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Herr Dr. Morawe, was macht das Sprung- gelenk so einzigartig?
Dr. Morawe: Beim Sprunggelenk unter- scheidet man oberes und unteres Sprunggelenk – OSG und USG. Das OSG ist für unser charakteristisches Gangbild verantwortlich. Es besteht aus der Ge- lenkfläche des Schienbeinendes, Innen- und Außenknöchel sowie dem Sprung- bein („Talus“). Es erlaubt uns, den Fuß nach oben oder unten zu kippen und damit beim Gehen abzurollen. Seitliche Kipp- und Drehbewegungen dagegen werden vom USG ermöglicht. Das Zu- sammenspiel dieser beiden Gelenke er- laubt eine vieldimensionale Beweglich- keit, die Rotation und Kippen, aber auch Gleiten beinhaltet. Wir können damit den Schwerpunkt unseres Körpers in ge- wissen Grenzen praktisch beliebig ver- schieben. Diese komplexe Mechanik ist dafür verantwortlich, dass wir auf unebe- nem Boden genauso laufen können wie auf glattem Untergrund.
Dieser Aufbau macht das Sprunggelenk jedoch auch anfällig für Verletzungen. Warum ist das so?
Dr. Morawe: Das OSG muss auf einer Flä- che von etwa 20 cm2 unser gesamtes Körpergewicht tragen. Die Flächenbelas- tung ist also ungleich höher als etwa im Knie- oder Hüftgelenk. Dazu kommt, dass das Gelenk zu etwa vier Fünfteln von einer nur gut einem Millimeter di-
cken Knorpelschicht überzogen ist. Die- se Dimensionen machen schnell klar, dass bereits ein nur wenige Millimeter in der Ausdehnung messender Knorpel- schaden schnell zu einer Katastrophe werden kann. Unter Medizinern gibt es daher auch den Ausspruch „Das Sprung- gelenk verzeiht nichts“.
Wie kommt es zu Schäden am Sprung- gelenk?
Dr. Morawe: Man unterscheidet zwi- schen Schäden, die aus dem Gelenk selbst heraus entstehen und solchen, die verletzungsbedingt auftreten. Zu den im Gelenk selbst entstehenden Schäden gehört beispielsweise die Os- teochondrosis dissecans. Die Ursachen dafür sind nicht restlos geklärt; man geht aber davon aus, dass es dabei zu einer Minderversorgung eines kleinen Teils der Knochenfläche unter dem Ge- lenkknorpel kommt, wodurch sich ein kleines Stück des Gelenks ablöst und frei im Gelenk herumwandert. Verlet- zungsbedingte Schäden umfassen meist Anprallschäden, wie sie oft bei Sportunfällen auftreten – sogenannte Hochrasanztraumen – oder auch Verlet- zungen durch Umknicken. Dabei kann der Knorpelschaden eine direkte Folge durch Ausreißen eines oder mehrerer Bänder sein oder auch eine Spätfolge durch die entstandene Instabilität dar- stellen. Darüber hinaus können auch
Fußfehlstellungen durch eine unphysio- logische Belastung im langfristigen Ver- lauf zu Knorpelschäden führen.
Bei rechtzeitiger Entdeckung können die meisten dieser Schäden behoben werden, ohne dass das Gelenk versteift werden muss. Wie funktioniert das?
Dr. Morawe: Wir sind heute durch die moderne Arthroskopie und andere mini- malinvasive Verfahren wie die Mini- Open-Technik in der Lage, auch große Knorpelschäden zu behandeln, ohne an- dere Strukturen zu stark in Mitleiden- schaft zu ziehen. Abgesprengte und im Gelenk herumwandernde Knorpel-Kno- chen-Stücke, die noch intakt sind, kön- nen mit resorbierbaren Pins refixiert wer- den, sodass sie wieder anwachsen. Bei kleinen isolierten Knorpelschäden kann wie bei anderen Gelenken auch der Be- reich angefrischt und bis in die blutführen- den Schichten des unterliegenden Knor- pels hinein angebohrt werden, sodass Stammzellen an die Oberfläche treten können, die sich später zu belastbarem Faserknorpel ausdifferenzieren und da- mit die schadhafte Stelle selbst reparieren.
Was ist, wenn sich der Knorpel auf diese Weise nicht mehr reparieren lässt? Gibt es eine Möglichkeit, ihn zu ersetzen? Dr. Morawe: Bei größeren Knorpelverlet- zungen bis zu einem Fünftel der gesam- ten Gelenkfläche kann die Pridiebohrung
Knorpelverletzungen am Sprunggelenk
Versteifung vermeiden mit modernsten Verfahren
Unser Sprunggelenk ist in mehrerlei Hinsicht für unsere Fortbewegung wichtig: Die Kombination aus oberem und unterem Sprunggelenk bildet quasi eine doppelte Aufhängung und ermöglicht es uns, das Aufsetzen der Füße an den Untergrund anzupassen und den Körper in der Balance zu halten. Doch die Mechanik ist auch anfällig – so ist zum Beispiel eine Außenbandverletzung des oberen Sprunggelenks die häufigste Sport- verletzung überhaupt, erläutert Dr. André Morawe. Der Chefarzt an der ATOS Orthoparc Klinik in Köln-Junkersdorf weist darauf hin, dass eine rechtzeitige Behandlung hier besonders wichtig ist, da auch kleinste Schäden schwerwiegende Folgen nach sich ziehen können.
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