Zahnmedizin

An jedem Zahn hängt ein ganzer Körper

Zahnmedizin und Osteopathie – Ganzheitliche Behandlung der Körperstatik

Die Erkenntnis, dass Zahnprobleme sich auf den gesamten Körper und damit das Allgemeinbefinden niederschlagen können, ist ein alter Hut – so denken viele, die schon einmal an einem vereiterten Backenzahn laboriert haben. Nicht ganz so bekannt ist aber, dass nicht nur Entzündungen an den Zähnen, sondern auch ihre Position im Kiefer wie auch untereinander zum einen großen Einfluß auf unsere Gesundheit nehmen können, zum anderen eine Menge darüber aussagen, ob bei uns „alles im Lot“ ist. Die Kölner Zahnärztin Prof. Dr. Christel Pfeifer und der Pulheimer Heilpraktiker Stefan Kraft erläuterten im Gespräch mit ORTHOpress, wie Zahngesundheit und Körperstatik voneinander abhängen.

Frau Prof. Dr. Pfeifer, Herr Kraft, wie können unsere Zähne von der Körperstatik beeinflusst werden und umgekehrt?

Kraft: Unsere Körperstatik besteht – wie ein Gebäude – aus vertikalen und horizontalen Strukturen, welche sich gegenseitig auf komplizierte Art und Weise abstützen. Schon geringe Veränderungen der Position der Querstrukturen (beispielsweise im Beckenbereich) führen so durch die Hebelwirkung zu einer Belastung der darüberliegenden Strukturen – das sind die Zwerchfell-, die Schulter-, und eben auch die Kieferachse. Das kann man sich leicht verdeutlichen, wenn man sich unseren Körper einmal vorstellt wie eine klassische Marionette, deren Bewegungen über ein Haltekreuz gesteuert werden: Schon eine Bewegung des Haltekreuzes um nur wenige Millimeter führt zu einer vergleichsweise großen Achsenrotation der Gliedmaßen. Eine ganz ähnliche Zugkraft, wie sie bei der Marionette über die Fäden aufgebracht wird, wirkt so z.B. bei einem Beckenschiefstand über durale Spannungen auf unser Kiefergelenk ein.

Was können die Auswirkungen einer solchen Achsenverschiebung sein?

Prof. Dr. Pfeifer: Solche Verschiebungen führen zu Muskelverspannungen und nehmen Einfluss auf den gesamten Organismus, indem sie den venösen Abfluss behindern und Stauungen hervorrufen. Dabei führt die Wechselwirkung zwischen Wirbelsäulenstatik und Kiefergelenk zu einem Teufelskreis, den man schon bald kaum noch durchbrechen kann. Auffällig ist, dass Menschen mit zurückliegendem Unterkiefer im Regelfall auch eine HWS-Lordose und zusätzlich eine LWS-Lordose aufweisen. So entsteht eine Stauung im hinteren Gaumenbereich und im Nasenboden – selbst die Atmung kann letzten Endes von einer solchen Fehlstatik betroffen sein. Typisch für solche Patienten sind häufige Kopf- und Nackenschmerzen, Spannungsgefühle und übergroße allgemeine Abgeschlagenheit. Meistens werden die Ursachen von Ärzten und auch Patienten zunächst im organischen Bereich gesucht: Wird dort dann nichts gefunden, so ernten Betroffene oft nur Achselzucken.

Wie kann man als Zahnarzt eine solche Entwicklung aufhalten?

Prof. Dr. Pfeifer: Zunächst muss der Zahnarzt dem Patienten bewusst machen, dass zwischen Zähnen und Organismus ein direkter Zusammenhang besteht. Dann kann man behutsam versuchen, die Fehlstellung zu beseitigen. Dies sollte aber nicht durch eine „harte“ Klammer erfolgen, denn die vermindert die ohnehin eingeschränkte Beweglichkeit der Kieferknochen noch weiter.

Eine wesentlich sanftere Möglichkeit, die ursprüngliche Statik wiederherzustellen, bietet der Einsatz des so genannten „Bionators“. Das ist ein individuell angepasster Bogen, der zwar einer Spange ähnelt, aber hinter der Zahnreihe eingesetzt wird. Er bewirkt im Zusammenspiel mit Speichel und Zunge eine Umbildung des Kieferbereichs mit der Korrektur von Fehlstellungen. Gegenüber der so genannten Multiband-Korrektur, bei welcher die Zähne quasi wie in einem Drahtgefängnis mechanisch fixiert werden, besteht der Vorteil des Bionators darin, dass die Zähne ihre Eigenbeweglichkeit erhalten. So leidet die Durchblutung im Zahnbereich nicht, und auch die Anfälligkeit für kariösen Befall ist wesentlich geringer.

Aber die Therapie mit dem Bionator allein kann wohl keine Veränderungen der Wirbelsäulenstatik bewirken. Wie greift nun die Osteopathie in dieses Geschehen ein?

Kraft: Mit einer osteopathischen Behandlung kann gezielt auf die Spannungen im Gewebe eingewirkt werden. Besonders die Cranio-Sacral-Therapie ist dafür sehr gut geeignet. Dabei geht es darum, die Biomechanik der Schädel- und Wirbelknochen und der Hirn- und Rückenmarkshäute wieder einzuregulieren, Blockaden zu überwinden und einen natürlichen Cranio-Sacralen Rhythmus wiederherzustellen.

Den Begriff „Cranio-Sacral-Therapie“ haben viele Leser vielleicht schon einmal gehört, ohne sich aber etwas Genaues darunter vorstellen zu können. Was zeichnet diese amerikanische Manualtherapie aus?

Kraft: In unserem Körper fließt die cerebrospinale Flüssigkeit (der “Liquor”) mit einer bestimmten Pulsrate (ca. 6-12 Hz) durch unser Gehirn und Rückenmark. Bei einem gesunden Menschen ist dieser Rhythmus von einem geschulten Physiotherapeuten an vielen Stellen im Gewebe wahrnehmbar. Bestehen nun aber Blockaden und muskuläre Verspannungen, so ist dieser Rhythmus unter Umständen so weit verändert, dass er nicht mehr spürbar ist oder nur noch unregelmäßig wahrgenommen werden kann. Ganz so wie bei einem Wanderer, der nicht mehr auf federndem Waldboden läuft, sondern sich den Weg durch zähen Morast bahnen muss, halten falsche Spannungsverläufe und Blockaden den natürlichen Energiefluss auf.

Diese Biomechanik kann nun durch eine komplexe Technik, die von kaum wahrnehmbaren  Berührungen bis hin zu kräftigen Griffen reicht, wieder ins Lot gebracht werden. So wird an den Schädelknochen, Membranen, Faszien und am Bindegewebe gearbeitet, um den Cranio-Sacralen Rhythmus zu harmonisieren und die Selbstheilungskräfte anzuregen.

Körperliche Beschwerden und Symptome neuromuskulärer Läsionen lassen an Intensität und Häufigkeit nach oder verschwinden vollständig. Darum ist diese Methode besonders gut geeignet, um Menschen mit akuten oder chronischen Schmerzen im Bereich des Schädels, der Halswirbelsäule und des Beckenbereichs zu helfen. Auch Patienten, die aufgrund von psychischem Stress und Überlastung verlernt haben, sich zu entspannen, können von dieser Behandlung profitieren.

Frau Prof. Dr. Pfeifer, Herr Kraft, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

 

aus ORTHOpress 04|2002
Alle Beiträge dienen lediglich der Information und ersetzen keinesfalls die Inanspruchnahme eines Arztes*in. Falls nicht anders angegeben, spiegeln sie den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wider. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

Cerasorb – nicht nur gut für Kieferknochen

Seit kurzem ist Cerasorb, eine sogenannte Biokeramik, uneingeschränkt für das gesamte Skelettsystem zertifiziert, wodurch weitere Anwendungen in der Orthopädie ermöglicht werden. Bisher kam das Produkt vorwiegend in der chirurgischen Zahnheilkunde und bei kleineren Knochendefekten zum Einsatz. Mit Cerasorb können Stellen, an denen Knochen fehlt, aufgefüllt werden, damit dort wieder Knochen einwachsen kann. Dies ist notwendig, da die Selbstheilung des Knochens ansonsten nur bis zu einer Defektgröße von 1 mm in einem Schritt funktioniert. Das rein synthetische Knochenaufbaumaterial Cerasorb besteht genau wie Knochen aus Calcium und Phosphat. Durch seine biologischen Eigenschaften ist es sehr gut verträglich und wird völlig in den Stoffwechsel des sich neu bildenden Knochens eingebunden. Es findet ein organischer Knochenaufbau statt, zeitgleich dazu wird Cerasorb nach und nach vollständig aufgelöst. Das Knochenaufbaumaterial erfüllt also seine Platzhalterfunktion nur so lange wie nötig, d.h. bis wieder der ursprüngliche Zustand hergestellt ist. Bisher mußten Patienten mit größeren Knochendefekten oft die Entnahme von Knochenspänen aus dem Beckenkamm zum Auffüllen dieser Lücken in Kauf nehmen. Mit Cerasorb könnten in Zukunft einige dieser schmerzhaften Zweiteingriffe entfallen. 

 

aus ORTHOpress 1 | 2002

Alle Beiträge dienen lediglich der Information und ersetzen keinesfalls die Inanspruchnahme eines Arztes*in. Falls nicht anders angegeben, spiegeln sie den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wider. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen. 

Wunschtraum vieler Menschen: Nie im Leben herausnehmbaren Zahnersatz benötigen

Moderne Zahnimplantologie macht es möglich

Für viele Menschen – besonders jüngere – ist der Gedanke, einmal auf ein klapperndes Gebiss angewiesen zu sein, ein Alptraum. Schlecht sitzende Zahnprothesen sind das Sinnbild für Alter und Einschränkung der Lebensqualität. Auch die meisten Menschen, die schon Prothesen tragen, würden lieber heute als morgen ihren Zustand ändern. Der Jungbrunnen wurde zwar noch nicht gefunden, aber Dank moderner Verfahren der Zahnchirurgie können fehlende Zähne oder ganze Gebisse jetzt fest im Kiefer verankert werden, so dass herausnehmbare Prothesen der Vergangenheit angehören könnten. Diese sogenannten Zahnimplantate sind in Ästhetik und Funktion nicht von echten Zähnen zu unterscheiden. 

Dr. Martin Schneider, Kölner Zahnarzt und Oralchirurg erklärt, wie das funktionieren kann: „Bei Implantaten wird nicht nur der sichtbare Anteil der Zähne ersetzt, sondern es wird auch sozusagen eine neue Wurzel im Kiefer verankert. Dies hat gegenüber den Prothesen, die der Schleimhaut und dem Knochen flächig aufliegen, entscheidende Vorteile. Zum einen bleibt die physiologische Belastung des Kiefers erhalten, weil die Kräfte beim Kauen genau wie bei eigenen Zähnen auf den Kieferknochen übertragen werden. Dadurch kommt es nicht zum Abbau im knöchernen Bereich. Implantatträger können demzufolge auch alles essen, selbst herzhafte Bisse in Schwarzbrot oder Äpfel sind problemlos möglich. Auch Sprechen, Lachen oder Küssen unterliegen keinerlei Beschränkungen. Zum anderen bleiben auch die Nachbarzähne vollständig erhalten, brauchen nicht beigeschliffen zu werden und werden auch nicht als Stützen für Teilprothesen missbraucht. Selbstverständlich müssen Zahnimplantate genau wie natürliche Zähne perfekt gepflegt und mindestens alle sechs Monate untersucht werden.“ 

Einsatz in zwei Schritten

Nicht nur einzelne Zähne können mit Implantaten ersetzt werden. Auch komplette Gebisse – sowohl im Unter- wie im Oberkiefer – können mit Implantaten aufgebaut werden. Dafür werden im Unterkiefer mindestens vier und im Oberkiefer mindestens sechs Implantate benötigt. Manchmal – wenn optimale Bedingungen vorliegen – können mit einem besonderen System sofort belastbare Dauerimplantate in den Unterkiefer eingepflanzt werden. Dies ist aber auf Einzelfälle beschränkt. Normalerweise verläuft der Einsatz in zwei Schritten. In einer ersten Operation wird die „Zahnwurzel“ aus Titan in den Knochen eingeschraubt. Sie muss einheilen und praktisch völlig in den Knochen integriert werden. Bei dem zweiten, kleineren Eingriff wird die Schleimhaut über dem Implantat mit einem kleinen Schnitt wieder eröffnet und der zahntragende Stift in die nun fest in den Knochen eingewachsene Titanwurzel eingesetzt. Während die erste Operation zwischen einer halben und sechs Stunden dauert, kann der zweite Eingriff in örtlicher Betäubung stattfinden. 

Das Problem bei dieser Methode liegt darin, dass die Implantate bei ihrer Einheilung in den Knochen keinerlei Belastungen ausgesetzt sein dürfen und in dieser Zeit auch keine Prothesen getragen werden können. Je konsequenter die Ruhigstellung gelingt, desto besser heilt das Implantat ein. Die Folge: Bis zur vollständigen Einheilung dürfen die Patienten nur flüssige Nahrung zu sich nehmen. Es ist klar, dass nur wenige Menschen dies auf sich nehmen können und wollen. Eine solche Leidenszeit seiner Patienten ist auch für Dr. Schneider nicht akzeptabel gewesen. Sie muss es auch künftig nicht mehr geben. 

Übergangslösungen schaffen Lebensqualität

Dr. Schneider hat in seiner Praxis den optimalen Kompromiss zwischen belastungsfreier Einheilphase für das Implantat und erhaltener Lebensqualität für seine Patienten gefunden. Die Lösung sind Hilfsimplantate, die sehr viel feiner und graziler als die Dauerimplantate sind. Sie werden gleichzeitig mit den Dauerimplantaten eingesetzt und können direkt belastet werden, das heißt, auf ihnen werden sofort festsitzende Zähne oder Prothesen befestigt. Die Patienten gehen also nach der Operation mit einem kompletten, funktionierenden Gebiss nach Hause. Die Implantate können nun in Ruhe einheilen und der Patient kann sein normales Leben weiter führen. Nach drei bzw. sechs Monaten, wenn die Endversorgung erfolgt, entfernt Dr. Schneider die Hilfsimplantate wieder. Zur Zeit gibt es leider erst wenige Praxen, in denen Patienten diese Möglichkeit angeboten wird. 

Implantate auch für Problempatienten geeignet

„Zu Beginn wird natürlich zunächst ein aufklärendes Gespräch geführt und festgelegt, welche Voruntersuchungen erforderlich sind“, erläutert Dr. Schneider die Vorgehensweise. Neben der Erhebung des Zahnstatus legt er großen Wert auf die Untersuchung des Allgemeinzustandes. Dies umfasst immer auch die Abklärung eventueller internistischer Vorerkrankungen. Bei Patienten mit Diabetes nimmt Dr. Schneider Kontakt mit dem Hausarzt auf, um festzustellen, wie die Einstellung der Zuckerkrankheit ist, denn schlecht eingestellte Diabetiker haben eine verzögerte oder gar gestörte Wundheilung. Deswegen sollten vor und nach einer Zahnimplantation die Blutzuckerwerte möglichst im Normbereich liegen. Wenn das der Fall ist, können auch Diabetiker unbedenklich mit Implantaten versorgt werden. Sie sind sogar eine Gruppe, die besonders von dieser Methode profitiert. Denn Diabetiker haben ein erhöhtes Parodontoserisiko und verlieren die eigenen Zähne oft schon in jungen Jahren. 

Allgemein kann man sagen, dass es nur ganz wenige Ausschlussgründe bei der Versorgung mit Implantaten gibt. Dazu zählt eine hochdosierte Cortisoneinnahme. Unter dieser Therapie kann die Wundheilung so verzögert sein, dass operative Eingriffe erst nach Abschluss der Behandlung erfolgen sollten. Auch Patienten unter Chemotherapie oder Tumorbestrahlungen im Kieferbereich sollten eine vorgesehene Implantateinsetzung erst einige Zeit nach Abschluss der Behandlung durchführen lassen. Dann sind Implantationen jedoch bedenkenlos möglich. 

Patienten, die Mittel zur Gerinnungshemmung oder Blutverdünnung, wie z.B. Marcumar oder ASS nehmen, sind vor operativen Eingriffen oft verunsichert. Auch bei ihnen können Implantate – nach entsprechender Vorbereitung – meist problemlos eingesetzt werden, stellt Dr. Schneider klar. Voraussetzung sei allerdings eine enge Zusammenarbeit mit dem betreuenden Hausarzt. 

Implantate, eine Investition fürs Leben

Bei Osteoporose haben Zahnimplantate wesentliche Vorteile gegenüber einer Versorgung mit Prothesen. Der Verlust an Knochenmasse ist ja umso geringer, je natürlicher ein Knochen belastet wird. Implantate übertragen den Kaudruck wie eigene Zähne auf den Knochen und können so dem weiteren Knochenverlust vorbeugen. Studien haben ergeben, dass auch bei bestehender Osteoporose Implantate fest im Knochen verwachsen und über viele Jahre stabil bleiben. Langfristige Lösungen zu schaffen, ist sowieso ein Hauptanliegen von Dr. Schneider. Die Implantation z.B. eines einzelnen Zahnes bei einem jungen Menschen erfolgt so, dass gegebenenfalls später Ergänzungen problemlos möglich sind. „Bei meinen Planungen frage ich mich immer, wie das wohl in 10 oder 15 Jahren aussehen wird,“ sagt er. Damit diese High-Tech-Medizin erfolgreich angewendet werden kann, müssen neben einer soliden Ausbildung, eine jahrelange Spezialisierung und die ausgezeichnete Kooperation mit dem Zahntechniker zusammenkommen. 

Ein so hoher Standard hat natürlich auch seinen Preis. Setzt man je Implantat inklusive der Krone einen Betrag von 5000 DM an, so ergeben sich unter Umständen schon beträchtliche Summen. Sie können aber praktisch auf die gesamte restliche Lebenszeit umgelegt werden und relativieren sich dadurch doch erheblich. Trotz der vielen Vorzüge dieses Verfahrens, werden die Kosten dennoch nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Die Privatkassen übernehmen aber die Kosten entsprechend dem Versicherungsstatus der Patienten.

 

ORTHOpress 4 | 2001

Alle Beiträge dienen lediglich der Information und ersetzen keinesfalls die Inanspruchnahme eines Arztes*in. Falls nicht anders angegeben, spiegeln sie den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wider. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen. 

Smile-Designer

Invisalign revolutioniert die Kieferorthopädie:„Die erste Kontaktlinse für die Zähne ist da“!

Erst das Lachen macht den Menschen zum Menschen, sagen Anthropologen. Und der Mund gilt seit der Antike als Tor zur Seele. Wie wichtig ein attraktiver Mund und schöne Zähne heutzutage sind, zeigt eine US-Studie: 94% der Befragten schauen im  Gespräch auf die Zähne des Gegenübers. Schöne gerade Zähne signalisieren Vitalität, Attraktivität und Lebensfreude. 90% glauben, dass Menschen mit einem attraktiven Lächeln mehr Erfolg im Leben haben.

Attraktivität und Lebensfreude sind keine Frage des Alters

Ein Großteil der Deutschen, quer durch alle Altersstufen, hat schiefe Zähne. Vor allem Menschen jenseits der 50 können ein Lied davon singen; Viele Jahre, ja, oft Jahrzehnte schon sind sie unzufrieden mit ihrem Gebiss, vermissen das Gefühl, offen und ungetrübt lachen zu können und fühlen sich dadurch in ihrem Lebensgefühl eingeschränkt. Das ist schade, besonders jetzt, in einem Lebensabschnitt, da man endlich anfangen wollte, wieder mehr an sich selbst zu denken.

Unattraktive „Schneeketten“

Trotzdem scheuen die meisten den Gang zum Kieferorthopäden, denn die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten waren wenig attraktiv: Da gibt es einmal die festverankerte Zahnspange aus Metall oder auch Keramik, die berüchtigten „Schneeketten“. Diese stören die Optik gewaltig und sind beruflich wie privat ein großes Handicap.

Als kleineres Übel erscheint die Lingualtechnik, inliegende Brackets, die die Sprache behindern und leicht zu Zahnfleischentzündungen führen.

Bei beiden Methoden ist die Hygiene ein großes Problem. Und was viele nicht wissen: Schiefe Zähne sind keineswegs nur eine rein ästhetische Angelegenheit, als Folge von Kieferfehlstellungen können chronische Nacken-, Kopf- oder Rückenschmerzen auftreten. Zudem verschlimmert sich der Zahnschiefstand mit den Jahren.

Neue, unsichtbare, Methode der Zahnkorrektur

Wer jetzt etwas für Gesundheit und Ästhetik tun will, ohne monatelang Tag und Nacht Metall im Mund zu haben, für den bietet Invisalign die Lösung: Die unsichtbare Zahnkorrektur.

Entwickelt wurde die innovative Behandlung im amerikanischen Silicon Valley von Align Technology. Am Beginn steht eine ausführliche Beratung beim Kieferorthopäden, der als Invisalign-Spezialist zertifiziert ist. Er nimmt eine Abformung vom Ist-Zustand der Zähne des Patienten.

Der Computer simuliert den komplette Behandlungsablauf bis zur optimalen Stellung der Zähne. Für jeden Einzelschritt berechnet ein 3D-Programm ein neues Modell des Zahnbogens. So entsteht eine ganze Serie von durchsichtigen Schienen. Jede einzelne korrigiert dabei die Zähne mit leichtem Druck. Der Patient bekommt alle zwei Wochen einen neuen Invisaligner. Mittlerweile gibt es weltweit über 40.000 zufriedene Patienten.

Lust auf schöne, gerade Zähne in jedem Alter

„Das Beste, was mir passieren konnte. Schade, dass es das nicht schon früher gab“, meint Christa Veitmann (54), eine attraktive, unternehmungslustige Frankfurterin. Jahrelang litt sie unter zwei schiefen Zähnen im Oberkiefer. Besonders einen hartnäckig nach außen gedrehten Eckzahn („meinen Vampirzahn“) akzeptierte sie nur zähneknirschend. Für Frau Veitmann ein echtes Problem, denn sie lacht gerne und fühlte sich zunehmend gehemmt. Als ihre Kinder vor Jahren Zahnspangen bekamen, informierte sie sich über die Möglichkeiten der Zahnkorrektur auch bei Erwachsenen. Doch der Preis, rund um die Uhr Metalldrähte im Mund zu tragen, war ihr zu hoch. Beim zweiten Anlauf, mit bereits 50 Jahren, bekam sie zu hören, die Investition in eine Zahnkorrektur lohne sich in ihrem Alter ja wohl kaum noch.

Doch auch davon ließ sich Christa Veitmann nicht abschrecken, und stieß schließlich auf die neue, transparente Methode. Inzwischen trägt sie die Invisaligners seit 4 Monaten, und erste Erfolge sind bereits sichtbar. Als besonders motivierend empfindet sie es, dass sie zusammen mit ihrem Arzt jederzeit den Behandlungsprozess am Computer verfolgen kann.

Gebiss im 3D – Modell

Vollkommen neu bei der Invisalign-Therapie ist der Ansatz, das Internet als Kommunikationsmedium zu benutzen. Die Kieferorthopäden schicken die Daten online an Align Technology und erhalten automatisch die benötigten Schienen. Die gesamte Behandlung ist in einer filmähnlichen Sequenz im Internet abrufbar. So kann der Arzt dem Patienten jederzeit den Ist- wie auch den Soll Zustand im Film zeigen. Die Behandlung dauert zwischen 10 und 18 Monaten. Die Kosten variieren dabei zwischen 5.000 und 9.000 Mark und liegen somit nur 10% höher als bei den herkömmlichen  Spangen. Viele Kieferorthopäden bieten auch attraktive Finanzierungsmodelle an.

Dr. Reinald-R. Miethke: „Die Invisalign-Methode ist ideal für bestimmte Zahnfehlstellungen bei Erwachsenen, die bisher aus privaten oder beruflich Gründen eine Behandlung ablehnten. Die neue Therapie ist bequem, ästhetisch und hygienisch. Dem Patienten geht es in erster Linie um Ästhetik. Für die Kieferorthopädie sind eine normale orale Funktion und eine regelmäßige Mundhygiene während der Behandlung äußerst wichtig. Sie sind für die Behandlungszeit, und auch später, ein bedeutender Faktor zum Vorbeugen von parodontalen Erkrankungen. Invisalign verbindet so Ästhetik und Zahngesundheit auf optimale Weise.“

 

OTRHOpress 4 | 2001

Alle Beiträge dienen lediglich der Information und ersetzen keinesfalls die Inanspruchnahme eines Arztes*in. Falls nicht anders angegeben, spiegeln sie den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wider. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen. 

„Ein Krückstock für die Zähne“

Kiefergelenktherapie als Therapie mit Biss

Die weit verbreiteten Fehlstellungen an den Kiefergelenken können nicht nur auf eine anlagebedingte Störung, wie z.B. einen Schmalkiefer, oder auf schlechte Angewohnheiten (wie Daumenlutschen, Zähneknirschen oder auch Telefonieren bei Schieflage des Kopfes, mit eingeklemmtem Hörer) zurückgeführt werden, sondern auch auf zahnärztliche Maßnahmen selbst (Ersatzfüllungen, Kronen, Kieferorthopädie usf.). Noch fataler als die Vielfalt der Ursachen sind hier die Konsequenzen. Denn hat man erst einmal den „richtigen Biss“ verloren, so kann es zu weit reichenden Erkrankungsfolgen im gesamten Organismus kommen. Was Rückenschmerzen in der Zahnheilkunde verloren haben und welche ungeahnten Zusammenhänge unseres Kauorgans mit anderen Körpersystemen überhaupt bestehen, dazu hat Orthopress Sabine Herbricht, Zahnärztliche Praxisgemeinschaft in der Kölner „Klinik am Ring“, befragt.

Frau Herbricht, was ist, einmal abgesehen von ästhetischen Gesichtspunkten, so gravierend an einer Kiefergelenkfehlstellung?

Zunächst muss man wissen, dass sich das Kiefergelenk aus unterschiedlichsten Gründen absenken kann und also immer tiefer an die Schädelbasis gelangt. Dabei baut sich ein Druck auf, bei dem nur unter anderem Nerven und Blutbahnen eingeklemmt werden. Wenn nun das Kiefergelenk und das übrige System nicht in Harmonie zueinander stehen, kann es zu verschiedenen schmerzhaften Symptomen kommen: neben Zahnschmerzen und Schmerzen im Kiefergelenk oder bei der Unterkieferbewegung auch zu Kopfschmerzen, Ohrenschmerzen, Ohrensausen (Tinnitus), dem sog. Barotrauma (also Schwierigkeiten beim Druckausgleich in den Ohren z.B. im Flugzeug oder beim Tauchen), zu Gesichtsschmerz, Schmerzen im Hals-, Schulter-, Rücken- sowie Brustbereich.

Worauf gründet ein solcher Erkrankungsmechanismus und was hat der Zahnarzt damit zu tun?

Zwischen dem cranio-sakralen System, kurz: CSS, seiner Muskulatur und der Funktion des Kiefergelenks besteht ein enger Zusammenhang. Deshalb ist hier insbesondere auch aus zahnärztlicher Sicht eine Ganzheitsmedizin gefordert. – Im knöchernen Cranium also gibt es Bestandteile, die sozusagen in das Ressort des Zahnarztes fallen, nämlich die beiden Kiefergelenke. Über deren intakten Zustand bestimmt dabei in zentraler Weise die sog. Okklusion der Zahnreihen, also das Zusammenspiel von Ober- und Unterkiefer, welche eine anatomische und funktionelle Einheit bilden. Eingriffe an den Zahnreihen können also niemals unabhängig vom Zustand der Kiefergelenke gesehen werden. Damit aber stehen wiederum die okklusale Situation und der craniale Rhythmus in einem engen Wechselbezug zueinander. Konkret gesprochen: Eine dauernde Fehlhaltung des Kopfes z.B. kann zu einem schlechten Biss führen. Und umgekehrt: Wird durch eine zahnärztliche Maßnahme die Okklusion beeinträchtigt, dann kann es in der Folge u.U. etwa zu einem Beckenschiefstand und einer funktionellen Beinlängendifferenz kommen. Fest sitzende „Zahnspangen“ im sich entwickelnden kindlichen Gebiss etwa können möglicherweise nicht nur Zahnschmerzen und Kiefergelenkprobleme hervorrufen, sondern auch Muskelverspannungen.

Was ist unter dem cranio-sakralen System genau zu verstehen?

Zur Erklärung muss etwas weiter ausgeholt werden. Von einem System sprechen wir deshalb, weil unser Schädel (Cranio) bzw. die Bewegungen seiner einzelnen Teile sich durch den Wirbelkanal bis zum Kreuzbein (Os sacrium) hin fortsetzen. – Früher nahm man an, der Schädel sei eine Art „knöcherner Stahlhelm“, der lediglich dazu diene, die da­runterliegenden Hirnanteile zu schützen. Heute weiß man, dass es sich bei den knöchernen Strukturen des Schädels um ein schwingungsfähiges Element im Organismus handelt. Der Schädel selbst nämlich ist aus einem sehr komplexen Gefüge zahlreicher Schädelknochen aufgebaut. Diese bilden ein dreidimensional ineinandergreifendes Räderwerk, wobei sich ein jeder Schädelknochen in allen drei Ebenen jeweils in zwei Richtungen (hin und her, vor und zurück, von medial nach lateral), also in sechs Richtungen bewegt. Dabei „pendeln“ die Schädelknochen insgesamt in einer Art „Atembewegung“ – man spricht hierbei auch von der sog. „Schädelatmung“. D.h. sie bewegen sich rhythmisch, zwischen Verkürzung, Ausdehnung, Verlängerung und Verschmälerung während eines bestimmten Zeitraums abwechselnd, ohne dass sich das Volumen des Schädels hierbei quantitativ verändern würde. Nicht nur kann dieser Bewegungsrhythmus pathologisch verändert, also erhöht oder vermindert sein, auch einzelne Schädelknochen können derart verklemmt oder verschoben sein, dass ihre Beweglichkeit und damit die des gesamten Systems eingeschränkt ist.

Wie lassen sich solche Fehlfunktionen im CSS bzw. Kiefergelenk feststellen?

Die zentrale Basis der Diagnose geben hier zunächst Röntgenbilder und Abformungen sowie eine manuelle Funktionsdiagnostik ab, also Untersuchungen ähnlich einer kieferorthopädischen Vermessung. Die Modelle werden dann im sog. Artikulator, einem dreidimensional verstellbaren Gerät, derart übereinander gestellt, dass eine Körpersymmetrie gegeben ist. Dabei bedient man sich vorwiegend knöcherner Orientierungspunkte – die Zähne werden nahezu außer Acht gelassen. Fixiert wird das Ganze durch Wachsquetschbisse. Anschließend untersuchen wir das Kiefergelenk, den Rücken, das Becken und die Beinbeweglichkeit in Abhängigkeit voneinander. Nach dem Einsetzen des Wachsquetschbisses wird erneut – mit Hilfe der kinesiologischen Tests – die Kiefergelenkslage sowie Körpersymmetrie überprüft. Von zentraler Bedeutung ist dabei, ob der Patient den willkürlich im Artikulator eingestellten Biss auch findet und inwiefern sich dieser positiv auf seine Kiefergelenkslage, seine Rücken- und Hüftbeweglichkeit, ggf. auf funktionelle Beinlängenunterschiede sowie die Körpergesamtspannung auswirkt.
Sofern bei der Testung dieser Parameter hinsichtlich der Bisslage überwiegend positive Ergebnisse erzielt werden, wird eine entsprechende Unterkiefer-Aufbissschiene aus klarem Kunststoff hergestellt, eine nach ihrem Entwickler so genannte Gelb-Schiene. Diese sollte vom Patienten immer, d.h. während 24 Stunden getragen werden. Die Schiene wird durch einen Metallbügel mit den unteren Schneidezähnen verbunden, was dem Träger ein artikuliertes, unbeeinträchtigtes Sprechen ermöglichen soll.

Und damit lassen sich sämtliche Fehlfunktionen beheben?

Die Schiene ist als ein „Krückstock auf Zeit“ anzusehen. Mit Hilfe des Aufbissbehelfs ist es möglich, das unkoordiniert arbeitende Kauorgan (zunächst) ohne Korrekturen an der natürlichen Bezahnung zu stabilisieren. Sie soll etwa drei Monate lang getragen werden. Begleitend zur Schienentherapie werden physiotherapeutische Maß­­nahmen als Kombination von cranio-sakraler Osteopathie und manueller Therapie durchgeführt. Es erfolgt dabei mittels einer speziellen Fingertechnik eine sanfte Manipulation und Stellungskorrektur der entsprechenden Schädelknochen. Wenn sich mit dem neu konstruierten Biss der Muskeldruckschmerz verändert, wenn sich die Rücken- und Hüftbeweglichkeit verbessert und die Ganzkörperspannung nachlässt und wenn sich unter der Behandlung der Zustand des Patienten stabilisiert, so fangen wir an, uns aus der Schienentherapie „auszuschleichen“: Der Patient wird stundenweise und – bei dauerhaftem Therapieerfolg – schließlich ganz der Schiene entwöhnt.

Durch diesen therapeutischen Ansatz wird der Verantwortungsbereich des Zahnarztes ja erheblich erweitert?

Durch ein ganzheitlich orientiertes Vorgehen wird es aber eben möglich, anstatt nur oberflächlich Symptome zu behandeln, auf die grundlegenden Probleme positiv einzuwirken. Und andererseits lassen sich dadurch negative Auswirkungen auf das Gesamtsystem – durch entsprechende Maßnahmen an den Zähnen – vermeiden. Deshalb behandeln wir auch beim Zahnersatz immer kiefergelenksbezogen.

Frau Herbricht, herzlichen Dank für Ihre Ausführungen!

 

Ein Archivbeitrag* aus ORTHOpress 2 | 2000

*Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

„Nicht länger auf dem Zahnfleisch gehen …“

Modernes High-Tech-Konzept zur Behandlung der Parodontitis

Frau Dr. Rasche, ein Drittel der Gesamtbevölkerung ist von Parodontitis betroffen, was sind die Ursachen?

Anders, als vielfach angenommen wird, handelt es sich nicht um eine anlagebedingte, sondern vielmehr eine infektiöse Erkrankung, die also vom Prinzip her vermeidbar wäre. Hervorgerufen bzw. begünstigt wird sie vor allem durch eine mangelhafte Mundhygiene im Zusammenhang mit der zivilisationsbedingten Ernährung, insbesondere durch daraus resultierende Mangelerscheinungen. Vitamin C etwa ist essenziell für die Gesundheit des Zahnfleischs; insofern zählt Rauchen zu den größten Risikofaktoren, denn bei Rauchern ist ja bekanntlich der Vitamin-C-Gehalt im Blut um 40% herabgesetzt. 

Nun gibt es ja eine Reihe von Produkten der Zahnpflegeindustrie, die zur Anwendung bei Parodontitis gedacht sind.

Diese Produkte wirken allenfalls desinfizierend; die Infektion selbst wie auch ihre Folgen, fortschreitender Zahnfleischschwund und auch Verlust an Knochensubstanz, werden dadurch nicht angegangen. – Dazu muss man wissen: Bei einer akuten Parodontitis hat man sozusagen als Summe eine Wundfläche in der Mundhöhle, welche die Größe eines Handtellers erreichen kann. Von hier aus gelangen Bakterien bzw. Keime und die von ihnen produzierten Toxine in den Blutkreislauf und können schwerwiegende Allgemeinerkrankungen auslösen. Nach neuesten Erkenntnissen erhöht sich bei Parodontitis das Herzinfarktrisiko, aber auch das Risiko für Diabetes mellitus oder eine Frühgeburt z.B. bis um das Siebenfache.

Gibt es Möglichkeiten, vor Eintreten einer Infektion herauszufinden, ob man zu den Betroffenen zählt?

Ja, wir eruieren das persönliche Risikoprofil des Patienten anhand der bakteriellen Beläge und einer Keimanalyse in der Mundhöhle. Zur diagnostischen Bestimmung des Erkrankungsgrades bei vorliegender Parodontitis wird dann u.a. das jeweilige Ausmaß des Knochenabbaus durch die Zahnfleischuntersuchung mit Hilfe einer Sonde bestimmt und ggf. mittels Röntgen überprüft. 

Wie wird die Infektion behandelt?

Grundsätzlich richtet sich die Parodontitis-Therapie nach dem jeweiligen Stadium der Erkrankung. Dazu stehen uns eine Reihe von verschiedenen Behandlungstechniken zur Verfügung, die es insgesamt ermöglichen, sämtliche Stadien therapeutisch zu beherrschen. Das technologisch hohe Niveau dieser Verfahren erlaubt dabei in allen Fällen ein äußerst patientenschonendes Vorgehen, d.h. eine maximal atraumatische und schmerzfreie Behandlung.

Basis einer jeden Behandlungsform ist zum einen die Entfernung der Beläge oberhalb des Zahnfleischs, zum andern die Substitutionstherapie mittels der orthomolekularen Medizin, um die Risiko- bzw. die infektionsauslösenden und -unterhaltenden Faktoren unmittelbar zu beeinflussen. Nach individueller Austestung des Patienten werden dann entsprechend Vitamin C, Antioxidantien, Betacarotin, Coenzym Co 10, Folsäure usf. verabreicht.

Mittels einer innovativen, aus den USA stammenden Ultraschalltechnik sind wir in der Lage, auf besonders schonende Weise die Keime bis in der Tiefe der Zahnfleischtaschen auszuspülen, erkranktes Gewebe schmerzfrei zu entfernen und derart die Zahnfleischtaschen zu verkleinern. Im fortgeschritteneren Stadium ist häufig auch eine begleitende Antibiotika-Therapie vorgesehen.

Wenn nun aber der Knochen durch eine fortgeschrittenere Entzündung bereits an Substanz verloren hat?

Je nach Ausmaß stehen uns hierbei vor allem zwei Techniken zur Verfügung. In frühen und mittleren Phasen des Zahnfleisch- und Knochenschwundes bringen wir unter einem hoch auflösenden OP-Mikroskop Knochen-bildende Substanzen, spezielle Wachstumsfaktoren in Gelform, in die betroffenen Zahnfleischtaschen ein und verschließen diese dann mit haarfeinen Nähten. – Bei großen Knochenverlusten bedienen wir uns eines ebenfalls aus den USA stammenden, neuartigen mikrochirurgischen Verfahrens, der sog. GTR, Guided Tissue Regeneration, also der gesteuerten Geweberegeneration. Diese Membrantechnik zur biologischen Anregung der Knochenbildung erlaubt uns sogar die Behandlung bereits gelockerter Zähne: Hierzu werden dünne Membranen, eine Art synthetische Tücher, die vom Körper später selbstständig abgebaut werden, im Bereich der Knochentaschen aufgelegt. Sie fungieren als Barrieren gegen das nach der Säuberung einsprossende Bindegewebe, so dass der Knochen in einem Zeitraum von etwa 8 Wochen die Möglichkeit hat nachzuwachsen. Dadurch erhalten die Wurzeln neue Stabilität, die Zähne werden wieder fest. 

Was gilt es nach der Behandlung zu beachten?

Wir können zwar mit Hilfe der genannten Verfahren sämtliche Formen von entzündlichen Zahnfleischerkrankungen ausheilen. Doch um eine neuerliche Keimbildung auszuschließen, ist auch die Eigenverantwortung der Patienten gefordert. Je nach Stärke der Infektion sollte sich der Parodontitis-Patient alle drei bis spätestens sechs Monate in Kontrollbehandlung begeben. Eine lückenlose Nachsorge vorausgesetzt, welche eine regelmäßige professionelle Zahnreinigung sowie die genannte Substitutionstherapie zum Aufbau einer gesunden Mundflora umfasst, haben die Patienten sehr hohe Erfolgsaussichten auf eine dauerhafte Heilung. Auch kommt diesen Maßnahmen im Rahmen der Prophylaxe eine große Bedeutung zu.

Frau Dr. Rasche, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

ORTHOpress 4 | 2000
Archivbeiträge spiegeln den Stand zur Zeit der Erstveröffentlichung wieder. Die aktuelle Einschätzung des Sachverhalts kann durch Erfahrungszuwachs, allgemeinen Fortschritt und zwischenzeitlich gewonnene Erkenntnisse abweichen.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von Mailerlite zu laden.

Inhalt laden

Jetzt für unseren Newsletter anmelden!