Das Reizdarmsyndrom

VonKlaus Bingler

Unser Darm ist ein gewundener Muskelschlauch mit einer Gesamtlänge von bis zu acht Metern. Seine Aufgabe besteht vor allem darin, die Nahrung, die wir zu uns nehmen, zu verdauen. Darüber hinaus spielt er eine wichtige Rolle für die Abwehr von Krankheitserregern und die Regulierung des Wasserhaushalts und verfügt zudem über ein eigenes Nervensystem. Chronische Funktionsstörungen des Darms, die auf keine organischen Ursachen zurückzuführen sind, fasst man unter dem Begriff Reizdarmsyndrom zusammen. Mediziner sprechen auch von einem „Colon irritabile“.
Dieser Inhalt steht ORTHOpress Plus-Lesern zur Verfügung Ein Reizdarm ist keine bedrohliche Krankheit, häufig aber dennoch sehr belastend. In Deutschland leiden darunter mindestens zehn Prozent der Bevölkerung. Frauen sind deutlich häufiger betroffen. Typische Anzeichen sind Schmerzen im Bauchraum, Verstopfung, Durchfall, Völlegefühl oder Blähungen. Von einem chronischen Reizdarmsyndrom spricht man immer dann, wenn einige dieser Symptome mindestens drei Monate lang auftreten. Je nachdem, welches Symptom im Vordergrund steht, werden folgende Krankheitsformen unterschieden:

• Typ 1 mit vorherrschender Diarrhoe: Die Erkrankten leiden vor allem unter Durchfall.

• Typ 2 mit vorherrschender Obstipation: Hauptproblem der Betroffenen sind Verstopfungen.

• Typ 3 mit alterierender Diarrhoe und Obstipation: Verstopfung und Durchfall treten im Wechsel auf. 

• Typ 4 mit Meteorismus: Die Patienten leiden unter starken Blähungen und häufig auch unter krampfartigen Schmerzen.

Als Ursache gilt eine gestörte Peristaltik

Als Ursache wird eine zu langsame oder schnelle Darmbewegung (Peristaltik) vermutet. Dies führt dazu, dass der Nahrungsbrei entweder zu lange im Darm bleibt oder zu schnell durch den Darmtrakt befördert wird. Weitere mögliche Gründe sind eine gestörte Darmflora oder eine erhöhte Immun-reaktion in der Darmschleimhaut. Ist deren Durchlässigkeit zu stark, können Fremdstoffe leichter durch sie hindurchdringen und eine entzündliche Reaktion auslösen. Grund für die Beschwerden kann auch ein gestörter Serotoninhaushalt sein, welcher die Schmerzschwelle in den Eingeweiden herabsetzt. Eine große Rolle spielen seelische Belastungen wie Ärger, Stress, Trauer oder depressive Verstimmungen. Probleme können also nicht nur auf den Magen, sondern auch auf den Darm schlagen. Andererseits wiederum können Darmbeschwerden die Psyche angreifen und die Reizdarmsymptome weiter verstärken, sodass ein regelrechter Teufelskreis entsteht. 

Andere Erkrankungen sind auszuschließen

Bei der Untersuchung führt der Arzt zunächst eine Auskultation des Bauch-raums durch. Dabei horcht er die Darmbewegungen ithilfe ines Stethoskops ab. Außerdem betastet er die Bauchdecke mit der Hand. Auf diese Weise lässt sich zum Beispiel feststellen, ob der Darm mit Luft oder Stuhl gefüllt ist. Wesentlich für die Diagnostik ist es, andere Erkrankungen durch spezielle Untersuchungsmethoden auszuschließen:

– Kolonkarzinome oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa werden durch eine Darmspiegelung festgestellt.

– Magengeschwüre oder -karzinome lassen sich mithilfe einer Magenspiegelung erfassen. 

– Lebererkrankungen werden durch Ultraschalluntersuchungen des Bauches erkannt. 

– Blutbild, Leberenzyme und Nierenwerte werden durch Blutuntersuchungen bestimmt. So will man sicherstellen, dass keine andere internistische Krankheit, wie zum         Beispiel eine Lebererkrankung oder Allergie, vorliegt.

– Um eine Laktoseintoleranz auszuschließen, wird ein Wasserstoffatemtest und/oder Blutzuckertest durchgeführt. Für den Ausschluss einer Glutenunverträglichkeit Zöliakie) bedarf es einer Dünndarmbiopsie.

Die Therapie muss sich nach den jeweiligen Symptomen richten

Eine allgemeingültige Therapie für ein Reizdarmsyndrom gibt es nicht. Welche Behandlung im Einzelfall infrage kommt, richtet sich immer nach den jeweils vorherrschenden ymptomen. egen Durchfall helfen sogenannte Antidiar-rhoika. Dies können Gerbstoffe sein, sogenannte Gallensäurebinder – zum Beispiel in Kapselform; oder der Wirkstoff Loperamid, der die Darmmobilität hemmt. Darüber hinaus werden auch wasserlösliche Ballaststoffe wie Flohsamen oder Johannisbrotkernmehl angewendet. Diese Quellstoffe sorgen dafür, dass der Stuhl länger im Darm bleibt und eingedickt wird. Aber auch bei Verstopfung werden sie eingesetzt, denn sie bewirken – mit genügend Flüssigkeit eingenommen – eine Zunahme des Stuhlvolumens und somit eine bessere Gleitfähigkeit. Geht die Verstopfung mit Krämpfen einher, lassen sich Öle aus Pfefferminze oder Kümmel in Kapselform, aber auch Anis und Fenchel wegen ihrer beruhigenden Wirkung verwenden. Diese pflanzlichen Mittel sind möglicherweise auch bei Blähungen hilfreich. 

Richtige Ernährung, Sport und Entspannung

Akute Beschwerden lassen sich häufig dadurch lindern, dass man für ausreichende Wärme sorgt. Manchmal wirkt bereits eine Tasse mit Pfefferminz-, Kamille- oder Fencheltee oder eine Wärmeflasche auf dem Bauch. In vielen Fällen ist es möglich, ein Reizdarmsyndrom mithilfe einer geeigneten Diät zu behandeln. Eine gängige Methode ist die sogenannte FODMAP-arme Ernährung, bei der unter anderem nur wenig Fructose, Lactose und Sorbitol verzehrt wird. Fructose ist in den meisten Obst- und Gemüsesorten – besonders stark zum Beispiel in Äpfeln – enthalten. Lactose ist das wichtigste Kohlenhydrat in der Milch, während Sorbitol ein häufig verwendeter Süßstoff ist. Grundsätzlich ist es hilfreich, seine Ernährungsgewohnheiten umzustellen. So sollte man statt einer großen Portion am Tag lieber mehrere kleine Mahlzeiten zu sich nehmen. Abzuraten ist von stark gewürzten, übermäßig süßen oder salzigen Speisen. Empfohlen wird, täglich mindestens zwei Liter Flüssigkeit zu trinken. Erfahrungsgemäß sorgen sportliche Betätigungen wie Schwimmen, Joggen oder Radfahren für eine geregelte Verdauung. Auf diese Weise ist es zudem möglich, Stress abzubauen und die Belastungen des Alltags besser zu verkraften – neben Entspannungs-übungen eine wichtige Methode, um einem Reizdarmsyndrom entgegenzuwirken. Lassen sich die Beschwerden nicht wie gewünscht lindern, ist bereits viel damit gewonnen, wenn die Betroffenen lernen, mit ihrer Erkrankung umzugehen. Hier hilft unter Umständen eine psychotherapeutische Unterstützung.

von Klaus Bingler

aus Orthopress 1/19

 

 

 

Fragen und Antworten

Welche Symptome sind typisch für das Reizdarmsyndrom?

Typische Symptome sind ständiger Stuhldrang, Durchfall, Verstopfung, Blähungen und Völlegefühl. Oft kommt es zu einer vegetativen Überreizung und Unruhezuständen.

Warum bekommt man Reizdarm?

Zu den häufigsten Ursachen für einen Reizdarm gehört chronischer Stress. Dies führt zu einer verringerten Durchblutung des Darms, sodass die Nährstoffaufnahme erschwert wird. Darüber hinaus können leichte Entzündungen oder Löcher in der Darmwand auftreten.

Wie lange dauert eine Darmreizung?

Die Symptome treten meist plötzlich auf, Die Dauer kann stark variieren. Sie reicht von wenigen Tagen bis zu einigen Wochen.

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