muskala und PD Dr. Simon Bayerl arbeiten als Fachärzte für Neurochirurgie und Spezielle Schmerztherapie in der Praxis Inter-Neuro in Berlin, Dr. Ardeshir Ardeshiri als Leiter der Wirbelsäulenchirurgie am Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand in Hamburg. Sie alle verwenden seit vielen Jahren Neurostimulationsverfahren, auch bekannt als Schmerzschrittmacher.

Wie entstehen eigentlich chronische Schmerzen?

Schmerz entsteht, wenn ein Reiz als elektrisches Signal über das Rückenmark ins Gehirn gelangt und dort das Schmerzempfinden auslöst. Bei chronischen Schmerzen werden diese elektrischen Signale fälschlicherweise erzeugt, und das Gehirn nimmt sie dennoch als Schmerz wahr. Häufig steht eine mechanische Ursache wie beispielsweise ein Knochenbruch, ein Bandscheibenvorfall oder eine scheinbar geglückte oder unglücklicherweise missglückte Operation am Anfang der Schmerzkrankheit. Je länger der Schmerz jedoch andauert, desto stärker verändert er seinen Charakter und sein Ausbreitungsgebiet. Und das ist dann eben nicht nur mechanisch bedingt, sondern die Nervenenden fangen an, bei kleinsten Berührungen unangenehme Gefühle wie Schmerzen, Brennen, Krämpfe oder Taubheit hervorzurufen. Es kommt vor, dass die mechanische Ursache des Schmerzes behoben werden kann, aber dennoch entwickeln sich in der Folge nicht beherrschbare neuropathische Schmerzen, weil die Nerven durch die Kompression verletzt wurden.

Was bewirkt nun die Stimulation des Rückenmarks?

Mit Hilfe der HFX-Rückenmarkstimulation können wir das Schmerzsignal durch andere elektrische Impulse beeinflussen, wodurch die Schmerzempfindung im Gehirn deutlich reduziert wird. Das Rückenmark reicht vom obersten Halswirbel bis zum obersten Lendenwirbel. Die Verarbeitung der fehlerhaften Signale findet bei Rücken-Bein-Schmerzen zumeist in Höhe des 9. oder 10. Brustwirbels statt. Dort kommt es über Inter-Neuronen zu einer weiteren Verstärkung des fehlerhaften elektrischen Signals. Deswegen geben wir an dieser Stelle auf das Rückenmark die Hochfrequenz ab. Als Patient spürt man nichts von der Stimulation – keinen Stromschlag oder Kribbeln oder ähnliches. Wir reduzieren nur das Signal auf ein Minimum. So kommt es zur Schmerzkontrolle und die Patienten fühlen die Erleichterung. Wenn man sich den Schmerz als eine Lautstärke vorstellt, drehen wir ihn „leise“.

Es gibt ja auch andere Stimulationsverfahren, worin liegt der Vorteil der hochfrequenten Neurostimulation?

Bei der niederfrequenten Therapie wird mit geringerer Stromstärke gearbeitet, die für den Patienten spürbar ist. Es ist ein leichtes Kribbeln (Kribbelparästhesie), das den unangenehmen Schmerz überlagert, aber eben stetig da ist und auch unterschiedlich stark gespürt werden kann. Deshalb ist bei dieser Stimulation Autofahren nicht erlaubt. Die 10-kHz-Stimulation ist für die Patienten nicht spürbar, weshalb sie normal Auto fahren oder schwere Maschinen bedienen können.

Wie erfolgt die Implantation des HFX-Systems?

Zunächst werden zwei Elektroden unter Vollnarkose im Epiduralraum nahe der unteren Brustwirbelsäule eingesetzt. Dabei hat das HFX-System einen riesigen Vorteil gegenüber niederfrequenten Stimulationsverfahren: Die Frequenzen oberhalb von 5.000 Hz besitzen einen einzigartigen inhibitorischen Effekt auf den Schmerzschaltkreis im Hinterhorn des Rückenmarks. Die Patienten müssen daher nicht zur richtigen Einstellung aufgeweckt werden, da die Elektroden automatisch „richtig“ liegen. Danach folgt eine Testphase von ein bis zwei Wochen, in der das Testgerät extern bleibt und mittels Kabel, die durch die Haut geführt werden, mit den Elektroden verbunden ist. Sollte der Patient eine Schmerzreduktion von mindestens 50 Prozent erfahren, kann das Gerät dauerhaft implantiert werden.

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Für welche Patienten ist das HFX-System geeignet?

Den Hauptanteil machen Patienten mit chronischen Rücken- und Beinschmerzen aus, häufig nach mehreren Voroperationen an der Wirbelsäule. Aber es kommen auch immer mehr Indikationen hinzu, bei denen sehr gute Ergebnisse erzielt werden. Generell können Neurostimulationsverfahren bei allen dauerhaften neuropathischen Schmerzen angewendet werden, die nicht genügend auf die konventionellen medizinischen Therapien wie Physiotherapie oder Medikamente reagieren. Sehr gute Erfolge erzielen wir z.B. bei Patienten mit einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK), aber auch bei der diabetischen Polyneuropathie. Durch den vasodilatatorischen Effekt der Stimulation kommt es hier sogar zu einer besseren Durchblutung der Gefäße. Daneben eignet sich das System bei Schmerzen, die durch nicht operable Spinalkanalstenosen ausgelöst werden. Auch Patienten mit regionalen Schmerzsyndromen (CRPS, früher Morbus Sudeck) sprechen oft sehr gut auf die Behandlung an. Selbst bei Phantomschmerz nach Amputationen kann die Hochfrequenzstimulation angewendet werden. Viele Patienten suchen unsere Hilfe leider erst sehr spät auf, was oft an der mangelnden Kenntnis ihrer behandelnden Ärzte über Neurostimulation liegt. Optimalerweise sollten Patienten innerhalb von ein bis zwei Jahren nach den ersten Symptomen ein Implantat erhalten und nicht erst, wenn sie unter Folgeschäden jahrelanger Opioid-Einnahme leiden. Zudem ist es wichtig, die Effektivität der Behandlung regelmäßig zu überprüfen, um das System bei Bedarf durch Umprogrammierungen anzupassen.

Patientenerfahrung:

Endlich wieder durchschlafen: Mehr als 12 Jahre lang musste Anke Purrucker mit heftigen Schmerzen leben. 2009 hatte sie einen Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule. Aufgrund der starken Beschwerden ließ sie sich operieren. Doch anschließend wurden die Schmerzen nicht besser – im Gegenteil. Sie wurden immer schlimmer und zogen vom Rücken über das Gesäß in die Beine und den Fuß. Selbst stärkste Schmerzmittel wie Morphin halfen nur bedingt. Seit 2010 gilt die heute 56-Jährige als chronische Schmerzpatientin. Die Hausarbeit schaffte sie nur in Etappen, an schöne Spaziergänge oder Durchschlafen war nicht zu denken. Die Psyche litt entsprechend. Dann las sie im Internet von der Neurostimulation. Mitte September 2022 endlich wurde nach einer erfolgreichen Testphase das Gerät dauerhaft implantiert. „Seitdem bin ich einfach nur glücklich“, erklärt Anke Purrucker. „Waren meine Schmerzen auf der Schmerzskala vorher immer zwischen 8 und 9, liegen sie jetzt gerade mal zwischen 4 und 5. Ich kann wieder mehr Stunden arbeiten, ausgedehnte Spaziergänge unternehmen, endlich durchschlafen und die Hausarbeit schaffe ich jetzt in einem Rutsch.“

Kontaktinformationen

muskala bayerl web

Dr. Bartolomäus Muskala und PD Dr. Simon Bayerl
Praxis Inter-Neuro
Schlüterstraße 38
10629 Berlin
Tel.: (030) 887 16 61-0
praxis@inter-neuro.de

Finden Sie ein HFX-Zentrum in Ihrer Nähe:
www.nevrohfx.com/de/arztsuche/

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Dr. med. Ardeshir Ardeshiri
Chefarzt Neurochirurgie
Wilhelmsburger Krankenhaus Groß-Sand
Groß-Sand 3
21107 Hamburg
Tel.: (040) 752 05 94 – 0
a.ardeshiri@gross-sand.de