Leben bis zuletzt: Die Hospizbewegung

VonLena Krieger

Leben bis zuletzt: Die Hospizbewegung

Klara M. hat eine Vision, von der sie immer öfters träumt: Sie liegt im Bett, die Vorhänge in ihrem Schlafzimmer sind ein wenig vorgezogen und lassen den abendlichen Sonnenschein herein. Auf ihrem Nachttisch blüht ein Strauß bunter Sommerblumen, den ihr die Enkeltochter mitgebracht hat. Um das Bett herum sind all ihre Lieben versammelt, die Kinder, Enkel und ihre Freundin, die sie in den letzten Wochen immer wieder besucht hat. Sie unterhalten sich in gedämpftem Ton, ab und zu dringt ein leises Lachen an ihr Ohr. Ständig ist jemand da, der ihr die Hand hält, sie sanft streichelt oder ihr leicht über die Stirn wischt. Klara M. nimmt alles nur noch wie durch einen zarten Schleier wahr. Dann schaut sie noch mal in die Runde, schließt die Augen und tut ihren letzten Atemzug. 

So wünscht Klara M. sich ihren Tod, aber sie wagt es nicht, mit ihren Kindern darüber zu sprechen, denn immer, wenn sie kommen, reden sie von baldiger Genesung, sie müsse nur noch etwas Geduld haben. In den nächsten Tagen soll sie sogar wieder ins Krankenhaus zu einer neuen Chemotherapie, obwohl sie die letzten schon so furchtbar schlecht vertragen hat. Klara M. hat Krebs und sie weiß, dass es keine Heilung mehr gibt, aber gegen den geballten zur Schau gestellten Optimismus ihrer Kinder wagt sie nicht zu protestieren. Sie ist müde und will keine Therapie mehr, sondern nur noch möglichst schmerz- und beschwerdefrei ihre letzten Tage oder Wochen in Ruhe zubringen. Das eine oder andere möchte sie gerne noch mit den Kindern besprechen und mit ihrem Bruder, mit dem sie sich vor vielen Jahren zerstritten hat, würde sie auch gerne Frieden schließen. Sie weiß aus der Zeitung, dass es jetzt in ihrer Stadt so eine neue Initiative gibt, eine Hospizgruppe, die Menschen begleitet, wenn es ans Sterben geht. Sie fasst allen Mut zusammen und bespricht die Situation mit ihrer Lieblingsenkelin. Schon am nächsten Tag hat sie Besuch von einer Hospizhelferin und kann endlich frei über ihre Sorgen und Ängste, ihre Wünsche und Vorstellungen reden. 

Hospiz bedeutet Herberge

Der Begriff Hospiz ist für viele Menschen heute zu einem Synonym für menschenwürdiges Sterben geworden. Die moderne Hospizbewegung geht auf die englische Ärztin Cicely Saunders zurück, die 1967 in London das erste Hospiz gründete, in dem Sterbende die Unterstützung, Pflege und Zuwendung erfahren, damit sie leben können bis zuletzt. Sie drückte es so aus: „Du bist wichtig, weil Du eben Du bist. Du bist bis zum letzten Augenblick Deines Lebens wichtig und wir werden alles tun, damit Du nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben kannst.“ Darum also geht es: Menschen wichtig zu nehmen um ihrer selbst willen, im Leben und im Sterben. Hospiz bedeutet Herberge, gastliches Haus, Gastfreundschaft und Bewirtung. Dieser Idee fühlt sich die Hospizbewegung verpflichtet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sterbenden die Hilfe, Geborgenheit und Liebe zu geben, die sie in diesem Lebensabschnitt so dringend brauchen. 

Dabei können drei verschiedene Modelle zu ihrer Verwirklichung unterschieden werden. Da gibt es zum einen – wohl am bekanntesten – die stationären Hospize. Dies sind meist kleine, familiäre Einrichtungen, die sich besonders um die Versorgung von Sterbenden kümmern, wenn eine Betreuung zu Hause – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich ist. Sie gewähren rund um die Uhr eine qualifizierte Krankenpflege mit dem Schwerpunkt lindernder Hilfe und nicht lebensverlängernder Maßnahmen. Angehörige und Freunde werden in der Regel – so weit es geht – in die Betreuung mit einbezogen bzw. werden, falls gewünscht, selbst in ihrer Trauerarbeit begleitet. In ein stationäres Hospiz aufgenommen werden Menschen unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten, allerdings nur dann, wenn sie sich – medizinisch nachgewiesen – im Endstadium einer zum Tode führenden Erkrankung befinden. Hospizbewohner werden als Gäste bezeichnet und behandelt, und ihnen werden – soweit möglich – alle Wünsche und Bedürfnisse erfüllt, seien sie körperlicher, seelischer, geistiger oder sozialer Art. Im Vordergrund stehen dabei zunächst eine ausreichende Schmerzstillung und die Linderung aller belastenden Symptome. Oftmals sind bei der Aufnahme ins Hospiz die Schmerzen so beherrschend, dass die kleinen Gesten der Zuwendung gar nicht angenommen werden können. Erst wenn die Schmerzen aufgehört haben, ist eine Öffnung für und eine Zuwendung zu anderen Dingen möglich. 

Um die Gäste in Hospizen optimal betreuen zu können, arbeiten Fachleute der unterschiedlichsten Disziplinen zusammen. Neben Pflegenden, Ärzten, Schmerztherapeuten, Sozialpädagogen, Krankengymnasten und Seelsorgern kümmern sich oftmals auch Musik- oder Gestalttherapeuten um die Gäste und erleichtern ihnen damit – falls gewünscht – unter Umständen die Auseinandersetzung mit dem Unvermeidlichen. Der Personalschlüssel muss natürlich ein ganz anderer sein als etwa in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. Zudem werden die Pflegenden in Hospizen durch einen mehr oder weniger großen Stamm an ehrenamtlichen Betreuern und Betreuerinnen entlastet. Denn ohne das hohe Engagement von vielen könnten solche Einrichtungen nicht funktionieren. 

Palliativstation – das Hospiz im Krankenhaus

Von diesen stationären Hospizen sind die Palliativstationen zu unterscheiden, die einem Krankenhaus angegliedert sind und auf deren personelle und technische Möglichkeiten zurückgreifen können. Der Name leitet sich ab von lat. Pallium (= Mantel) und bringt zum Ausdruck, dass Palliativmedizin den Patienten umhüllen und schützen will. In der Palliativmedizin wird das Sterben als normaler Prozess angesehen und der Tod weder hinausgezögert noch beschleunigt. Die körperlichen, psychischen und spirituellen Bedürfnisse stehen im Vordergrund und sollen so befriedigt werden, dass eine bestmögliche Lebensqualität bis zum Tod ermöglicht wird. Hier werden keine lebensverlängernden Maßnahmen und mit schweren Nebenwirkungen verbundenen Therapien mehr durchgeführt wie auf den kurativen (= heilenden) Stationen, sondern die Symptome wie z.B. Übelkeit oder Brechreiz und die Schmerzen der Schwerstkranken werden gelindert. Dabei kommen modernste Medikamente und therapeutische Systeme zur Anwendung. Ziel ist es, die Kranken so einzustellen, dass sie möglichst wieder nach Hause entlassen werden können, um dort schmerzfrei und symptomarm ihre letzte Zeit in der gewohnten Umgebung zu verbringen. Damit die Patienten während dieser Einstellung optimal betreut werden können, sind auch hier natürlich ein höherer Personalschlüssel als auf den anderen Krankenhausstationen und eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit erforderlich. 

Die meisten Menschen möchten zu Hause sterben

Neben diesen stationären Hospizen – oft aber mit ihnen verbunden – gibt es auch eine ambulante Hospizbewegung, deren Ziel es ist, das Sterben zu Hause zu ermöglichen und zu erleichtern. Die in der Regel ehrenamtlichen Hospizhelfer sind für ihre Aufgaben speziell ausgebildet und vorbereitet. Sie übernehmen im Prinzip alle Aufgaben, die auch Angehörige oder gute Freunde übernehmen würden, es aber – warum auch immer – nicht können. Dazu zählen neben Gesprächen auch leichte Pflegearbeiten, die Begleitung bei einem Besuch im Museum oder Theater oder eventuell auch die Beaufsichtigung von Kindern. Zum Teil übernehmen sie Sitzwachen und geben Informationen oder vermitteln Ansprechpartner zum Beispiel bei Fragen zur Schmerztherapie, zur palliativen Pflege oder bei sozialrechtlichen Fragen. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt aber in der Regel in der psychosozialen Begleitung der Sterbenden und ihrer Angehörigen. Vielfach werden die Hinterbliebenen auch später noch auf Wunsch für längere Zeit in ihrer Trauerarbeit unterstützt und begleitet. 

Die Finanzierung dieser Tätigkeiten und die Qualifizierung der Ehrenamtlichen erfolgt meistens über Fördervereine und durch Spenden. Im November des vergangenen Jahres wurde allerdings im Bundestag das Gesetz zur Förderung ambulanter Hospizarbeit verabschiedet, das den gesetzlichen Krankenkassen dies als Aufgabe zuweist. Damit sind die Voraussetzungen geschaffen, dass sich der Wunsch der meisten Schwerkranken und Sterbenden erfüllen kann, die letzte Lebenszeit zu Hause zu verbringen und von vertrauten Menschen begleitet zu werden. Allerdings sind Hospize – ob stationär oder ambulant – auch weiterhin auf Spenden angewiesen, um ihre schwierigen und aufwändigen Aufgaben zum Wohle der Sterbenden und ihrer Angehörigen durchführen zu können.

Keine Lebensverlängerung um jeden Preis

Die Basis der Hospizbewegung ist also ein Ja zum Leben, zu einem Leben bis zuletzt, das ein Sterben in Würde mit umfasst. Cisely Saunders drückte es so aus: „Wir bringen nicht Tage in ihr Leben, sondern Leben in ihre Tage.“ Dazu gehört auch die Ablehnung jeglicher Art von aktiver Sterbehilfe und von Euthanasie. Cisely Saunders hat von Anfang an dagegen gekämpft. „Es macht schutzbedürftige Menschen so verletzlich, dass sie glauben, sie wären eine Last für die anderen. Die Antwort ist eine bessere Betreuung der Sterbenden, um sie zu überzeugen, dass sie immer noch ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft sind.“ Bei Linderung der Schmerzen und liebevoller Zuwendung tritt der Wunsch nach aktiver Lebensbeendigung eigentlich auch nie auf. Vielen Sterbenden und ihren Begleitern gelingt es, diese bewusst durchlebte Zeit als besondere Reifungsphase in ihrem Leben zu erfahren. Josef Brombach, Leiter des Elisabeth-Hospiz in Lohmar, erklärt dazu, dass er und seine Mitarbeitenden versuchen, in jedem Gast einen Schatz zu entdecken, der ihn einmalig macht. Hat man ihn entdeckt, führe das dazu, dass sich die Kranken angenommen fühlen und sich oftmals ihres eigenen Wertes unabhängig von ihrer Krankheit und ihrer Situation wieder bewusst würden. „Es gibt ein Heilwerden, auch wenn der Körper zerfällt.“

Diese Wertschätzung und das Gefühl des Angenommenseins ermöglichen und erleichtern vielen Schwerkranken die Auseinandersetzung mit der Frage nach Sinn von Leben und Tod. Dadurch können sie leichter ihren Gefühlen von Trauer und Wut, von Auflehnung und Akzeptanz Ausdruck verleihen. Oft gelingt es, Frieden zu schließen, Abschied zu nehmen und noch Unerledigtes zu Ende zu bringen. Aber es wird niemand zu dieser Auseinandersetzung gezwungen. Menschenwürdig bis zum Tode leben beinhaltet auch, selbst zu bestimmen, welche Gedanken man denken, welche Gespräche man führen will. Niemand, der von der Hospizbewegung ambulant oder stationär betreut wird, wird dazu genötigt, Tod und Sterben zu thematisieren. 

Loslassen und letzte Dinge regeln erleichtern das Sterben

Klara M. aber war froh, dass sie endlich über die sie bewegenden Dinge sprechen konnte, und es gelang ihr mit Unterstützung der Hospizhelferin auch bald, mit ihren Kindern über ihren nahen Tod zu reden. Mit ihrem Bruder konnte sie sich zwar nicht mehr treffen, aber bei einem Telefongespräch wurden die alten Unstimmigkeiten aus der Welt geschafft. Als das Unausweichliche endlich ausgesprochen war, alle Geheimniskrämerei und alle Verheimlichungen vom Tisch waren, war etwas von einer gelösten Heiterkeit für Klara M. spürbar. Sie starb – zwar nicht bei Sonnenschein, aber zu Hause in ihrem Bett im Beisein ihrer Kinder– so wie sie es sich gewünscht hatte. 

ORTHOpress 2 | 2002

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