„Der Blick auf das Ganze“

Osteopathie – Eine Alternative im Feld der modernen Medizin

Unbestritten, die Medizin vermag mehr auszurichten als je zuvor: Die meisten Erkrankungen innerer Organe und des Stoffwechsels können medikamentös therapiert oder zumindest kontrolliert werden, neue und verbesserte Operationstechniken und Rehabilitationskonzepte sorgen für kürzere Rekonvaleszenz und Belegzeiten in Kliniken oder werden häufig schon ambulant durchgeführt. Selbst viele Krebserkrankungen haben einiges an Schrecken verloren.

Doch im Zuge der Gewissheit um diese Errungenschaften melden sich kritische Stimmen zu Wort, die da fragen, ob die hochdifferenzierte, aber auch sehr technokrat und unpersönlich gewordene Medizin wirklich denjenigen zugute kommt, für die sie entwickelt worden ist – den Patienten.

Die Frage ist interessant angesichts der Tatsache, dass die immense Flut an Erkenntnissen und Neuerungen selbst innerhalb einzelner Medizindisziplinen eine frühzeitige Spezialisierung unbedingt notwendig werden lassen, um noch einigermaßen die Übersicht zu behalten oder wettbewerbsfähig zu bleiben. So gibt es heute für fast jede Erkrankung Spezialisten, welche die längste Zeit ihres beruflichen Lebens der Behandlung eines Organsystems oder eines Teilbereiches davon nachgehen.

Die Kritiker des Systems setzen genau hier ihren Hebel an. Sie führen an, die moderne Medizinpraxis habe den Blick auf das Gesamtwesen der Materie verloren, verliere sich im Detail und an die Stelle der Frage nach der Ursächlichkeit einer Erkrankung oder Dysfunktion sei eher eine „Verwaltung“ von Symptomenkomplexen getreten, welche mit einem technischen Aufwand betrieben werden, bei dem der Patient vielfach nur noch Mittel zum Zweck ist.

Eine allzu gewagte These? Ja und nein, es kommt auf den Blickwinkel an. Sie trifft keinesfalls pauschal auf alle Gebiete der Medizin zu und schon lange nicht auf jeden einzelnen, der sie anwendet, sie beschreibt allenfalls eine Tendenz.

Jedoch, die Unzufriedenheit bei Medizinschaffenden und Patientenklientel nimmt stetig auf beiden Seiten zu, denn die Bedingungen, unter denen im Gesundheitswesen mittlerweise gearbeitet werden muss, tragen nicht besonders zu einem harmonischen Miteinander bei. In Zeiten, in denen die Politik die Richtlinien der Medizinpraxis bestimmt und wirtschaftliche Effizienz und Rentabilität größtenteils das Handeln der Medizinschaffenden diktieren, fühlen sich diese der Möglichkeiten und des Raumes beraubt, sich so für das Wohl des Patienten einzusetzen, wie ihre Auffassung von Therapie es von ihnen verlangt.

Zudem fehlt ihnen entschieden eines: Zeit. Zeit für den einzelnen Patienten, Zeit ihn zu befragen, ihm zuzuhören, Zeit sich Gedanken über das Erfahrene zu machen, Zeit nach Lösungen zu suchen, Zeit, den Patienten entsprechend intensiv zu untersuchen, und schließlich der Zeitraum, die Therapie zur Anwendung kommen zu lassen, welche der Patient benötigt.

Dem Patienten mit seinen Beschwerden ist es ziemlich gleich, ob er seine Beschwerden behält durch die Auswirkung von Gesundheitspolitik oder die Richtlinien von Wissenschaft und Lehre. Er dreht sich um und sucht woanders nach Antworten – und er hat gute Chancen sie zu bekommen.

Unzufriedenheit mit der gängigen Methodik seiner Zeit war auch der Motor für den amerikanischen Arzt Andrew Taylor Still, als er gegen Mitte des 19. Jahrhunderts ein neues, ganzheitlich ausgerichtetes medizinisches System entwickelte, welches er Osteopathie nannte. Sie könnte eine der möglichen Antworten sein. Der Name übersetzt bedeutet „krankhafte Veränderung des Knochens“ und wurde vom Begründer gewählt, weil er mit seinen Forschungen und seiner Arbeit am knöchernen Skelett begann.

Ähnlich wie die jahrtausendealte Lehre der Traditionellen Chinesischen Medizin, betrachtet die Osteopathie die Ganzheit des Menschen, d.h. alle Teile des physischen Körpers, den Geist und die Seele als miteinander verbunden und in Wechselbeziehung zueinander stehend. Sie sieht den Körper als Einheit, in dem alle Zellen, Gewebe und Organe zusammenarbeiten, im gesunden wie im kranken Zustand; die einzelnen Teile formen ein lebendiges Ganzes, das mehr als die Summe seiner Teile darstellt. Den Menschen wiederum sieht die Osteopathie als Einheit mit anderen Menschen und seiner Umwelt.

Will man die Entstehung von Krankheiten verstehen, muss man sich zunächst einmal bewusst machen, was Gesundheit gewährleistet. Still brachte dies mit der freien Zirkulation der Körperflüssigkeiten (Blut, Lymphe, Zell- und Zwischenzellflüssigkeit etc.) in Verbindung und er kam zu der Erkenntnis, dass lokale oder allgemeine Zirkulationsstörungen Krankheiten hervorrufen. Für ihn war Bewegung wesentliches Kennzeichen und Voraussetzung für das Leben.

Nach Stills Auffassung verursacht eine verminderte oder eingeschränkte Beweglichkeit der Gewebe eine mehr oder weniger ausgeprägte Stauung der Flüssigkeiten, in deren Folge eine Einschränkung der Nährstoff- und Sauerstoffversorgung eintritt sowie ein verminderter Abtransport von Stoffwechselendprodukten und Körpergiften aus dem Gewebe. Das Gewebe verliert an Vitalität, der Nährboden für eine Erkrankung ist gegeben.

In dem Aspekt dürfte die konservative Medizin in ihrer Auffassung konform gehen.

Das Bestreben der Osteopathie besteht darin, die mechanischen und strukturellen Hindernisse zu beseitigen, welche die Kommunikation der Körperflüssigkeiten hemmen. Hindernisse, die durch Bewegungsverluste verursacht werden, beispielsweise durch Frakturen, Verstauchungen, Entzündungen, Verklebungen, Narben, Fehlbelastungen, psychische und soziale Einflüsse, Ernährungs- und Lebensgewohnheiten, aber auch durch weit zurückreichende Einflüsse wie genetische Konstitution, fetale Umstände oder Geburtstraumata.

Die osteopathische Medizin will nicht heilen im eigentlichen Sinne, sie möchte vielmehr Regulativ sein: Sie geht davon aus, dass der Körper, von der Natur dazu angelegt sich selbst zu erhalten, über genügend Mechanismen verfügt (homöostatische Regulation, Immunsystem, Defektheilung, Ausscheidungsfunktion und Kompensation irreparabler Schäden), schädlichen Einflüssen von außen und innen standzuhalten. Erst wenn die Kompensationsfähigkeit und Abwehrkraft des Organismus ein bestimmtes Quantum unterschreitet, entstehen Symptome oder Krankheiten.

Die osteopathische Behandlung zielt darauf ab alle Ressourcen im Körper wieder freizusetzen, die für seine Wiederherstellung und Widerstandsfähigkeit gegenüber krankhaften Einflüssen notwendig sind; sie ist angelegt seine Selbstheilungskräfte zu aktivieren.

Diese Vorgehensweise unterscheidet sich weitestgehend von der konservativen Medizin, denn sie richtet sich nicht nach einer analytisch isolierten Betrachtung störender Symptome, sondern nach der Frage, unter welchen Bedingungen der Organismus seine Ordnung und somit seine Unversehrtheit autonom aufrechterhält.

Grundlage für Diagnostik und Therapie in der Osteopathie ist die Betrachtung der Wechselbeziehung zwischen Struktur (Anatomie) und Funktion (Physiologie) des Körpers. Für die optimale Funktion aller Körpergewebe sind normale Struktur und physiologischer Spannungszustand der Gewebe unbedingt vonnöten. Abnorme strukturelle Veränderungen (Verhärtungen, Vibrosierungen, Aufquellungen, Elastizitätsverlust) führen zu einer Verschlechterung der Funktion und umgekehrt.

Diese Strukturveränderungen erfasst und reguliert der Osteopath einzig mit seinen Händen. Er muss in der Lage sein jede Struktur und jedes Organ, die ihm zugänglich sind, zu ertasten; im Einzelnen Hautschichten, Muskeln, Fascien, Sehnen, Bänder, Gelenkstrukturen, selbst innere Organe und deren Aufhängungen, Nerven und Gefäße.

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Es gehören ein außerordentliches anatomisches Wissen und eine enorm geschulte Sensibilität in den Fingerspitzen dazu, um die einzelnen Gewebe taktil voneinander zu unterscheiden. Aus dem Anspruch, diesen Erfordernissen gerecht zu werden, sind verschiedenste manuelle Techniken hervorgegangen, die zur Anwendung kommen; und die eigentliche Behandlung bleibt auch manuell, wenngleich Ernährung, psychische und soziale Aspekte im Sinne der Ganzheitlichkeit der Methode gewichtig in die Behandlung einfließen.

Um eine Vorstellung von den Zusammenhängen zu vermitteln, ist die Osteopathie unterteilt worden. Diese Gliederung geht ebenfalls auf Still zurück, der davon ausging, dass der Körper aus den drei Systemen Bewegungsapparat, innere Organe und Cranio-Sakral-System besteht, welche sich wechselseitig beeinflussen.

Die Einteilung in muskelo-skelettale, viscerale und cranio-sakrale Osteo­pathie ist nur beschreibend, in der täglichen Praxis wird nie zwischen den Bereichen unterschieden, welches dem Grundverständnis dieser Behandlungsmethode, dass alles mit allem in Verbindung steht und miteinander verbunden ist, zutiefst widersprechen würde.

Im erstgenannten Teilbereich werden alle Organe und Strukturen des Bewegungssystems behandelt. Dabei wird, wie in den anderen Bereichen auch, nicht nur symptomatisch am Ort des Schmerzes oder der Beschwerden, sondern das gesamte Umfeld untersucht.

Ein klassisches Beispiel sind Beschwerden an Knie, Hüfte, Becken, Wirbelsäule oder chronische Kopfschmerzen, welche von einer Fußverletzung herstammen können, wie im Fall einer ehemaligen Tänzerin, die heute selbst als Osteopathin praktiziert. Sie litt vor Jahren an einer hartnäckigen Meniskusreizung und sollte operiert werden. Nach einer dreimaligen osteopathischen Behandlung des Fußes ist sie seitdem völlig beschwerdefrei.

Ebenso können sich Blockierungen im Kiefer- und Schädelbereich negativ auf Becken und Hüfte auswirken und umgekehrt; oder Handgelenksbeeinträchtigungen auf Schultergürtel und Halswirbelsäule, um nur einige Beispiele zu geben.

Die Visceralosteopathie befasst sich mit den inneren Organen, welche durch bindegewebige Verbindungen und Aufhängungen direkt Kontakt mit dem Skelett und anderen Strukturen haben. Manche dieser Verbindungen durchkreuzen den ganzen Körper.

So verbinden sie z.B. die Oberbauchorgane mit Speise- und Luftröhre, Rachen- und Schlundmuskeln bis hoch zur Schädelbasis. Andere verbinden das Zwerchfell mit der Leber und den kleinen Beckenorganen, Blase und Beckenboden. Das Zwerchfell überträgt direkt und indirekt Spannungen auf die Wirbelsäule, Rippen und Becken.

Demnach ist es durchaus nachvollziehbar, wenn Verwachsungen der Dickdarmaufhängung chronische Rückenschmerzen, chronische Magenprobleme Brustwirbelsäulenbeschwerden, Leberfunktionsstörungen Schulterbeschwerden oder umgekehrt Segment­störungen der mittleren Brustwirbelsäule Herzprobleme verursachen.

Die klassische Schulmedizin tut sich hier etwas schwer dies anzuerkennen, aber wahrscheinlich nur, weil ihre Untersuchungsmethoden diese Zusammenhänge nicht erfassen.

Der dritte Teilbereich, die Cranio-Sakral-Osteopathie, soll hier nur kurz umrissen werden; ihr gebührt an anderer Stelle eine eingehendere Darstellung. Sie befasst sich mit dem komplexen Wirkungsgefüge von Schädelknochen, Membranen im Schädelinneren und der direkten Verbindung zum Kreuzbein im Becken über den Bindegewebsschlauch der Rückenmarkshäute.

Gehirn und Rückenmark sind gelagert in einem geschlossenen hydraulischen System, welches mit einer Flüssigkeit gefüllt ist, die in Hohlräumen des Gehirns, den Hirnventrikeln, gebildet wird. Dieser so genannte Liquor erfüllt u.a. erschütterungsmindernde, thermoregulierende und ernährungstechnische Funktionen und wird aus den Hirnventrikeln mit einer Frequenz von 4–7 Zyklen pro Minute ausgeschüttet und resorbiert. Die rhythmische Ausdehnung des Liquors erfordert eine Ausdehnung, die als feine Bewegung an den untereinander beweglichen Schädelknochen und darüber hinaus bis ins Becken zu spüren ist.

Starke Spannungen der Membrane und des Rückenmarkschlauches oder unbewegliche Schädelnähte und -verbindungen können den cranio-sakralen Rhythmus (daher der Name) beeinträchtigen, woraus liquöse und venöse Stauungen entstehen, welche Nerven und Gefäße an den Durchtrittsstellen der Schädelbasis oder der Wirbelsäule negativ irritieren und weit reichende Organstörungen im gesamten Organismus verursachen.

Was kann die Osteopathie und was kann sie nicht? Sie vermag keine degenerativen Veränderungen an Gelenken oder irreparable Organschäden zu beseitigen, möglicherweise aber deren Auswirkungen auf andere Strukturen zu mindern. Sie kann auch nicht chirurgische Eingriffe oder die medikamentöse Behandlung von schweren Infektionen ersetzen, höchstens diese im Vorfeld verhindern, bevor sie notwendig werden.

Grundsätzlich kann, so die Kölner Osteopa­thin Manuela Treinies, jede reversible Organfunktionsstörung durch eine osteopathische Therapie reguliert werden, wenn man ihre Ursache präzise aufspürt; aber dazu braucht es oft viel Zeit und manchmal lange Wege mit den Händen.

In den westlichen Nachbarländern weitestgehend fester Bestandteil der medizinischen Landschaft, ist die Osteopathie in Deutschland erst langsam auf dem Vormarsch. Hinter der streng wissenschaftlich orientierten Medizin und ihren politischen Organen führt sie größtenteils noch ein skeptisch beäugtes Schattendasein, jedoch nehmen ihre Anhänger, nicht wenige aus der Welt der Schulmedizin, täglich zu und irgendwann wird man sich mit ihr auseinander setzen müssen.

Die osteopathische Medizin hat nicht den Anspruch, der konservativen zeitgenössischen Medizin den Platz streitig zu machen, sie möchte vielmehr Ergänzung sein, mit Ideen dort aushelfen, wo andere scheinbar an Grenzen stoßen; sie ist ein sanfter Weg, Medizin auf eine eigene Art zu begreifen und anzuwenden – und vor allem eine menschliche.

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 4 | 2000

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

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