Muskelkrämpfe und Verspannungen

VonStefanie Zerres

Muskelkrämpfe und Verspannungen

Durch ein Wechselspiel von An- und Entspannung bestimmter Muskelgruppen und ihrer Gegenspieler sorgen Muskeln für die Dynamik des Bewegungsapparates sowie im Körperinneren von Organen. Von einem Muskelkrampf ist die Rede, wenn sich Muskelpartien unvermittelt stark anspannen, ohne direkt folgende Entspannung.

Ein solcher Krampf geht meist schnell vorüber. Muskelverspannungen dagegen sind zwar zunächst weniger schmerzhaft, bei längerem Bestehen können sie aber sogar zu ausstrahlenden Schmerzen führen.

Muskelkrämpfe, die nicht auf eine bestimmte Muskelgruppe beschränkt sind, also den Körper großflächig betreffen, treten meist bei schwerwiegenden Erkrankungen wie bei einer Tetanusinfektion oder einem epileptischen Anfall auf und sind sehr selten. Lokal begrenzte Verkrampfungen können im Grunde in jeder Muskulatur vorkommen. Magenkrämpfe bei einem Infekt oder Uteruskrämpfe während der Menstruation sind starke Kontraktionen von Organmuskeln, der sogenannten glatten Muskulatur. Dabei stellen sie ein Symptom dar. Doch auch ohne einen solchen körperlichen Vorgang oder eine Erkrankung kann es zu Muskelkrämpfen kommen. Man spricht von idiopathischen Muskelkrämpfen, wenn keine erkennbare Ursache vorliegt. Paraphysiologische Krämpfe liegen vor, wenn der Betroffene zwar gesund ist, aber bestimmte Voraussetzungen wie eine Schwangerschaft, Überlastung durch Sport oder ein Mangel an Elektrolyten vorliegen.

Waden- oder Fußkrampf

Zu letzteren zählen die Muskelkrämpfe, die wahrscheinlich jeden schon einmal um den Schlaf gebracht oder beim Sport für eine Unterbrechung gesorgt haben: der Waden- oder Fußkrampf. Diese unwillkürlichen Kontraktionen der quergestreiften Muskulatur sind unter Umständen sehr schmerzhaft. Meist halten sie nicht lange an und nur selten bleibt danach ein Gefühl wie eine Art Muskelkater zurück. Einfache Methoden wie Bewegung, eine Gegendehnung und Wärme helfen häufig bereits, die Muskulatur wieder zu lockern. 

Eine falsche bzw. einseitige muskuläre Belastung kann zu solchen Krämpfen führen. Dazu kann es beispielsweise an den Füßen durch Fußfehlstellungen kommen oder bei extremer sportlicher Anstrengung. Außerdem können Krampf-adern das Risiko für Muskelkrämpfe erhöhen. Viel bekannter und verbreiteter ist jedoch die Vermutung, dass ein Mangel an Elektrolyten wie Magnesium, Natrium, Kalium oder Kalzium ursächlich sein kann. So ein Mangelzustand kann beispielsweise auftreten, wenn bei großer körperlicher Anstrengung viel geschwitzt wird, aber nicht genügend neue Flüssigkeit aufgenommen wird. Außerdem entzieht Alkohol dem Körper Flüssigkeit, sodass es nach übermäßigem Konsum zu einem gestörten Elektrolythaushalt kommen und das Risiko für Muskelkrämpfe steigen kann. Bei Schwangeren kann es hormonell bedingt auch vermehrt zu Mineralstoffmangel und dadurch zu Muskelkrämpfen kommen. Ältere Menschen sind gefährdeter, wenn sie dauerhaft zu wenig trinken.

Besonders der Rat, Magnesium – auch über die zahlreich vorhandenen Nahrungsergänzungsmittel – bei Krämpfen der Waden- oder Fußgewölbemuskulatur zuzuführen, ist oft zu hören und wird von vielen Betroffenen angewendet. Der Nutzen dieser Substitution ist jedoch umstritten, da er bisher wissenschaftlich noch nicht belegt wurde, auch wenn bekannt ist, dass Magnesium zur Muskelentspannung beiträgt (während mithilfe von Kalzium Muskelfasern kontrahieren). Wer Nahrungsergänzungsmittel wie z. B. Magnesiumbrausetabletten nutzen möchte, sollte aber dabei eine Überdosierung vermeiden. Kritiker raten ohnehin von solchen Mitteln ohne ärztliche Verordnung ab und befürworten dagegen, im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung mit natürlichen Magnesiumlieferanten wie Nüssen, Kürbiskernen, Bananen, Kiwi oder Mineralwasser für einen Ausgleich des Elektrolytenhaushaltes zu sorgen.

Wirksam gegen Muskel-, insbesondere nächtliche Wadenkrämpfe ist das seit 200 Jahren gegen Malaria eingesetzte Chinin, welches auch für den typischen Geschmack mancher Bittergetränke sorgt. Die Substanz ist unter anderem ein Muskelrelaxans, durch das die Reizschwelle des Muskels herabgesetzt, die Reaktionszeit auf einen Reiz verlängert sowie die Aufnahme von Kalzium begünstigt wird. Als Arzneimittel ist Chinin seit zwei Jahren verschreibungspflichtig, da eine Einnahme aufgrund seltener, aber potenziell schwerer möglicher Nebenwirkungen engmaschig kontrolliert werden sollte bzw. bestimmte Patientengruppen nicht dafür infrage kommen.

Treten Muskelkrämpfe besonders häufig auf und lassen sie sich nicht durch die beschriebenen Maßnahmen bekämpfen, sollte ohnehin ein Arzt aufgesucht werden. Denn vielleicht liegt ein stärkerer Mineralstoffmangel vor, was eine Blutuntersuchung aufzeigen würde. Oder es handelt sich doch um Krämpfe, die aufgrund einer Erkrankung wie einer Schilddrüsenunterfunktion, einer Polyneuropathie, einer Lebererkrankung oder durch hormonelle Störungen auftreten. Auch durch bestimmte Medikamente wie z. B. Diuretika (wassertreibende Mittel), Cholesterinsenker oder Betablocker können Muskelkrämpfe begünstigt werden. 

Eine neue Hoffnung bei Muskelkrämpfen könnte zukünftig auch die Elektrostimulation sein, wie Forscher bei einer Studie zufällig herausfanden.

Muskelverspannungen 

Zu stark und zu lange angespannte Muskeln ohne entsprechende Entspannungsphasen können zu Schmerzen führen. Man spricht dann von Verspannungen. Häufig kommt es dazu, wenn die betroffene Köperregion überbelastet ist. Fehlhaltungen, einseitige Bewegungen oder Tätigkeiten ohne entsprechenden Ausgleich können für eine solche Belastungssituation verantwortlich sein.

Natürlich bringt jede Bewegung im Körper eine Anspannung der Muskulatur mit sich, diese sollte aber nicht dauerhaft bestehen. Denn dann verringert sich durch den erhöhten Muskeltonus die Durchblutung in der betroffenen Muskelpartie. Stoffwechselprozesse können dort nicht mehr richtig ablaufen und Entzündungen des Gewebes können entstehen. Die betroffenen Stellen sind verhärtet und oftmals sogar als solche Verhärtung tastbar. In Form von sogenannten Triggerpunkten – dies sind knotig-verdickte Muskelpartien – können die Verspannungen auch zu ausstrahlenden Schmerzen führen. Nehmen die Betroffenen – oftmals unbewusst – eine Schonhaltung ein, kann es durch die unphysiologische Haltung zu weiteren Verspannungen kommen, und ein Teufelskreis beginnt.

Ebenso wie bei Muskelkrämpfen kann Wärme auch bei Verspannungen sehr hilfreich sein. Dadurch entspannt die Muskulatur und die Durchblutung wird angeregt. Zusätzlich ist es aber auch immer wichtig, aktiv zu werden. Sport und Bewegungstherapie helfen, muskuläre Ungleichheiten zu vermeiden und die Muskulatur zu stärken. Starke Verspannungen können auch von spezialisierten Therapeuten mit verschiedenen manuellen Techniken aufgelöst werden. In jedem Fall sollten die Bedingungen, unter denen die Verspannungen entstehen, nachhaltig verbessert werden. 

von Sandra Müller-Jansen

aus ORTHOpress 2/17

 

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Stefanie Zerres administrator