Inhaltsverzeichnis
- Schonende Hüft-OP, praktisch ohne Blutverlust
- Herr Dr. Sträter, viele Patienten haben auch trotz neuer Hüfte anhaltende Beschwerden. Was ist der Grund dafür?
- Kleinere Operationszugänge zum Hüftgelenk gibt es jedoch schon seit Jahren. Warum hat sich keines dieser Verfahren durchgesetzt?
- Wie funktioniert die AMIS®-Technik in der Praxis?
- Aber wie groß ist der Gewinn für den -Patienten wirklich?
- Wie schnell sind die Patienten nach -einer AMIS®-Operation wieder fit?
- Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, beide Hüftgelenke in einer OP-Sitzung zu tauschen. Ist dies empfehlenswert?
Schonende Hüft-OP, praktisch ohne Blutverlust
Der Ersatz des Hüftgelenks ist seit vielen Jahren ein Standardeingriff. Dennoch kommt es bei rund 20 Prozent aller Patienten zu unerwünschten Begleiterscheinungen wie Schmerzen, Hinken oder Wundheilungsstörungen. Durch die innovative AMIS®-Methode können Probleme nach dem Eingriff an der Hüfte jetzt jedoch erheblich vermindert werden, betont Dr. Marco Sträter. Er ist Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am St. Vincenz-Hospital in Datteln, welches auch akademisches Lehrkrankenhaus der Ruhr-Universität Bochum ist.
Herr Dr. Sträter, viele Patienten haben auch trotz neuer Hüfte anhaltende Beschwerden. Was ist der Grund dafür?
Dr. Sträter: Beim herkömmlichen, seit Jahrzehnten durchgeführten Standardeingriff erfolgt der Zugang zur Hüfte durch einen großen Schnitt von hinten über das Gesäß oder seitlich am Oberschenkel. Leider wird dabei viel Gewebe verletzt. Bei dem Zugang von hinten muss man durch den großen Gesäßmuskel gehen und kleinere für die Drehung des Oberschenkels wichtige Muskeln durchtrennen. Geht man von der Seite hinein, wird eine große Sehnenplatte durchtrennt und der kleinere Gesäßmuskel mit einem Haken gequetscht, sodass dieser gerne dabei einreißt. Nicht alle Patienten erholen sich schnell davon, denn die Heilung kann sehr langwierig sein. Nicht selten kommt es auch zu schmerzhaften Begleiterscheinungen wie einer Schleimbeutelentzündung an der Außenseite der Hüfte. Das größte Problem ist jedoch der Kraft- und Koordinationsverlust durch die traumatisierten Muskeln in diesem Bereich, die im gesunden Zustand gut die Hälfte der gesamten Muskelkraft des Beins aufbringen. -Vielfach kommt es daher zum typischen Watschelgang, dem sogenannten Trendelenburg-Hinken.
Kleinere Operationszugänge zum Hüftgelenk gibt es jedoch schon seit Jahren. Warum hat sich keines dieser Verfahren durchgesetzt?
Dr. Sträter: Einige der von seitlich vorn ansetzenden Zugänge kommen zwar oberflächlich mit einem relativ kleinen Schnitt aus, verletzen aber dennoch in der Tiefe wichtige Gewebestrukturen wie Muskeln, Sehnen und Nerven, sodass der spätere Gewinn rein kosmetischer Natur ist, weil der Patient nur eine relativ kleine Narbe zurückbehält. Andere Verfahren wiederum benötigen mehrere Schnitte, das heißt mehr als einen Zugang, was den Eingriff sehr komplex und langwierig macht. Mit dem AMIS®-Verfahren steht eine Methode zur Verfügung, die sich für fast alle Patienten eignet.
Wie funktioniert die AMIS®-Technik in der Praxis?
Dr. Sträter: Wir nutzen hierbei die von der Natur vorgegebenen Gleitschichten und können mit dem Finger schonend bis zur Hüftgelenkkapsel vordringen, ohne Nerven, Muskeln oder Sehnen zu verletzen. Der OP-Zugang erfolgt bei der AMIS®-Methode von vorn. Die wichtigen Strukturen werden dabei nicht durchtrennt, sondern lediglich mit OP-Haken zur Seite gehalten. Anders als einige andere Verfahren lässt die AMIS®-Technik mit ihren speziell für diesen Zugang entwickelten Instrumenten eine sehr gute Sicht auf die Hüftpfanne und den Hüftkopf zu. Diese Spezial-instrumente lassen die Implantation von Kurz-, Revisions- und sogar Langschaftprothesen zu. So kann der Implantattyp ausgewählt werden, der die beste Versorgung des Patienten sicherstellt. Nach dem Einbringen der Prothese schließen sich die zur Seite gehaltenen Muskeln wieder wie ein Vorhang, sodass nur der lediglich etwa 10 cm lange Hautschnitt vernäht werden muss.
Aber wie groß ist der Gewinn für den -Patienten wirklich?
Dr. Sträter: Dadurch, dass kaum Gewebe verletzt wird, kommt es zu einem deutlich geringeren Blutverlust: Im Schnitt verlieren die Patienten nur etwa 0,25 l Blut, sodass die früher übliche Eigenblutspende vor der Operation nicht mehr notwendig ist. Die AMIS®-Methode ist daher auch von Religionsgemeinschaften wie den Zeugen Jehovas stark nachgefragt, die eine Bluttransfusion ablehnen. Natürlich hat ein geringer Blutverlust auch handfeste medizinische Vorteile, denn die Patienten werden sehr viel weniger geschwächt als früher. Besonders bei älteren Patienten ist dies ein großer Vorteil. Darüber hinaus ist die Gefahr des Ausrenkens der Hüfte viel geringer als beim Zugang von hinten. Auch sind die Schmerzen nach der Operation viel geringer: Patienten, welche in AMIS®-Technik operiert wurden, benötigen deutlich weniger Schmerzmittel als nach einem herkömmlichen Eingriff. Schleimbeutelentzündungen an der Hüfte treten praktisch nicht mehr auf, und auch motorische Nerven werden kaum in Mit-leidenschaft gezogen, was sonst bei bis zu einem Drittel aller Hüftoperationen passiert. Manchmal erholen sich diese Nerven nicht mehr vollständig, was bei einem Teil der Muskulatur zur sogenannten „fettigen Degeneration“ führt, womit diese quasi unbrauchbar wird und auch durch Training keinen Kraftgewinn mehr erfährt.
Wie schnell sind die Patienten nach -einer AMIS®-Operation wieder fit?
Dr. Sträter: Der größte Unterschied zwischen der AMIS®-Methode und herkömmlichen OP-Verfahren besteht in der schnelleren Rehabilitation. Die Patienten stehen wenige Stunden nach der OP zum ersten Mal auf und können sich mit Gehstützen bewegen. Diese werden aber eigentlich nur zur Sicherheit benötigt, da es ja zu keinem Kraftverlust im operierten Bein kommt. Nach zwei Tagen laufen die Patienten wieder selbstständig ohne Begleitung; nach drei Wochen ist mit Einschränkungen wieder eine sportliche Betätigung möglich. Der Unterschied im Gangbild ist frappierend: Wenn ich die Patienten nach wenigen Wochen zur Nachuntersuchung sehe, kann ich selbst nicht immer sagen, welche Seite ich operiert habe.
Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, beide Hüftgelenke in einer OP-Sitzung zu tauschen. Ist dies empfehlenswert?
Dr. Sträter: Bei den meisten Hüftarthrosen handelt es sich um degenerativen Verschleiß, der in der Regel beidseits auftritt. Daher ist bei vielen Patienten klar, dass es auf jeden Fall auch zum Austausch des anderen Gelenks kommen wird. In solchen Fällen haben wir mit der AMIS®-Methode die Möglichkeit, in einem einzigen etwas längeren Eingriff beide Hüften zu operieren. Für den Patienten bedeutet dies, dass er sich nicht einige Monate später noch einmal einer Operation unterziehen muss. Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass die Risiken gegenüber einer einseitigen OP nur minimal erhöht sind und in jedem Fall geringer als bei einem zweiten Eingriff mit erneuter Narkose. Allerdings operieren wir natürlich in keinem Fall „auf Verdacht“ zusätzlich die andere Seite, sondern nur dann, wenn der zweite Eingriff ebenfalls bereits notwendig oder geplant ist.
Dr. med. Marco Sträter
Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie
St. Vincenz-Krankenhaus Datteln
Rottstraße 11
45711 Datteln
Tel.: 02363 / 108-20 31
ortho-unfall@vincenz-datteln.de
www.vincenz-datteln.de