Wenn die Schmerzen unerträglich werden…

VonMalte van den Berg

Wenn die Schmerzen unerträglich werden…

Hilfe bei Nervenschmerzen – Die Periphere Nervenstimulation (PNS)

Wir alle kennen die Situation: Wenn wir uns den Kopf am Türrahmen stoßen oder uns beim Kartoffelschälen in den Finger schneiden, dann lenkt das Signal „Schmerz“ unsere Aufmerksamkeit auf die lädierte Stelle unseres Körpers. Durch entsprechende Maßnahmen können wir dann die Ursache des Schmerzes beheben – das Schmerzsignal verschwindet meist innerhalb kurzer Zeit von allein wieder. Was aber, wenn sich der Schmerz verselbstständigt und einfach nicht mehr aufhören will? Dazu der Hamburger Chirurg Omar Omar-Pasha: „Besonders bei Patienten mit Rückenschmerzen – zum Beispiel nach einer Bandscheibenoperation – besteht ein Schmerzsignal weiter, obwohl die eigentliche Ursache vielleicht schon lange verschwunden ist. Mit herkömmlichen Methoden kann ihnen daher kaum noch geholfen werden: Am Ende steht für einen Großteil von ihnen die ständige Einnahme hochdosierter Schmerzmittel.“

Schmerz-„Schrittmacher“ hilft durch elektrische Impulse

Hoffnung bietet hier in vielen Fällen die Implantation eines sogenannten Schmerz-„Schrittmachers“ (SCS). Hierbei wird eine Elektrode in die Nähe des Rückenmarks platziert. Sie gibt schwache elektrische Impulse ab und fungiert so gewissermaßen als Störsender, der die Nachrichtenleitung in den Nerven gezielt beeinflussen kann. Die Wirkungsweise muss man sich in etwa so vorstellen, wie wenn man sich eine schmerzende Stelle reibt, an der man sich gestoßen hat: Durch das Reiben wird das Schmerzgefühl überlagert – ebenso tritt bei der Rückenmarkstimulation das Schmerzgefühl durch den elektrischen Impuls in den Hintergrund.

Auch bei peripheren Nerven erfolgreich

Aber nicht nur die Nerven des Rückenmarks können auf diese Art und Weise stimuliert werden. Auch Schmerz an peripheren Nerven (z.B. am Ellenbogen) kann so behandelt werden. „Dazu wird die Elektrode in einem kleinen Eingriff direkt an die Nervenscheide angenäht. So ist sie bei normaler Bewegung optimal gegen ein Verrutschen gesichert“, erläutert Omar-Pasha. „Der Impulsgeber für die Elektrode wird – wie auch bei der SCS – unter die Haut implantiert. Mit einem etwa streichholzschachtelgroßen Steuergerät kann der Patient dann die Länge und Intensität der Impulse selbst steuern, so dass er für jede Situation eine Anpassung des Reizstromes selbst vornehmen kann.“

Testphase vor der Implantation erforderlich

Die Implantation eines solchen Nervenstimulators erfolgt dabei in zwei Schritten. Omar Pasha: „Zunächst wird die Elektrode unter örtlicher Betäubung an die schmerzende Stelle vorgeschoben. Dann wird die richtige Lage mit Probestimulationen festgestellt. So können unter Mithilfe des Patienten die optimalen Einstellungen für Impulsstärke und –frequenz festgelegt werden.“ Nach dem Eingriff werden die Patienten üblicherweise nach Hause entlassen, um zu kontrollieren, ob für die Zukunft eine deutliche Linderung des Schmerzgeschehens zu erwarten ist. Nach einigen Tagen wird dann zusammen mit dem Arzt entschieden, ob das System dauerhaft installiert werden soll.

Gute Ergebnisse auch mit Morphinpumpe

Eine andere Methode, welche bei sogenannten „austherapierten“ Patienten mit gutem Erfolg zur Anwendung kommt, ist die Verabreichung von Morphium mittels einer Medikamentenpumpe. „Hierbei wird über einen winzigen Katheter eine einstellbare Menge Morphium über eine computergesteuerte Pumpe direkt in den Liquor (die Rückenmarksflüssigkeit) gegeben. Wie beim Schmerzschrittmacher wird die Pumpe in die Bauchdecke implantiert und kann vom Arzt so über ein Steuergerät eingestellt werden. Der Vorteil gegenüber einer oralen oder intravenösen Gabe von Schmerzmitteln ist hier, dass die Dosierung wesentlich feiner erfolgen kann, weil der Wirkstoff dort appliziert wird, wo er benötigt wird. Patienten mit Morphinpumpe kommen daher meist mit einer geringen Dosis aus. Viele von ihnen können so nach einer langen Phase der Zurückgezogenheit wieder ein normales Leben führen und nicht selten wieder arbeiten gehen“, erklärt Omar-Pasha. Wichtig ist dem Hamburger Chirurgen die Feststellung, dass heute niemand mehr mit entsetzlichen Schmerzen leben muss: „Während man früher den Patienten mit Aussagen wie ‚Damit müssen Sie leben’ oft jegliche Hoffnung genommen hat, sind wir heute mit der spinalen und peripheren Nervenstimulation, aber auch mit dem gezielten Einsatz von Schmerzmitteln durch eine Medikamentenpumpe in der Lage, den Medikamentenverbrauch zu reduzieren und die Lebensqualität vieler Patienten deutlich zu verbessern.“

Die meisten Krankenkassen übernehmen heute die Kosten einer elektrischen Nervenstimulation oder einer Morphinpumpe, allerdings nur nach eingehender Prüfung, denn es muss sichergestellt sein, dass dem Patienten wirklich nicht mehr auf andere Art und Weise zu helfen ist.

 

aus ORTHOpress 03|2002

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