Suche
0
Anzeige
Krankheitsbilder

Basiswissen Arthrose

arthrose

Was bedeutet der Knorpelschwund für mich? 

Arthrose gilt für viele als „Alterserkrankung“, doch die schmerzhafte Abnutzung des Knorpels ist keine reine Frage des Alters. Durch Unfälle, Stoffwechselerkrankungen und andere einschneidende Erlebnisse kann es auch in jüngeren Jahren zu Ar-throse kommen. Die ersten Symptome sind aber eher unauffällig, sodass sie oft übersehen werden. Doch mit dem richtigen Wissen über Arthrose lassen sich viele Jahre voller Lebensqualität gewinnen.

Was genau ist Arthrose & warum ist Knorpel wichtig?

Arthrose ist eine schmerzhafte Krankheit, die die Gelenke betrifft. Grund für die Schmerzen ist der Knorpel bzw. nicht mehr vorhandener Knorpel. Gelenke sind die Stellen im Körper, an denen zwei Knochen aufeinandertreffen und an denen Bewegungen stattfinden. Damit die beiden harten Knochenflächen nicht ungebremst aufeinandertreffen, dient der Knorpel als Pufferschicht. Er besteht zu 70 Prozent aus Wasser, speziellen Kohlenhydraten und Eiweißen. Dieses „Kissen“ fängt z. B. beim Laufen Stöße ab und verteilt sie gleichmäßig auf das gesamte Gelenk. Das Besondere am Knorpel ist, dass er nicht durchblutet ist, sondern seine Nährstoffe durch Diffusion aus dem umliegenden Gewebe erhält. Würden Blutgefäße durch den weichen Knorpel verlaufen, würden sie bei jeder Belastung eingequetscht und die Blutversorgung wäre unterbrochen. Daher bezieht der Knorpel seine Nährstoffe auf anderem Wege: Die Zellwände lassen bestimmte Stoffe passieren, sodass Nährstoffe in die Zellen gelangen, und Abfallstoffe ausgeleitet werden. Wird der Knorpel gedrückt, treten Stoffe aus, entspannt er sich, können Nährstoffe hineingelangen. Bei Arthrose ist der Knorpel zu Schaden gekommen, was Schmerzen und Probleme mit der Beweglichkeit auslöst. Arthrose wird in eine primäre und eine sekundäre Form unterteilt. Bei der primären Arthrose tritt der Knorpelverschleiß ohne erkennbare Ursache auf, aktuell stehen Erbanlagen als Ursache im Verdacht. Für die sekundäre, weitaus häufigere Form der Arthrose, gibt es vier bekannte Ursachen bzw. Risikofaktoren, die das Auftreten begünstigen können.

Die vier möglichen Ursachen der sekundären Arthrose

1. Fehlbelastung

Der Knorpel braucht Anspannung und Entspannung für seine Nährstoffversorgung. Belastet man ein Gelenk nicht, gerät der Stoffwechsel ins Stocken, belastet man das Gelenk überproportional, kann der Knorpel reißen. In beiden Fällen kann es zu Knorpelschäden kommen. Chronische Fehlstellungen wie X- oder O-Beine, Hallux valgus oder eine ständige starke Belastung mit hohen Gewichten können dem Knorpel ebenso schaden, weil die Belastung dann nicht gleichmäßig, sondern an einigen Stellen übermäßig stark erfolgt. An diesem Punkt wird aus orthopädischer Sicht oft mit Orthesen, Einlagen und Schienen gegengearbeitet, um die weitere Ausdünnung des Knorpels zu verhindern.

2. Starkes Übergewicht

Je mehr ein Mensch wiegt, desto mehr Masse müssen die Gelenke im Schnitt bewegen. Wenn das Gewicht steigt, kann das Gelenk nicht mitwachsen, sodass das verhältnismäßig kleine Gelenk einer größeren Belastung standhalten muss. Um das zu vermeiden raten Mediziner zu „Normalgewicht“. Wie hoch das Normalgewicht ist, hängt von der Körpergröße ab. Das Normalgewicht ist das Gewicht, bei dem noch ein gutes Verhältnis zwischen der Leistungsfähigkeit des Gelenks und der Gewichtsbelastung herrscht. Alles darüber hinaus verlangt dem Gelenk auf Dauer zu viel ab und kann Arthrose und andere Schäden begünstigen.

3. Verletzungen

Der Bruch eines Knochens oder der Riss eines Muskels kann zwar wieder heilen, aber bis zu diesem Punkt versuchen andere Teile des Körpers die zusätzlichen Anforderungen aufzufangen, so auch die Gelenke. Ähnlich wie bei Menschen mit angeborenen Fehlstellungen werden die Gelenke dadurch falsch belastet. „Falsch“ heißt in diesem Fall, dass das Gelenk für diese Statik nicht ausgelegt ist. Auch eine in der Verletzungszeit angewöhnte Schonhaltung kann Arthrose begünstigen. Wer eine schwerere Verletzung hinter sich hat, sollte also versuchen, so rasch wie nur möglich in das normale Bewegungsmuster zurückzufinden, um nicht Jahre später noch Arthrose an der verletzten Stelle zu entwickeln.

4. Chronische Erkrankungen

Rheuma zum Beispiel ist eine Erkrankung, bei der sich die Gelenke chronisch entzünden. Dann schmerzen sie und werden immer weniger bewegt, was den Knorpel schlechter mit Nährstoffen versorgt und die Knorpel-Degeneration befördert. Wer eine Stoffwechselerkrankung hat, ist überdurchschnittlich häufig von Arthrose betroffen. Diabetes oder Gicht sind weitere Krankheiten, bei denen sich Stoffe, die eigentlich verstoffwechselt werden müssten, in den Gelenken ablagern können. Diese Ablagerungen reizen das Gewebe und können Schmerzen und in der Folge falsche Belastungen triggern. Auch bakterielle Entzündungen an den Knochen können eine Arthrose auslösen oder verschlimmern.

red arthrose koerperstellen

Wo tritt Arthrose auf?

Arthrose kann prinzipiell an jeder Gelenkknorpelstelle im Körper auftreten, an der zwei Knochen aufeinandertreffen. Typische Gelenke sind die Zwischenwirbelgelenke, Hüfte, Schulter, Kiefer, Knie, Hände, Finger und Füße. Tritt die Arthrose nur an einem Gelenk auf, heißt es Monarthrose, bei mehreren Gelenken spricht man von einer Polyarthrose. Je früher eine Arthrose bemerkt wird, desto besser. Obwohl es diverse Behandlungsmethoden gibt, gilt Knorpel allgemein noch als nur sehr schwer oder gar nicht zu regenerierendes Gewebe.

Die vier Arthrose-Grade

Bei der Arthrose unterscheidet man vier Stufen, bzw. Grade.

In Grad I sind die meisten Patienten noch beschwerdefrei. Der Knorpel ist etwas dünner geworden und die eigentlich spiegelglatte Knorpeloberfläche ist angeraut oder leicht aufgefasert. Pro-bleme mit der Beweglichkeit treten noch nicht auf.

Auch in Grad II merken nur manche Betroffene etwas: Das Gelenk lässt sich normal bewegen, manche haben „so ein Gefühl, dass etwas nicht stimmt“. Der Knorpel ist weiter ausgefasert, der unverhältnismäßig verteilte Druck macht sich bemerkbar.

In Grad III sind bei einer Gelenkspiegelung, also der Sicht ins Gelenk mit einer Kamera, bereits bis zum Knochen reichende Risse im Knorpel erkennbar. Der Knorpel ist zwar noch vorhanden, aber deutlich ausgedünnt und aufgefasert. Die tiefen Risse sind Stellen, an denen es bald für den Knochen gefährlich werden kann. Bei Grad III sind schon erste Beweglichkeitseinschränkungen zu spüren, das Gelenk wird anfälliger für Entzündungen.

Bei Grad IV ist stellenweise gar kein Knorpel mehr vorhanden, die Knochen liegen blank und reiben bei Bewegung direkt aufeinander. Hier spricht man von einer aktivierten Arthrose, denn durch die permanente Reibung bilden sich schnell Entzündungen, Schwellungen oder Gelenkergüsse. Das bedeutet heftige Schmerzen, und das Gelenk versteift nach und nach, teilweise bilden sich schmerzhafte, knöcherne Auswüchse im Gelenk. In der Folge kann die Gelenkflüssigkeit auch in den Knochen eindringen oder aus dem Gelenk austreten, der Stoffwechsel ist gestört. Aufgrund der starken Schmerzen wollen Betroffene mit diesem Grad das Gelenk am liebsten gar nicht mehr bewegen. Dadurch verkümmern allerdings die Muskeln und Sehnen, was die Beweglichkeit zusätzlich einschränkt.

Symptome von Arthrose

Es ist wichtig, Arthrose so früh wie möglich zu erkennen. Dies gestaltet sich jedoch als schwierig, da die ersten beiden Grade häufig noch keine Beschwerden verursachen. Schmerzen, Steifigkeit und verringerte Beweglichkeit sind klare Symptome, dass sich ein Arzt das Gelenk ansehen sollte. Als Erstes tritt häufig ein Belastungsschmerz auf, also immer wenn das Gelenk bewegt wird, oder wenn nach größerer Anstrengung Ruhe einkehrt – beispielsweise abends auf dem Sofa nach einer längeren Belastung. Später treten die Schmerzen auch bei nur leichten Bewegungen oder im Ruhezustand auf. Häufig schwillt das betroffene Gelenk an oder fühlt sich kraftlos an. Spätestens an dieser Stelle sollte ein Mediziner konsultiert werden, da diese Schmerzen von allein nicht verschwinden.

Wie wird eine Arthrose-Diagnose gestellt?

Neben einer Befragung/Anamnese und einer körperlichen Untersuchung werden hauptsächlich bildgebende Verfahren zur Diagnose eingesetzt. Auf einer Röntgenaufnahme oder in der genaueren Computertomografie (CT) sind zwar nur Knochen erkennbar, aber damit lassen sich Veränderungen im Gelenkspalt und mögliche Knochenauswüchse feststellen. In einer Ultraschallaufnahme werden Knochen, Kapseln und Muskeln abgebildet und damit auch mögliche Entzündungen, Gelenkergüsse oder Zysten sichtbar gemacht. Aber auch hier ist der Knorpel selbst nicht sichtbar. Nur mittels einer Magnetresonanztomografie (MRT) ist der Knorpel erkennbar, ohne chirurgisch ins Gelenk zu schauen. Auf dem MRT-Bild kann auch die Knorpelabnutzung im Anfangsstadium nachgewiesen werden, weshalb es beim Verdacht auf Arthrose häufig zum Einsatz kommt.

Wärme-, Kälte- & Elektrotherapie bei Arthrose?

Wenn die Diagnose „Arthrose“ feststeht, kommt es bei der Therapie auf den Grad der Ausprägung an. Die ersten Behandlungsmethoden sind physikalische Therapien, die abschwellend oder entzündungslindernd wirken sollen, damit das Gelenk beweglich bleibt, allen voran die Physiotherapie, die die Beweglichkeit erhalten und verbessern soll.

Ein anderer erster Schritt ist die Thermotherapie mittels fokussierter Anwendung von Wärme oder Kälte. Durch lokale Applikation von Kälte durch Eisspray, Kompressen oder kalte Wickel soll der Stoffwechsel im Gelenk verringert werden. Durch Kälte ziehen sich die Blutgefäße im Körper zusammen, das Gelenk schwillt weniger an, es entwickelt sich weniger Wärme, der Entzündungsprozess im Gelenk wird ausgebremst.

Wärme hingegen wird bei einer nicht aktivierten Arthrose verwendet. Tiefenwärme regt den Stoffwechsel an, weitet die Blutgefäße und hilft den umliegenden Muskeln, sich zu entspannen. Da Muskeln und Sehnen die Gelenke bewegen, spielen auch sie eine wichtige Rolle bei den Beschwerden. Beim Physiotherapeuten wird Wärme in Form von Fangopackungen oder warmen Wickeln angewendet. Diese zellbiologische Regulationstherapie oder Matrixtherapie, zu der auch die Behandlung mit Wärmelampen oder Rotlichtlampen gehört, dringt bis in tiefe Hautschichten ein und soll den Stoffwechsel aktivieren. Dadurch soll der Körper mehr Kraft auf die Heilung konzentrieren können. Auch Massagen oder Schröpfen, also eine biomechanische Stimulation der Stellen, können den Stoffwechsel und die Durchblutung anregen. Diese Methoden zielen insbesondere auf die Muskulatur.

Elektrische Verfahren zielen eher auf die Nervenverbindungen. Es gibt verschiedene Verfahren wie die Transkutane Elektrische Nervenstimulation (TENS-Verfahren) oder die Magnetfeldtherapie. Beide setzen bei der elektrischen Reizübertragung im Körper an und blockieren bzw. beeinflussen sie, damit die überreizten Nerven keine Impulse mehr ans Gehirn senden können, wodurch kein Schmerz mehr empfunden wird. Die Ursache, der abgenutzte Knorpel, kann so aber nicht geheilt werden.

Schmerzmedikamente bei Arthrose

Schmerz an sich ist ein Warnzeichen und signalisiert dem Körper, dass etwas nicht stimmt. Aber spätestens nach der Diagnose „Arthrose“ wissen die Betroffenen von der Problematik, können deren Ursache aber nicht so einfach beheben. In diesen Fällen ist der Schmerz kein wichtiges Warnsignal mehr, das bei richtiger Bewegung oder Schonung aufhört, sondern chronisch. Hier werden häufig Schmerzmedikamente verschrieben, da es wichtig ist, sich weiterhin zu bewegen und Muskelabbau zu vermeiden. Schmerzmittel sind zwar beliebt, weil sie ohne viel eigenen Aufwand relativ gute Ergebnisse liefern, sie sind jedoch keine Dauerlösung. Bei einer akuten Arthrose werden meist nicht steroidale Antirheumatika eingesetzt, Paracetamol oder Ibuprofen, seltener werden örtliche Betäubungsmittel direkt ins Gelenk gespritzt. Wenn die Arthrose häufiger akut wird, wird zusätzlich mit Cortisonpräparaten behandelt, die entzündliche, allergische oder autoimmunologische Prozesse unterdrücken. Cortison ist aufgrund der starken Nebenwirkungen allerdings nicht für eine langfristige Anwendung geeignet.

Hyaluron und PRP: Spritzen gegen Arthrose?

Hyaluronsäure, wie man sie von Anti-Aging-Produkten und kosmetischen Operationen kennt, kommt natürlicherweise auch im Gelenkknorpel vor. Obwohl die wissenschaftliche Datenlage unklar ist, empfinden viele die Hya-luronsäure, die direkt in das Gelenk gespritzt wird und dort als eine Art „Schmiermittel“ bei der Bewegung unterstützen sollen, als mittelfristige Rettung vor einer Endoprothese-Operation.

Die alternative Spritze zur Hyaluronsäure ist das thrombozytenreiche Plasma, kurz PRP. Dabei werden den Betroffenen wenige Milliliter Blut entnommen, die dann zentrifugiert werden, um die flüssigen Anteile vom Plasma zu trennen. Dieses Plasma ist besonders reich an Thrombozyten, den Reparaturzellen des Körpers. Dieses angereicherte Plasma wird in das Gelenk gespitzt, um die Entzündung zu unterdrücken und die Regeneration des Knorpels lokal zu unterstützen. Der Vorteil des körpereigenen Plasmas ist, dass allergische Reaktionen nahezu ausgeschlossen sind.

Operative Möglichkeiten bei Arthrose

Wenn gleichzeitig mechanische Probleme wie Meniskusschäden oder Einklemmungen am Gelenk vorliegen, wird bei Arthrose eine Arthroskopie (Gelenkspiegelung) durchgeführt: Eine Kamera wird in das Gelenk eingebracht, um die reale Situation beurteilen zu können. Die Arthroskopie ist routinemäßig heutzutage nicht mehr indiziert, da Studien gezeigt haben, dass sie keinen langfristigen Nutzen bringt. Bei der Lavage oder dem Debridement wird das Gelenk mit einer Kochsalzlösung ausgespült, wodurch abgelöste Knorpelfasern, Gewebereste, Entzündungsbotenstoffe und andere „Störfaktoren“ aus dem Gelenk entfernt werden. Beim Shaving bzw. der Abrasion wird der Knorpel glatt geschliffen, um die Reibung auf den Oberflächen zu reduzieren, damit das Gelenk der natürlichen glatten Struktur wieder etwas näher kommt. Alternativ wird ein Loch in den Knorpel gestanzt, um die natürliche Heilung des Körpers an dieser Stelle zu forcieren. Der Körper bildet mit der Zeit hyaluronreichen neuen Knorpel. Dieser ist zwar nicht so stabil und leistungsfähig wie das Original, aber für die Betroffenen weniger schmerzhaft als blanker Knochen. In der Forschung werden zudem Alternativen wie die Verpflanzung von körpereigenem Knorpel aus der Rückseite des Kniegelenks oder der Nasen getestet.

Sollten Fehlstellungen wie X- oder O-Beine für die Arthrose verantwortlich sein, wird meist in einer Korrekturosteotomie die Gelenksituation so verändert, dass der angegriffene Knorpel zukünftig möglichst wenig belastet wird. Sollte die Belastung nicht verringert werden können, schreitet die Degeneration weiter voran, sodass oft nur noch eine Endoprothese, also ein neues Gelenk, Abhilfe schaffen kann.

Endoprothesen bei Arthrosebeschwerden

Endoprothesen gelten als letzter Schritt, wenn konservative Therapien oder kleinere Eingriffe wie Lavage und Shaving nicht zu einer Besserung der Symptome führen. Je nach Notwendigkeit werden Teilendoprothesen, die nur einen Teil des Gelenks ersetzen, oder Totalendoprothesen (TEP), die das komplette Gelenk ersetzen, anstelle des natürlichen Gelenks eingesetzt. Der Trend geht seit Jahren zu minimalinvasiven Eingriffen, bei denen beim Gelenkersatz möglichst viel natürliches Gewebe erhalten bleiben soll. Da Endoprothesen künstliche Gelenke aus Metall, Kunststoff oder Keramik sind, die nicht über Regenerationsmöglichkeiten verfügen, haben sie nur eine begrenzte Haltbarkeit. Je jünger ein Patient beim Empfang der Endoprothese ist, desto wahrscheinlich ist es, dass er in seinem Leben eine Wechseloperation antreten muss. Bei modernen Totalendoprothesen gelten 20 bis 25 Jahre als Durchschnitt für die Haltbarkeit, bei Teilendoprothesen sind es 10 bis 15 Jahre. Die realen Zahlen variieren aber je nach Gelenk und Einzelfall.

Knie-Endoprothetik: der aktuelle Forschungsstand

In Deutschland werden jährlich über 200.000 solcher Operationen an Knien durchgeführt, schon immer mit dem Ziel, dauerhafte Schmerzlinderung und eine bessere Beweglichkeit des betroffenen Knies zu erreichen. Doch die Erwartungen der Patientinnen und Patienten an eine Endoprothese sind in der Vergangenheit enorm gestiegen. Neben Schmerzfreiheit wünschen sich Patientinnen und Patienten heutzutage natürliche Beweglichkeit über Jahre und die schnelle Rückkehr in Alltag, Beruf und Sport. Um dem gerecht zu werden, bieten viele Kliniken vermehrt neue Implantat-Designs, innovative Operationstechniken und moderne Technologien an.

Prothesen nach dem Medial-Pivot-Prinzip

Eine Möglichkeit des Prothesen-Designs ist das sogenannte Medial-Pivot-Prinzip („medial“ = innenseitig). Mit diesem Implantatkonzept soll die natürliche Biomechanik des Kniegelenks möglichst exakt nachgebildet werden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Prothesen, die vor allem eine Roll- oder Gleitbewegung imitieren, bildet die Medial-Pivot-Prothese die Drehbewegung des Knies um einen zentralen inneren Drehpunkt nach. Während der innere (mediale) Gelenkanteil stabil bleibt, bewegt sich der äußere (laterale) Anteil in einem größeren Radius – etwa bis zu 15 Grad. Das Ergebnis ist eine stabilere, natürlichere Bewegungsbahn. Viele Patientinnen und Patienten mit einer Medial-Pivot-Prothese berichten über ein „natürlicheres“ Gefühl im Knie und eine größere Sicherheit beim Gehen und Treppensteigen. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Medial-Pivot-Prothesen potenziell eine höhere Patientenzufriedenheit und eine längere Haltbarkeit als herkömmliche Prothesen bieten können (J.W. Pritchett, JBJS 2004, 2011). Registerdaten aus dem Endoprothetikregister Deutschland (EPRD) zeigen bei dieser Methode mit die geringsten Frühkomplikationsraten.

OP-Methode mittels Navigation & Augmented Reality

Neben den Prothesen befinden sich auch die operativen Methoden im Wandel. Heute können Chirurgen durch Navigationssysteme auf CT- oder MRT-Aufnahmen basierende virtuelle 3-D-Modelle des Knies nutzen, um die ideale Position des Implantats schon vor dem Eingriff individuell zu planen. Neuere Verfahren setzen sogar auf Augmented-Reality-Brillen: Sie projizieren während der Operation virtuelle Hilfslinien ins Sichtfeld des Operierenden. So können Achsen und Positionen des Implantats stetig überprüft und bei Bedarf angepasst werden. Die korrekte kinematische Ausrichtung der Prothese ist wesentlich, um die natürliche Bewegungsfähigkeit des Knies zu gewährleisten und langfristige Komplikationen zu vermeiden. Bei Fehlstellungen des Kniegelenks (z. B. X- oder O-Bein) sind die Innen- und Außenbänder gegebenenfalls gedehnt oder verkürzt; dies muss bei der Ausrichtung der Implantatkomponenten ebenfalls berücksichtigt werden, damit wieder eine natürliche Bandspannung gegeben ist. Die genaue Planung und AR-Brillen unterstützen die Operateurinnen und Operateure dabei.

Robotergestützte Systeme

Roboter werden immer öfter für die Planung und Durchführung von Eingriffen eingesetzt. Einige robotergestützte Systeme nutzen präoperative CT-Scans, um ein dreidimensionales Modell des Kniegelenks zu erstellen, an dem die Operation und optimale Positionierung der Prothese exakt geplant und im Vorfeld virtuell „durchgespielt“ werden können. Roboter unterstützen auch bei Operationen, führen jedoch keine eigenständigen Bewegungen aus, sondern assistieren, indem sie präzise Schnitte ermöglichen und kontinuierlich die Implantatposition überwachen. Das kann die Genauigkeit erhöhen und langfristig zu besseren funktionellen Ergebnissen führen. Allerdings sind Robotersysteme kostspielig und erfordern umfangreiche Schulungen. Der additive Nutzen solcher Systeme ist bislang noch nicht eindeutig bewiesen und ein Nachweis der Überlegenheit gegenüber herkömmlicher Implantationsmethoden ausstehend. Daher wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen, ob sich diese Technologie bundesweit für alle Patientinnen und Patienten durchsetzen wird.

Faktoren für eine erfolgreiche Knie-Endoprothetik

Ein erfolgreicher Kniegelenkersatz hängt nicht allein von der Operation ab: Ebenso wichtig sind die Vorbereitung, Nachbehandlung und Physiotherapie. Bereits vor dem Eingriff sollten Patientinnen und Patienten beginnen, die Muskulatur rund um das Knie zu stärken, da es die spätere Rehabilitation erleichtert und, gerade bei älteren Menschen, das Sturzrisiko senkt. Auch eine gute Organisation der häuslichen Umgebung nach der Operation (z. B. Beseitigung von Stolperfallen, Bereitstellung von Gehhilfen) ist wichtig. Der Eingriff selbst kann je nach medizinischer Einrichtung und Operateurin oder Operateur mittels minimal-invasiver, innovativer Techniken und schonender Anästhesieverfahren durchgeführt werden, um den operativen Stress zu minimieren.

Nach der Operation steht die schnelle Mobilisierung im Vordergrund: Bereits wenige Stunden nach dem Eingriff werden die Patientinnen und Patienten ermutigt, sich zu bewegen. Dies fördert die Durchblutung, reduziert das Risiko von Thrombosen und unterstützt die Heilung. Die postoperative Schmerztherapie wird individuell angepasst, um eine optimale Schmerzkontrolle zu gewährleisten und die Mobilität zu fördern. Vereinzelt bieten Kliniken oder Praxen spezielle Apps an, die Patientinnen und Patienten vor und nach dem operativen Eingriff durch Übungsprogramme, Informationen und Erinnerungen an Kontrolltermine unterstützen.

Der Trend zur ambulanten Behandlung

Das deutsche Gesundheitswesen befindet sich im Wandel: Wartezeiten auf Operationen und Reha-Plätze nehmen stetig zu, gleichzeitig sollen stationäre Aufenthalte so weit wie möglich verkürzt werden. Erste Kliniken bieten daher bei geeigneten, vor allem jüngeren und mobilen Patientinnen und Patienten, den ambulanten Kniegelenkersatz an. Dieses Konzept ist aus der Hüftendoprothetik bereits bekannt und hat sich in spezialisierten Zentren bewährt. Neben dem Eingriff kann auch ein Teil der Rehabilitation ambulant erfolgen, sodass gerade Berufstätige und Selbstständige von diesem ambulanten Behandlungspfad profitieren könnten.

Grundsätzlich ist die optimale Behandlung eine Kombination diverser Maßnahmen, die die perioperativen Abläufe, die postoperative Genesung und letztlich das Gesamtergebnis verbessern. Dank innovativer Implantate wie der Medial-Pivot-Prothese und neuer Technologien wie Navigation, Augmented Reality und Robotik lässt sich der Kniegelenkersatz heute präziser, individueller und schonender durchführen als je zuvor. Doch der Mensch ist und bleibt im Mittelpunkt: Eine gute Vorbereitung, gezielte Nachbehandlung und die aktive Mitarbeit der Patientinnen und Patienten sind entscheidend für ein dauerhaft schmerzfreies und bewegliches Knie.

von Andrea Freitag