Mehr Knochen für die Hüftprothese:

VonLena Krieger

Mehr Knochen für die Hüftprothese:

Die „Mc Minn“-Endoprothese

Zu den größten Errungenschaften der Medizin in den letzten 50 Jahren gehört sicherlich die Hüftendoprothetik. Auch jungen Menschen mit schwerer Hüftarthrose (z.B. nach Unfall) ist es heute mit ihrer Hilfe wieder möglich, ein schmerzfreies Leben zu führen, ohne an Beweglichkeit einzubüßen. Dabei ist die Entwicklung in diesem Bereich – wie es scheint – noch lange nicht an ihrem Ende angelangt. Eines ist bei der schier unüberschaubaren Fülle der inzwischen erhältlichen Hüftendoprothesen jedoch klar: Ziel der meisten Neuentwicklungen ist neben einer hohen Langzeitstabilität auch und insbesondere, den Eingriff für den Patienten möglichst schonend zu gestalten. „Schonend“ heißt dabei in erster Linie, den vorhandenen Knochen des Patienten so weit wie möglich zu erhalten, denn auch bei der Verwendung modernster Technik muss der Arzt immer daran denken, dass nach Ende der Lebensdauer der Prothese möglicherweise eine zweite Operation, ein so genannter „Revisionseingriff“ vonnöten ist. Der Erfolg eines solchen Folgeeingriffs hängt dabei wesentlich davon ab, ob noch genügend Knochenmasse vorhanden ist, um auch die neue Prothese noch fest verankern zu können.

Eines der neueren Prothesenmodelle, welche dieser Problemstellung Rechnung tragen, ist die „Birmingham Resurfacing Hip“, nach ihrem Entwickler kurz „Mc Minn-Prothese“ genannt. Orthopress sprach in Köln mit Prof. Dr. Eckard Hertel über Vor- und Nachteile dieses von ihm in Deutschland erstmals eingesetzten Modells.

Herr Prof. Hertel, wo­rin liegen die wesentlichen Neuerungen im Design der Mc Minn-Prothese?

Um eine Resektion (operative Entfernung) des Hüftkopfes so weit wie möglich zu vermeiden, hat man bereits früher versucht, den geschädigten Hüftkopf lediglich mit einer Kappe zu versehen, statt das gesamte Kugelgelenk zu ersetzen. Solche Lösungen waren aber in der Regel nur wenig erfolgreich, denn es kam in vielen Fällen zu einem Verrutschen der Kappe; damit wurde schnell eine Nachoperation nötig. Bei der Mc Minn-Prothese ist nun das Zusammenspiel von Hüftpfanne und Kappe durch die computergesteuerte Fertigungstechnik erheblich genauer. Auch ist zusätzlich durch einen Stift eine Sicherung gegen eine Positionsveränderung der Kappe gegeben. Da es sich um eine Metall-auf-Metall-Konstruktion handelt, beträgt die Genauigkeit 1/1000 mm – eine Präzision, die bisher bei einer Hüftprothese undenkbar war.

Eine Resektion des Hüftkopfes ist also auch hier nicht notwendig?

Nein. Der große Vorteil der Mc Minn-Prothese liegt in dem äußerst geringen Verlust des eigenen Knochengewebes. Insbesondere müssen – anders als bei einer herkömmlichen Totalendoprothese – auch nicht das proximale Femurende und der Knochenschaft eröffnet werden. Im Falle einer Infektion vermeidet man somit effektiv eine Verschleppung in den Markraum des Oberschenkels, was früher eine durchaus nicht seltene und gefürchtete Komplikation darstellte. Bei der Mc Minn-Prothese wird im Hüftkopf lediglich eine etwa 1,5–2 cm breite Bohrung für den Haltestift der Kappe geschaffen. Auch die Hüftpfanne muss nur gering beschliffen werden, um den passgenauen Sitz der metallenen Hüftpfanne zu gewährleisten.

In den letzten Jahren ist vielfach diskutiert worden, ob eher eine zementierte oder eine zementlose Prothese den größeren Operationserfolg verspricht. Wie verhält es sich hier mit der Mc Minn-Prothese?

Die Hüftpfanne der Mc Minn-Prothese wird zementfrei eingebracht. Im Kontaktbereich zum Knochen trägt sie eine besonders gut verträgliche Beschichtung aus Apatit und ermöglicht dadurch ein Einwachsen des Knochens in die Pfannenoberschicht. Auch dies ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu einer besonders hohen Langzeitstabilität, da die Gefahr einer Auslockerung der Hüftpfanne erheblich vermindert wird. Der Stift der Hüftkappe selbst wird mit einem speziellen Zement gesichert, der aber lediglich in die äußeren Knochenbälkchenschichten des sparsam vorbereiteten Hüftkopfes eindringt.

Gibt es auch Nachteile der Mc Minn-Prothese? Wie sehen die Langzeiterfahrungen aus?

„Nachteile“ im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Allerdings ist die Einbringung der Prothese aufwändiger als bei konventionellen Verfahren und erfordert eine große Erfahrung auf der Seite des Operateurs. Wir setzen das System jetzt seit etwa drei Jahren ein und haben in dieser Zeit rund 50 Prothesen dieser Art implantiert. In Bezug auf die Operation haben sich in dieser Zeit keine Nachteile gegenüber der Verwendung herkömmlicher Endoprothesen ergeben. Obwohl der Blutverlust während des Eingriffs höher ist, erholen sich die Patienten meist rasch von dem Eingriff. Da die Traumatisierung von Gewebe und Knochen absolut gesehen jedoch geringer ist, kann meist bereits früh mit einer Anschlussrehabilitation begonnen werden. Die häufigste Komplikation konventioneller Prothesen, nämlich das Herausspringen des Gelenkes, tritt nicht auf. Ebenso werden die vom Patienten gefürchteten Beinlängenunterschiede vermieden.

Was ist, wenn nach dem Ende der Lebensdauer eine erneute Operation notwendig werden sollte? Kann die Prothese problemlos ersetzt werden?

Das ist gerade der große Vorteil einer solchen Lösung. Da der Oberschenkelhals und der Hüftkopf erhalten bleiben, kann auch nach Jahren noch eine herkömmliche Prothese in gewohnter Weise eingesetzt werden. Für den Patienten bedeutet dies, dass er wahrscheinlich die Sicherheit gewinnt, bis an sein Lebensende optimal prothetisch versorgt zu sein – dies ist auch heute leider noch nicht die Regel, denn wir müssen davon ausgehen, dass selbst bei der Verwendung modernster Materialien und Operationstechnik die Lebensdauer einer Prothese durchschnittlich nicht mehr als 15 Jahre beträgt.

Herr Prof. Hertel, herzlichen Dank für das Gespräch!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 4 | 2000
*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

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