IMPFEN? Impfen!

VonKlaus Bingler

IMPFEN? Impfen!

Im Jahr 2013 sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit rund 146.000 Kinder an Masern gestorben – und das, obwohl die Zahl der Masern-Todesfälle von 2000 bis 2013 durch Impfungen bereits um 75 Prozent gesenkt werden konnte. Die WHO verfolgt das Ziel, die Masern in Europa zu eliminieren. Auch die deutsche Bundesregierung hat sich zu diesem Ziel bekannt, kommt aber bei der Erfüllung der Kriterien nicht so recht voran. 

Tatsächlich hatten nach neuesten Hochrechnungen des Robert  Koch-Instituts (RKI) in Deutschland 150.000 Kinder des Jahrgangs 2013 mit 24 Monaten keinen vollständigen Schutz gegen Masern erhalten (obwohl schon deutlich mehr Kinder eine zweite Masernimpfung bekommen hatten als noch zehn Jahre zuvor), weitere 28.000 Kinder waren überhaupt nicht gegen Masern geimpft. „Schlimm, dass Deutschland inzwischen in Europa das Schlusslicht der Masernelimination darstellt”, erklärte der Präsident des Robert Koch-Instituts Lothar H. Wieler in einer Pressemitteilung Anfang des Jahres. 

Doch woran liegt diese Impfmüdigkeit, wie sie von den Medien genannt wird, und die sich nicht nur auf Masern bezieht? Das RKI hat festgestellt, dass die besonderen „Problemzonen“ in den Ballungsgebieten  wie Berlin, Dresden, Hamburg, Köln oder München liegen. Ob es dort derzeit im Trend liegt, seine Kinder nicht impfen zu lassen oder ob die Menschen einfach kein Vertrauen mehr in Institutionen des Bundes wie das Robert Koch-Institut (RKI), die Ständige Impfkommission (STIKO) oder die Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZGA) haben, ist unklar. Im Internet werden Eltern, die ihre Kinder impfen lassen, auch gerne als „Opfer der Pharmaindustrie“ bezeichnet. Kaum ein Thema wird so kontrovers diskutiert wie das Thema Impfen. Da fällt es mitunter schwer, zwischen seriösen Fakten, Schauermärchen und Halbwahrheiten zu unterscheiden. 

Verblasste Erinnerungen

Dass alle Eltern nur das Beste für ihre Kinder wollen, sei hier einmal vorausgesetzt. Es gilt also, die Vor- und Nachteile des Impfens gegeneinander abzuwägen: Masernepidemien sind aufgrund der weitreichenden Impfungen heute deutlich seltener als früher und die Zahl derer, die an der Krankheit versterben oder lebenslange Schäden davontragen, ist stark gesunken. Dadurch rücken Fälle von vermeintlichen Impfschäden in den Vordergrund, die jedoch – falls überhaupt – im Vergleich sehr viel seltener auftreten als mögliche Folgeschäden im Rahmen der eigentlichen Erkrankung. Kurz gesagt: Ohne Impfung kann deutlich mehr passieren als mit. Gleiches gilt für die meisten anderen Kinderkrankheiten. 

Einige gefährliche Erkrankungen wie die Kinderlähmung (Poliomyelitis) gibt es infolge der erfolgreichen Schutzimpfungen bei uns nicht mehr. Viele Menschen haben dadurch das Bild von gelähmten Kindern mit Beinschienen nicht mehr vor Augen und kennen die Angst vor einem Ausbruch von Kinderlähmung in Schulen oder Kindergärten nicht mehr, die Eltern und Großeltern noch hatten. Doch das Virus, welches die Kinderlähmung verursacht, kommt außerhalb von Europa durchaus noch vor und kann jederzeit wieder nach Deutschland eingeschleppt werden. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, auch weiterhin gegen Krankheiten wie Polio und Diphterie geimpft zu sein. 

Was bedeutet Herdenimmunität?

Eine Impfung soll zunächst einmal die geimpfte Person schützen, so viel ist klar. Trotzdem lohnt es sich, bei der Frage, ob man sich und seine Kinder impfen lässt, ein wenig über den Tellerrand hinauszuschauen. Es gibt nämlich Bevölkerungsgruppen, die aus verschiedenen Gründen bestimmte Impfungen nicht bekommen können. Säuglinge dürfen z. B. bis zu einem bestimmten Alter noch nicht gegen Masern geimpft werden. Auch chronische Erkrankungen können manche Impfungen ausschließen. Diese Menschen sind darauf angewiesen, dass die Personen in ihrem Umfeld geimpft sind und dadurch die Ausbreitung und Ansteckung der Krankheit verhindern. Ist man selbst geschützt, schützt man also auch die Gemeinschaft. 

Sind Sie geimpft?

Auch ungeimpfte Erwachsene können an den sogenannten Kinderkrankheiten erkranken und diese weitergeben, wenn sie die Erkrankung nicht bereits als Kind durchgemacht haben und folglich immun sind. Dadurch gefährden sie nicht nur sich selbst, sondern – ebenso wie ungeimpfte Kinder und Jugendliche – auch andere (siehe Herdenimmunität). Es empfiehlt sich also, auch als Erwachsener regelmäßig den eigenen Impfstatus zu überprüfen. Dies gilt vor allem für Frauen vor einer geplanten Schwangerschaft. 

Wann gilt eine Krankheit als eliminiert?

Masern und Röteln z. B. gelten in einem Land als eliminiert, wenn innerhalb eines Jahres keine Übertragung mehr von Mensch zu Mensch nachgewiesen werden konnte. In der gesamten europäischen WHO-Region würden Masern und Röteln als eliminiert angesehen, wenn in allen Mitgliedstaaten eine Übertragung  über einen Zeitraum von mindestens 36 Monaten ausgeschlossen werden könnte. Ein solcher Nachweis erfordert ein professionelles Management  (Surveillancesystem).

Grippeschutzimpfung

Eine echte Grippe (Influenza) ist – im Gegensatz zu einem sogenannten grippalen Infekt – eine ernstzunehmende, unter Umständen sogar lebensbedrohliche Erkrankung, die unter anderem mit hohem Fieber, heftigen Kopf- und Gliederschmerzen sowie Husten einhergeht. Ältere Menschen und Menschen mit bestimmten runderkrankungen haben ein erhöhtes Risiko für schwere Grippeverläufe. Eine mögliche Komplikation ist die Lungenentzündung. Die ständige Impfkommission empfiehlt die Grippeschutzimpfung deshalb grundsätzlich für alle Menschen ab dem 60. Lebensjahr und z. B. Personen mit Grunderkrankungen wie Asthma, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Multipler Sklerose, HIV, aber auch Schwangeren oder medizinischem Personal. 

Das Besondere an der Grippeschutz-impfung st, dass sie jedes Jahr neu zusammengesetzt wird – je nachdem welche Grippeviren auf dem Vormarsch sind. Da sich im Laufe einer Grippesaison jedoch andere oder weitere Virenstämme durchsetzen können, kann die Schutzwirkung der Impfung variieren. Bei geimpften Personen verläuft die Grippe jedoch häufig milder, sollten sie dennoch daran erkranken.  

Wie sicher sind Impfstoffe?

Das Paul-Ehrlich-Institut schreibt dazu: „Bevor ein Impfstoff auf den Markt kommt, muss er ein umfassendes Zulassungsverfahren durchlaufen, entweder in Deutschland (nationale Zulassung) oder bei der Europäischen Arzneimittelagentur EMA (zentrale Zulassung durch die EU-Kommission). Auch nach der Zulassung werden Impfstoffe weiter kontrolliert. Erhalten Sie die Impfung in Deutschland, dann haben die Impfstoffexperten des Paul-Ehrlich-Instituts im Rahmen der sogenannten staatlichen Chargenprüfung die Charge, aus der dieser Impfstoff stammt, nochmals geprüft und freigegeben. Mediziner des Referats Arzneimittelsicherheit des Paul-Ehrlich-Instituts überprüfen und bewerten auch nach der Zulassung weiterhin die Verträglichkeit (Unbedenklichkeit) der Impfstoffe.

Was ist die STIKO?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) ist ein Gremium am Robert Koch-Institut, welches aus Experten besteht, die anhand von klinischen und wissenschaftlichen Daten sämtliche Impfungen bewerten. Die STIKO gibt in der Regel einmal im Jahr die aktuellen Impfempfehlungen für Erwachsene und Kinder heraus. Sie besteht aus 12 bis 18 Mitgliedern, die alle drei Jahre vom Bundesministerium für Gesundheit in Absprache mit den obersten Landesgesundheitsbehörden eu berufen werden. Bei den Mitgliedern handelt es sich z. B. um Ärzte, Wissenschaftler und Personen aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst.  

„Die Mitgliedschaft in der STIKO ist ein persönliches Ehrenamt. Die Mitglieder sind bei ihrer Tätigkeit nur ihrem Gewissen verantwortlich und zu unparteiischer Erfüllung ihrer Aufgaben verpflichtet.“

Wo gibt es Antworten?

Das Robert Koch-Institut (RKI) ist die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention. Das Paul-Ehrlich-Institut ist das Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Gemeinsam haben sie auf den Internetseiten des RKIs Antworten zu den 20 häufigsten Einwänden gegen das Impfen gegeben. Interessierte finden hier umfassende Informationen. 

von Ulrike Pickert

aus ORTHOpress 2/17

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