Anti-Aging: Vorzeitig alt – oder lange jung?

Eine Betrachtung aus der Sicht des Orthopäden

Gesundheit und Leistungsfähigkeit, sich wohl fühlen und attraktiv sein, das sind Wünsche einer großen Mehrheit von uns. Die Bereitschaft zur Gesundheitsvorsorge oder -pflege entsteht meistens aber erst, wenn durch Verletzungen oder Verschleiß Störungen auftreten.

Die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten von Fehlfunktionen des menschlichen Körpers sind weit entwickelt, neue Gelenke oder Organe können mittels hoch entwickelter Technik auch langfristig erfolgreich ersetzt werden. Kosten und der Aufwand hierfür sind aber beträchtlich und das Risiko für den Betroffenen nicht unerheblich, auch wenn die finanziellen Aufwendungen vollständig oder größtenteils von den Krankenkassen oder Krankenversicherungen übernommen werden.

Eigene Mithilfe ist gefragt

„Jeder Einzelne sollte bereit sein, eine gewisse Mühe für Vorsorgemaßnahmen auf sich zu nehmen, um eine einwandfreie Funktion des Körpers möglichst lange zu erhalten und nicht erst bei Auftreten von Fehlfunktionen den Arzt aufzusuchen“, sagt der Orthopäde Dr. Rainer-Euklid Magiera aus Korntal-Münchingen. „Auf einen bekannten anderen Bereich übertragen – das Auto – hieße das, auf regelmäßige Inspektion und Ölwechsel zu verzichten und die Werkstatt erst bei einer Panne aufzusuchen.“ Regelmäßiger Gesundheits-Check-up beim Arzt und dafür noch selber bezahlen? Für viele Menschen ist dies ein ungewohnter Gedanke.

Also jährliche Inspektion des Körpers?

„Aus medizinischer Sicht ist es äußerst sinnvoll, eine Ganzkörperuntersuchung wiederholt durchzuführen, Belastungen in Beruf und Freizeit einzuschätzen, Risikofaktoren und familiäre Neigungen zu erkennen. Diese Basisdiagnostik ist sicher auch nicht teurer als eine Routineinspektion in der Autowerkstatt. In Abhängigkeit von bereits aufgetretenen Beschwerden, alten Verletzungen oder chronischen Erkrankungen kann durch weiterführende Diagnostik ein langfristiger individueller Behandlungsplan Verschlechterungen vorbeugen“, erläutert Dr. Magiera weiter. „Ergänzende Spezialuntersuchungen des Blutes, Gen- und Hormonanalysen können zukünftige Risiken aufzeigen und stellen ein weiteres Hilfsmittel zur Prophylaxe dar. Durch solch einen Gesundheits-Check kann ein ganzheitliches und wissenschaftlich fundiertes, individuelles Konzept aufgestellt werden mit Empfehlungen für Ernährung, Verhalten und eventuell sinnvoller Behandlung. Neben der Betrachtung des Körpers als Ganzes müssen jedoch auch die einzelnen Organsysteme des Körpers beachtet werden. Am Bewegungsapparat stehen besonders die Gelenke, die Bänder und die Muskulatur im Vordergrund.“

Unsere Gelenke bedürfen besonderer Aufmerksamkeit

Besonders betroffen vom Alterungsprozess unseres Körpers sind die Gelenke. Oft sind sie die begrenzenden Faktoren für andere Behandlungskonzepte. Ein körperliches Bewegungstraining ist z. B. mit einem defekten Knie- oder Hüftgelenk fast unmöglich. Daher muss dem Erhalt der Gelenke ein besonderes Augenmerk gelten. Alterungsprozesse an den Gelenken lassen sich verlangsamen oder teils auch stoppen. Arthrose ist behandelbar – und zwar in jedem Alter! Neben den allgemeinen Behandlungsempfehlungen wie Bewegung, Sport, Ernährung und physikalischen Anwendungen kann auch eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll und hilfreich sein.

Ernährung des Gelenkknorpels ist wichtig

Eine Schlüsselrolle spielt aber die Gelenkflüssigkeit. Durch sie wird der Gelenkknorpel ernährt und das Gelenk geschmiert. Wichtigster Bestandteil dabei ist die Hyaluronsäure. Dr. Magiera: „Sie ist eins der längsten in unserem Körper vorkommenden Moleküle und weist die Eigenschaften einer Feder auf. Durch eine Verflechtung mit anderen Molekülen kann sie als Stoßdämpfer wirken. Bei der Arthrose wird die Gelenkflüssigkeit zunehmend dünnflüssiger, die Schmierfähigkeit wird schlechter. Der Gehalt an Hyaluronsäure nimmt ab und damit auch die Stoßdämpfungseigenschaften. Wenn diese Schmier- und Schutzeffekte der Hyaluronsäure fehlen, verursachen die durch Gelenkbewegungen hervorgerufenen Scherkräfte Risse im Knorpel und Abrieb. Es kommt zur Zerstörung des Gelenkknorpels und zur Freisetzung von Entzündungszellen. Besonders schwer wiegend ist dies bei den dauerbelasteten Gelenken wie z. B. dem Kniegelenk, Hüftgelenk oder den Fußgelenken, die zuweilen ein Vielfaches des Körpergewichtes zu tragen haben. Aber auch an den Gelenken der Wirbelsäule oder anderen kleinen Gelenken, z. B. an Fingern und Daumen, treten starke Beanspruchungen auf.“

Hyaluronsäure – ein modernes Konzept zur Arthrosebehandlung

Es ist heute möglich, den wichtigsten Bestandteil der Gelenkflüssigkeit, die Hyaluronsäure synthetisch herzustellen und ins Gelenk zu injizieren. Ziel dabei ist, die schmierenden und stoßdämpfenden Eigenschaften der Gelenkflüssigkeit wiederherzustellen. Die mechanischen Belastungen des Knorpels werden vermindert, die Gelenkbeweglichkeit erleichtert und eventuell schon aufgetretene Schmerzen im Gelenk reduziert. Wie beim Ölwechsel in der Werkstatt kann so in regelmäßigen Abständen die alte Gelenkflüssigkeit abpunktiert und die neue, synthetisch hergestellte Hyaluronsäure ins Gelenk gespritzt werden. Dies ist nicht wesentlich aufwendiger oder schmerzhafter als eine Blutabnahme, und an den meisten Gelenken des Körpers möglich. Heute stehen komplette Produktpaletten zur Verfügung, z. B. Ostenil für große Gelenke oder Ostenil mini für kleinere Gelenke. Auch bei arthroskopischen Gelenkoperationen hat es sich bewährt, bereits am Ende des Eingriffs eine hyaluronsäurehaltige Lösung (Viscoseal) ins Gelenk einzubringen, so dass möglichst rasch wieder die durch die Spüllösung herausgewaschene Gelenkschmiere ersetzt wird und die Gelenkinnenflächen wieder beschichtet sind. Nach einer solchen Operation verringert sich der Schmerz, die Beweglichkeit ist verbessert und die Gelenkfunktion rascher wiederhergestellt.

 

Aus ORTHOpress 1 | 2002

Alle Beiträge dienen lediglich der Information und ersetzen keinesfalls die Inanspruchnahme eines Arztes*in. Falls nicht anders angegeben, spiegeln sie den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wider. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.