Wie entsteht ein Leistenbruch?

VonStefanie Zerres

Wie entsteht ein Leistenbruch?

Anders als oft angenommen handelt es sich beim Leistenbruch nicht um einen knöchernen Bruch, auch wenn sich diese Überzeugung immer noch hartnäckig hält. Ärzte verwenden den Ausdruck heute daher kaum noch und sprechen lieber von „Hernien“. Aber was passiert bei diesem Vorgang eigentlich? 

Genau genommen bricht beim Leistenbruch nichts durch, sondern es bricht etwas hervor: das Bauchfell nämlich, welches meist in der Leistengegend durch eine Öffnung im Bindegewebe hervortritt und nach vorn ausgestülpt wird. Es entsteht in der Regel eine Beule, die deutlich zu sehen und zu ertasten ist. Oft kommt es plötzlich zu einem Leistenbruch, wenn der Anpressdruck der Muskeln im Bauchraum sehr hoch ist. Typischerweise ist dies etwa bei der Gartenarbeit der Fall, z. B. bei einem mit Kraft ausgeführten Spatenstich in hartes Erdreich. Auch beim Bewegen einer großen Last kann es dazu kommen: Man „hebt sich einen Bruch“, wie der Volksmund sagt. 

Ursächlich ist eine Bindegewebsschwäche

Besonders bei Männern kommt es häufig zu einem Leistenbruch: Sie sind rund viermal häufiger betroffen als Frauen, bei denen meist Schwangerschaft und Geburten zu einem vermehrten Auftreten führen. Ursache für eine Hernie sind die zu Ausdünnungen neigenden Gewebsschichten – meistens im Leistenkanal, seltener im Bereich der Schenkel, des Zwerchfells oder des Nabels. Generell tritt ein Leistenbruch häufiger bei Menschen auf, bei denen das Bindegewebe in der Unterbauch- und Leistenregion schwach ist. Dabei kann diese Schwäche sowohl angeboren als auch erworben sein. Einen Sonderfall bildet die sogenannte Sportlerhernie: Hier kommt es zu einem leistenbruchähnlichen Zustand durch einen verletzungsbedingten Ausriss des Leistenbandes. 

Nicht-reponible Hernien sollten umgehend operiert werden

Bleiben die Symptome über Jahre hinweg gleich und kann der Bruch im Liegen in die Bauchhöhle zurückgleiten oder dorthin zurückgedrückt werden, spricht man von einer reponiblen Hernie. Dieser Zustand kann zwar schmerzhaft sein, stellt aber keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit dar. Kann aber die Hernie nicht in die Bauchhöhle zurück, so liegt eine nicht reponible Hernie vor. Eine solche ist oft mit großen Komplikationen verbunden und kann lebensbedrohlich sein; dann nämlich, wenn Teile des Darms in der Bruchpforte eingeklemmt werden und so die Blutversorgung unterbrochen wird. Eine solche eingeklemmte – medizinisch „inkarzerierte“ – Hernie ist ein Notfall und muss umgehend operiert werden.

Wie wird operiert?

Das Operationsziel besteht darin, den Bruchsack zurückzudrücken und die Bruchlücke so zu verschließen, dass es in der Zukunft nicht wieder zu einer Hernie kommt. Man unterscheidet dabei hauptsächlich zwei unterschiedliche Vorgehensweisen: die offene Reposition mit Hautschnitt oder die geschlossene Reposition, also ein endoskopisches bzw. laparoskopisches Verfahren. Beide Methoden haben spezifische Vor- und Nachteile. Bei der offenen Reposition mit Hautschnitt und direktem Nahtverschluss werden die benachbarten Muskeln über der Bruchlücke zusammengezogen und dort vernäht. Der Operateur hat während des Eingriffs zwar eine gute Sicht auf das Operationsgebiet, doch können durch die Naht Spannungen entstehen, die zu Beschwerden oder auch einem Wiederauftreten des Bruchs führen. Die laparoskopische Operation erlaubt den Patienten eine schnelle Rehabilitation und Wiedereingliederung in den Alltag, erfordert aber seitens des Operateurs eine große Erfahrung und ist zusätzlich dennoch mit einer erhöhten Rezidivrate verbunden. Um dieses Risiko zu minimieren, kann während des Eingriffs zur Verstärkung des Bindegewebes ein Kunststoffnetz eingesetzt werden. Bei Männern über 18 erfolgt dies heute praktisch immer, bei Kindern und Frauen im gebärfähigen Alter wird jedoch meist darauf verzichtet, da sich durch das Wachstum bzw. die Belastung des Gewebes durch ein im Mutterleib heranwachsendes Kind unerwünschte Spannungseffekte ergeben würden. Welches Verfahren für den Patienten geeignet ist, muss letztendlich immer anhand der individuellen Situation in Absprache mit dem Arzt entschieden werden. Wichtig ist aber in jedem Fall, eine durch die Einklemmung von Darmanteilen entstehende Notsituation zu verhindern sowie den Patienten von auftretenden Beschwerden und Schmerzen zu befreien.

von Arne Wondracek

aus ORTHOpress 1/18

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