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Nervenschmerzen nach Operationen OFT SCHWIERIG ZU VERMEIDEN
Viele orthopädische Operationen werden heute minimalinvasiv, das heißt ohne große Schnitte und Gewebeverletzungen, durchgeführt. Dennoch lassen sich in vielen Fällen Nervenschädigungen nicht komplett vermeiden. Diese können dazu führen, dass beispielsweise Gelenkersatzoperationen nicht die gewünschte Schmerzlinderung erzielen oder gar neue Schmerzen auftreten.
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Nervenschmerzen – sogenannte neuropathische Schmerzen – unterscheiden sich grundle-
gend vom lokalen Schmerz, den wir etwa empfinden, wenn wir uns das Knie an einer Tischkante stoßen. Das normale Schmerzempfinden ist auf den Bereich um die Nervenenden her- um beschränkt und klingt wieder ab, sobald der Reiz nachlässt. Bei Nerven- schmerzen handelt es sich hingegen um unkontrollierte Aktivierungen der Schmerzbahn bis zum Gehirn, die völ- lig losgelöst von den an den Nerven- enden gesendeten Impulsen sind.
Ruheschmerz und hohe Schmerzempfindlichkeit
Aber wie stellt man eigentlich fest, ob es sich um einen lokal bestehenden, aber auszukurierenden Schmerz handelt, oder ob bereits eine Nervenschädigung besteht? Hierfür werden zunächst die Ausbreitung, also das Schmerzareal, sowie Art und Stärke der Schmerzen bestimmt. Meist lässt sich bei einem neuropathischen Schmerz dieser nicht nur innerhalb eines eng begrenzten Gebiets, sondern entlang des Nerven- verlaufs nachweisen, wobei zusätzlich Missempfindungen wie Brennen oder auch ein Taubheitsgefühl auftreten. Auch ist für einen Nachweis die Frage wichtig, ob die Schmerzen in Ruhe auf- treten. Häufig löst bei einer Nerven- schädigung bereits eine leichte Berüh- rung einen starken Schmerz aus. Diese „Allodynie“ genannte Berührungsemp- findlichkeit kann zum Beispiel dazu führen, dass Patienten mit einer Poly- neuropathie bereits das Aufliegen der Bettdecke als unerträglich empfinden. Auch der Berührungsschmerz bei ei- nem starken Sonnenbrand ist ein Bei- spiel für eine – allerdings vorüberge- hende – Allodynie.
Schmerzen nach Hüftgelenksoperationen
TrotzallerVorsichtkannesbeieinerHüft- gelenksoperation zu Nervenschmerzen kommen. Diese sind bei den modernen Operationsmethoden zwar nicht mehr so häufig wie früher, aber nicht gänzlich auszuschließen. Meist haben diese ihren Ursprung in einer Quetschung oder Über- dehnung eines Nervs durch OP-Haken oder beim Einrenken des Hüftgelenks.
Ein Durchtrennen von Nerven ist bei mini- malinvasiven Hüft-OPs heute jedoch sel- ten geworden, sodass sich die Beschwer- den in aller Regel nach spätestens ein paar Wochen zurückbilden. Doch nicht alle Nervenschmerzen sind auf eine me- chanische Beschädigung des Nervs wäh- rend der Operation zurückzuführen: Wie in einer Studie der Mayo Clinic aus dem Jahr 2014 herausgefunden wurde, kommt es in nicht wenigen Fällen zu einer immu- nologischen Reaktion des Körpers auf die Operation. Dabei fängt das Immunsys- tem an, körpereigene Zellen anzugreifen. Besonders betroffen ist hierbei der Ischi- asnerv. Die Patienten klagen zunächst über ein Kribbeln oder ein pelziges Ge- fühl im operierten Bein. Später kommt es dann zu einer muskulären Schwäche und oft starken Schmerzen. Typische Sympto- me für eine solche „immunologische Ner- venschädigung“ sind ein verzögertes und langsam stärker werdendes Auftreten der Beschwerden nach der Operation, starke Schmerzen und eine variable Lokalisa- tion der Missempfindungen. Sollte es nach der Hüft-OP zu diesen Symptomen kommen, muss natürlich immer auch eine mögliche Protheseninfektion ausge- schlossen werden.
Schmerzen nach Kniegelenksoperationen
Wesentlich häufiger als nach dem Ein- satz einer Hüftprothese kommt es zu Nervenschmerzen nach Kniegelenks- operationen. Diese treten nicht nur un- mittelbar nach dem Eingriff auf, son- dern bleiben in vielen Fällen bestehen. Während die Empfänger einer Hüftge- lenksprothese zu 95Prozent mit dem Eingriff zufrieden sind, gilt dies nur für etwa 80–85 Prozent der Kniegelenks-






















































































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