Becken- und Acetabulumchirurgie

VonUlrike Pickert

Unser Becken ist das Bindeglied zwischen unserem Oberkörper und unseren Beinen. Es erfüllt verschiedene Funktionen. In erster Linie sorgt es dafür, dass das Gewicht des Kopfes und des Oberkörpers gleichmäßig auf die Beine übertragen wird. Teile des knöchernen Beckens bilden jeweils die Pfanne des rechten und linken Hüftgelenks, in welcher der Oberschenkelkopf sitzt. Bei Frauen spielt das kleine Becken zudem eine entscheidende Rolle bei der Geburt. 

Sind die Funktionen des Beckens oder des Hüftgelenks gestört, wirkt sich das negativ auf unsere Statik und Beweglichkeit aus. Eine relativ häufige Erkrankung ist die sogenannte Hüftdysplasie.

Hüftdysplasie 

Bei einer Hüftdysplasie handelt es sich um eine angeborene Fehlbildung der Hüftpfanne (Acetabulum), bei der diese nicht genügend ausgereift ist. Dadurch ist der Hüftkopf (oberer Teil des Oberschenkelknochens) nicht ausreichend überdacht, die Hüfte ist instabil und kann schlimmstenfalls bei bestimmten Bewegungen auskugeln. Wird eine Hüftdysplasie nicht behandelt, kommt es, je nachdem wie stark die Fehlbildung ausgeprägt ist, zu unterschiedlichen Symptomen: Ein Bein kann kürzer sein als das andere, die Kinder können unter Umständen nicht richtig laufen und watscheln. Oft kommt es bei den Betroffenen schon in jungen Jahren zu einem Verschleiß des Hüftgelenks (Arthrose). 

Um diese Folgen zu vermeiden, prüfen die Ärzte in der Regel bei allen Säuglingen im Rahmen der U-Untersuchungen mittels Ultraschall, ob sich die Hüfte richtig entwickelt hat. Eine leichte Hüftdysplasie kann sich in den ersten Lebenswochen von alleine auswachsen. Ist dies nicht der Fall, bekommen die Kinder eine sogenannte Spreizhose oder Spreizschiene. Eine solche Orthese sorgt dafür, dass die Hüftgelenke des Babys gebeugt und leicht abgespreizt werden. In dieser Stellung kann die Hüfte dann nachreifen. In den allermeisten Fällen werden mit dieser Behandlung gute Erfolge erzielt.

Pfannendachplastik im Kindesalter

Reichen diese konservativen Maßnahmen aber nicht aus, besteht z. B. die Möglichkeit einer sogenannten Pfannendachplastik (Acetabuloplastik), bei der die Ärzte im Rahmen einer Operation ein Stück vom Darmbein abtrennen, nach unten klappen und es in der richtigen Position mit einem Knochenkeil fixieren. Diese Operation setzt voraus, dass die Teile des Hüftbeins noch nicht miteinander verwachsen sind und kann folglich nur im Kindesalter durchgeführt werden.

Da das Hüftdysplasie-Screening im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen erst Mitte der 1990er Jahre eingeführt wurde, gibt es Patienten, bei denen eine angeborene Hüftdysplasie erst im Erwachsenenalter aufgrund von Schmerzen in der Leiste und/oder im Hüftgelenk erkannt wird. In diesen Fällen gilt es, einer (weiteren) Arthrose des Hüftgelenks und somit der Notwendigkeit eines künst-lichen Gelenks vorzubeugen. 

Beckenosteotomie 

Um eine ausreichende Überdachung des Hüftkopfes bei Patienten zu erreichen, bei denen die drei Knochen des Hüftbeins bereits miteinander verwachsen sind, stehen im Wesentlichen zwei operative Verfahren zur Auswahl: 

• die 3-fach-Beckenosteotomie (3FBO) nach Tönnis

• die periazetabuläre Osteotomie (PAO) nach Ganz.

Bei beiden Methoden wird das Hüftbein an mehreren Stellen durchtrennt, in die richtige Position gebracht und anschließend verschraubt. Bei der 3-fachen-Beckenosteotomie nach Tönnis durchtrennen die Ärzte zunächst das Sitzbein. Anschließend erfolgt die Osteotomie des Schambeins. In einem weiteren Schritt setzen die Ärzte eine Führungsschraube ein, mit der sie später die herausgelöste Hüftpfanne in die richtige Position drehen können. Erst dann durchtrennen die Ärzte das Darmbein und bringen die Hüftpfanne in die gewünschte Position. Abschließend wird das Becken mit Schrauben stabilisiert. 

Auch bei der periazetabulären Osteotomie nach Ganz wird die Hüftpfanne vollständig aus dem Hüftbein herausgelöst. Allerdings erreichen die Ärzte dies über eine andere Schnittführung (periazetabulär: um die Pfanne herum), bei der der hintere Hüftpfeiler nicht durchtrennt wird und der Beckenring somit stabil bleibt. 

Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile. Welche Methode infrage kommt, muss im Einzelnen entschieden werden. In jedem Fall ist mit einer mehrwöchigen Rehabilitationszeit zu rechnen. Vielfach kann jedoch eine der beiden Operationen bei Patienten mit einer Hüftdysplasie einem (weiteren) Gelenkverschleiß vorbeugen und den Einsatz eines künstlichen Hüftgelenks deutlich hinauszögern oder sogar ganz verhindern.

Beckenbruch

Frakturen des Beckenrings

Unser Beckenring ist relativ stabil. Damit er bricht, müssen große Kräfte auf ihn einwirken. Viele Beckenringfrakturen ereignen sich im Rahmen eines Verkehrsunfalls oder bei einem Sturz aus größerer Höhe. Bei Osteoporose-Patienten kann das Becken bereits bei normalen Stürzen brechen. Menschen mit einer Beckenringfraktur haben aufgrund der Umstände häufig weitere, oft innere Verletzungen. Ärzte sprechen in diesem Fall von einem Polytrauma. 

In der Medizin werden Beckenbrüche in drei Kategorien eingeteilt:

A. Stabile Fraktur des Beckens

B. Frakturen , die teilweise instabil sind

C. Vollständig instabile Frakturen 

Frakturen der Kategorie A können in der Regel konservativ behandelt werden, Beckenbrüche der Kategorien B und C erfordern meistens eine Operation. Dabei kommen, je nach Art und Lokalisa-tion der Brüche, verschiedene Verfahren (Platten, Draht, Schrauben) zum Einsatz, um den Bruch zu fixieren. Instabile Beckenbrüche gehen vielfach mit schweren Blutungen einher, die lebensgefährlich werden können. In einem solchen Notfall fixieren die Ärzte das Becken zunächst z. B. mit einer sogenannten Beckenzwinge oder einem Fixateur externe. Hat sich der Patient ausreichend erholt, kann der Bruch während einer Operation verplattet und/oder verschraubt werden.

Frakturen der Hüftpfanne 

(Acetabulumfraktur)

Bricht das Becken im Bereich der Hüftpfanne, ist hier das oberste Ziel der Ärzte, die Pfanne so glatt und stabil wie möglich wiederherzustellen, damit sich keine Arthrose im Gelenk bildet. Auch hier stehen verschiedene Methoden der Fixierung zur Verfügung. Bei alten und betagten Patienten kann es im Einzelfall sinnvoll sein, ein künstliches Hüftgelenk einzusetzen, um eine alltagstaugliche Belastung und Mobilität zu erreichen. 

von Ulrike Pickert

aus ORTHOpress 2/17

Fragen und Antworten

Wo sind die Schmerzen bei einer Hüftdysplasie?

Betroffene Kinder können unter Umständen nicht richtig laufen. Ein Bein ist eventuell kürzer als das andere und die Patienten weisen einen Watschelgang auf. Bereits in jungen Jahren kann eine Hüftdysplasie zu einer Hüftarthrose und den damit verbundenen Schmerzen führen.

Wann muss bei einer Hüftdysplasie operiert werden?

Eine angeborene Hüftdysplasie muss operiert werden, wenn konservative Maßnahmen nicht ausreichen, um die Hüfte ausreichend zu korrigieren. Unbehandelt kann eine Hüftdysplasie zu starker Arthrose führen, welche letztlich den Einsatz eines künstlichen Gelenks notwendig machen kann.

Wie lange dauert es, bis ein Beckenbruch verheilt ist?

Wie lange es dauert, bis ein Beckenbruch verheilt ist, hängt unter anderem davon ab, wo der Bruch lokalisiert ist und wie ausgeprägt die Verletzung ist.

Über den Autor